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Das Ende der DDR

Vom 7. Oktober bis zum 11. November 1989

Der Rückblick auf die unglaublichen Ereignisse in Deutschland im Herbst 1989 verursacht bei den Betrachtern auch heute noch Gänsehaut. Wie die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR die Dimensionen eines Requiems annahmen, wie die Sprechchöre "Wir sind das Volk" zuerst den SED-Generalsekretär Erich Honecker zu Fall und dann den Staat zum Einsturz brachten, gehört zu den emotionalsten und schönsten Momenten der deutschen Geschichte überhaupt. Wir blicken in "Was geschah am ...?" auf diese Wochen zurück. Eine Chronik der Ereignisse.

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Die Mauer trennte zwei deutsche Staaten über 28 Jahre hinweg.
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Die Mauer trennte zwei deutsche Staaten über 28 Jahre hinweg.
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Was geschah vom 1. bis zum 8. Oktober 1989?

Die Mauer trennte zwei deutsche Staaten über 28 Jahre hinweg.

Ost-Berlin. Zu einem bizarren Schauspiel geraten die Feierlichkeiten zum 40. Gründungstag der DDR. Während die alte Führungsriege unter Staats- und Parteichef Erich Honecker Militärparaden und Aufmärsche abnimmt, als sei nichts geschehen, verleiht die Bevölkerung ihren Forderungen nach Veränderungen in einer Demonstrationswelle Ausdruck, die das ganze Land erfasst.

Die »Süddeutsche Zeitung« kommentiert weitsichtig: »Ein Jubelfest hätte die Vierzigjahrfeier der DDR werden sollen, doch sie wurde etwas anderes: fast ein Requiem.«

Die offiziellen Feiern begannen am Abend des 4. Oktober mit einem Großen Zapfenstreich am Mahnmal für die Opfer des Faschismus in Ost-Berlin. Am 5. Oktober folgten Kranzniederlegungen an mehreren Gedenkstätten, einen Tag später ein Festakt im Palast der Republik mit anschließendem Fackelzug der SED-Jugendorganisation. Den Abschluss der Jubiläumsfeiern bilden am 7. Oktober eine Militärparade in Ost-Berlin und Volksfeste im ganzen Land.

Ihre Entschlossenheit, die Feierlichkeiten keinesfalls stören zu lassen, stellten die DDR-Behörden am 5. Oktober unter Beweis, indem sie die Grenzen innerhalb Berlins fast vollständig schlossen. Mehreren 1000 Bundesbürgern, Westberlinern und Touristen aus dem westlichen Ausland wird die Einreise in die DDR verweigert.

Einen unbequemen Gast kann Honecker indes nicht aussperren, den sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow, dessen Reformpolitik bei der DDR-Führung bislang auf taube Ohren stieß. Gorbatschows Jubiläumsrede löst allerdings Enttäuschung aus. Der Gast aus Moskau berichtet über das »neue Denken« in seinem Land, mahnt aber mit keinem Wort die Genossen in der DDR zum Umdenken. Er äußert vielmehr die Überzeugung, dass die SED imstande sei, die anstehenden Probleme selbst zu lösen.

Abseits des offiziellen Geschehens wird Gorbatschow deutlicher. Auf die Frage eines Journalisten, ob die jetzige Lage in der DDR gefährlich sei, antwortet er: »Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.« Inoffiziell fällt, an die Adresse Honeckers gerichtet, sein berühmter Satz: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.«

Der SED-Chef zeigt sich unbeeindruckt. Er rühmt in seiner Jubiläumsrede die Errungenschaften der DDR und macht keinerlei Andeutungen, dass es in Zukunft Veränderungen der bisherigen Politik geben werde. Auf die Protestwelle und die Massenausreise aus der DDR geht er nur indirekt ein: »Die zügellose Verleumdungskampagne, die derzeit, international koordiniert, gegen die DDR geführt wird, zielt darauf ab, Menschen zu verwirren und Zweifel in die Kraft und die Vorzüge des Sozialismus zu säen«.

Unterdessen versammeln sich in Ost-Berlin, Dresden, Leipzig, Potsdam, Plauen und Jena Tausende von Menschen zu Protestdemonstrationen. Überall gehen die Sicherheitskräfte mit Schlagstöcken, z.T. auch mit Wasserwerfern gegen die friedlichen Demonstranten vor. Rund 1000 Personen werden festgenommen.

Westliche Journalisten und Fernsehteams, die von den Kundgebungen berichten wollen, werden an der Arbeit gehindert. Am 8. Oktober müssen etliche Journalisten die DDR verlassen; einige Bereiche von Ost-Berlin werden zum »polizeilichen Einsatzgebiet« erklärt und für Pressevertreter gesperrt. Die DDR-Nachrichtenagentur ADN berichtet über die »Randalierer«: »Im Zusammenspiel mit westlichen Medien rotteten sie sich am Alexanderplatz zusammen und riefen republikfeindliche Parolen. Der Besonnenheit der Schutz- und Sicherheitsorgane ist es zu verdanken, dass beabsichtigte Provokationen nicht zur Entfaltung kamen.«

Was geschah vom 9. bis zum 17. Oktober 1989?

Die Mauer trennte zwei deutsche Staaten über 28 Jahre hinweg.

Leipzig, 9. Oktober. Im Anschluss an den montäglichen Friedensgottesdienst in der Nikolaikirche versammeln sich etwa 70 000 Menschen, um unter dem Motto »Wir sind das Volk« für Demokratie und eine Umgestaltung der DDR zu demonstrieren. Die Sicherheitskräfte, die in großer Zahl schon seit dem frühen Nachmittag an zentralen Punkten postiert sind, greifen nicht in das Geschehen ein.

Die Leipziger Montagsdemonstrationen begannen im August: Einige 100 Menschen gingen zunächst noch ohne Spruchbänder auf die Straße, um ihre Forderung nach Reformen zum Ausdruck zu bringen. Am 25. September nahmen bereits 6000 Menschen an der Kundgebung teil, von Montag zu Montag kommen mehr Menschen dazu.

Die Behörden versuchen die Demonstranten als »Rowdys und Randalierer« abzutun und sprechen von »ungesetzlichen Zusammenrottungen«. Am 9. Oktober, zwei Tage nach dem brutalen Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Demonstrationen in mehreren Städten, scheint in Leipzig der Moment der Entscheidung gekommen. Einheiten der Volkspolizei und der Betriebskampfgruppen wurden zusammengezogen, am Stadtrand von Leipzig stehen Panzer der Nationalen Volksarmee bereit, Piloten der Hubschrauberstaffel aus der 150 km entfernten Albert-Zimmermann-Kaserne haben »Führungsbereitschaft«, Krankenhäuser bereiten sich auf die Versorgung einer größeren Zahl von Verletzten vor.

Wem es zu verdanken ist, dass die Sicherheitskräfte nicht zuschlagen, bleibt unklar. Manfred Gerlach, der Vorsitzende der Blockpartei LDPD, erklärt am 16. Oktober, Parteichef Erich Honecker habe schriftlich angeordnet, »mit aller Gewalt die Demonstrationen niederzuschlagen«. Egon Krenz, als ZK-Sekretär für Sicherheit für bewaffnete Einsätze zuständig und vom 18.Oktober an Honeckers Nachfolger, habe dagegen befohlen, auf keinen Fall mit Waffengewalt gegen die Demonstranten vorzugehen.

Anderen Angaben zufolge trägt der Chef des Leipziger Gewandhaus-Orchesters, Kurt Masur, einen großen Anteil am friedlichen Verlauf der Kundgebung. Ihm ist es gelungen, drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung für einen Aufruf zu gewinnen, in dem die Bereitschaft zum Dialog zugesichert wird und die Demonstranten zu Besonnenheit aufgerufen werden.

Was geschah am 18. Oktober 1989?

Die Mauer trennte zwei deutsche Staaten über 28 Jahre hinweg.

Ost-Berlin. 18. Oktober. Unter dem Druck der Ausreisewelle von DDR-Bürgern und der anhaltenden Massenproteste gegen die Staats- und Parteiführung tritt Erich Honecker nach 18-jähriger Amtszeit aus »gesundheitlichen Gründen« als SED-Generalsekretär zurück. Sein Nachfolger wird Politbüromitglied Egon Krenz, der am 24. Oktober auch das Amt des Staatsratsvorsitzenden übernimmt.

Nach den Ereignissen der letzten Wochen kommt die Ablösung Honeckers nicht überraschend. Die Staatsführung konnte auch durch massives Eingreifen von Polizei und Staatssicherheit die Protestkundgebungen nicht unterbinden. Deshalb signalisierte die SED am 11. Oktober mit einer Erklärung an das Volk erstmals eine gewisse Diskussionsbereitschaft. Honecker, der jegliche Reformen ablehnte, passte nicht mehr zu der neuen Linie.

Die Entscheidung für Egon Krenz als neuem Spitzenmann der DDR bedeutet allerdings für viele eine Enttäuschung. Der 53-jährige galt schon länger als »Kronprinz« Honeckers und wird eher den Hardlinern innerhalb der SED zugerechnet. Krenz verteidigte die brutale Niederschlagung der Demokratiebewegung in der Volksrepublik China. Ihm werden u.a. die Übergriffe der Sicherheitskräfte auf Demonstranten am 7. Oktober angelastet.

Nach seinem Amtsantritt zeigt sich Krenz jedoch sichtlich um Reformen und Dialogbereitschaft bemüht. Augenfällige Veränderungen gibt es vor allem in den DDR-Medien. Die SED-Zeitung »Neues Deutschland« druckt erstmals auf mehreren Seiten kritische Leserbriefe ab. Das Fernsehen lässt Oppositionelle zu Wort kommen. TV-Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler, mit seinem »Schwarzen Kanal« 29 Jahre Speerspitze der SED-Propaganda, muss am 30. Oktober seinen Sessel räumen.

Weitere Beweise des guten Willens sind eine Amnestie für Flüchtlinge und Demonstranten und die Ankündigung eines Reisegesetzes, das jedem DDR-Bürger Westreisen von bis zu 30 Tagen pro Jahr erlaubt. Alle Veränderungsansätze können jedoch die Protestwelle nicht stoppen.

Was geschah am 4. November 1989?

Die Mauer trennte zwei deutsche Staaten über 28 Jahre hinweg.

Ost-Berlin, 4. November. Bei der größten Massendemonstration in der Geschichte der DDR, zugleich der ersten von den Behörden genehmigten Kundgebung der Opposition, fordern etwa eine Million Menschen auf dem Alexanderplatz u.a. freie Wahlen, Meinungsfreiheit, die Abschaffung des Machtmonopols der SED, den Rücktritt der Regierung und die Zulassung von Oppositionsgruppen. Das DDR-Fernsehen sendet unangekündigt eine Direktübertragung der dreistündigen Abschlussveranstaltung

Bereits in den frühen Morgenstunden treffen Hunderttausende von Menschen aus allen Teilen der DDR in Ost-Berlin ein. Der Protestzug setzt sich schließlich 40 Minuten früher als geplant in Bewegung, weil der Platz vor dem Gebäude der Nachrichtenagentur ADN die Menschenmassen nicht mehr fasst.

Auf dem Weg zum Alexanderplatz pflastern die Demonstranten die Treppen zum Palast der Republik (Sitz der Volkskammer) und die Wände des Staatsratsgebäudes, wo Staats- und Parteichef Egon Krenz residiert, mit Parolen auf Tapetenbahnen. Diese zeigen ebenso wie die mitgeführten Transparente, dass die Demonstranten das Klima der Angst überwunden haben und sich von Entschlossenheit, Unerschrockenheit und auch Humor leiten lassen. Durchgängiges Thema der Spruchbänder ist der Wunsch nach einer Reformierung des bestehenden Staatswesens. Die Forderung nach einer Vereinigung der DDR mit der Bundesrepublik ist nirgendwo zu lesen.

Auf der Abschlusskundgebung kommen neben Vertretern von Oppositionsgruppen und mit ihnen sympathisierenden Künstlern auch führende Politiker wie der ehemalige Geheimdienstchef Markus Wolf und der Berliner SED-Vorsitzende Günter Schabowski zu Wort. Sie können sich mit ihrer Versicherung, die politische Wende werde nun perfekt und dauerhaft gemacht (Wolf) kaum gegen das Pfeifkonzert auf dem Platz durchsetzen.

Initiator der Großdemonstration ist der Verband der Kulturschaffenden in der DDR. Er hat mit den Sicherheitsbehörden eine Art Stillhalteabkommen geschlossen: Etwa 600 Schauspieler, Bühnenbildner und Maler fungieren als Ordner, haben aber keinen Anlass zum Eingreifen, weil niemand an gewalttätige Aktionen denkt. Polizei und Staatssicherheitsdienst, in großer Zahl präsent, halten sich im Hintergrund.

Was geschah am 9. November?

Die Mauer trennte zwei deutsche Staaten über 28 Jahre hinweg.

»Privatreisen nach dem Ausland können ohne Voraussetzungen beantragt werden.« – Mit dieser eher beiläufigen Erklärung des Berliner SED-Chefs Günter Schabowski bricht eine neue Epoche an: Mauer, Stacheldraht und schwerbewachter Grenzstreifen, die die Deutschen in Ost und West 28 Jahre lang trennten, werden durchlässig. Noch in der Nacht strömen Zehntausende DDR-Bürger in den Westen, wo sie begeistert empfangen werden.

Schabowski informiert die Presse

9. November, 18.57 Uhr. In einer vom DDR-Fernsehen live übertragenen Pressekonferenz beantwortet Günter Schabowski, Mitglied des SED-Politbüros, die Frage nach Maßnahmen der Regierung gegen die Ausreisewelle mit den Worten: »Etwas haben wir ja schon getan. Ich denke, Sie kennen das. Nein? Oh, Entschuldigung. Dann sage ich es Ihnen.« Von einem Zettel liest er daraufhin stockend jenen Beschluss des DDR-Ministerrats vor, der in aller Welt wie eine Bombe einschlägt: »Privatreisen nach dem Ausland können ohne Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden… Die zuständigen Abteilungen Pass und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen.«

In Ost-Berlin herrscht Ruhe

20 Uhr. Auch eine Stunde, nachdem die Meldung über die Öffnung der Grenzen veröffentlicht worden ist, scheint in der DDR noch niemand so recht die Bedeutung der Nachricht erfasst zu haben. Die Grenzübergänge nach West-Berlin sind wie gewöhnlich zu dieser Stunde fast menschenleer. Allmählich verbreiten sich im Ostteil der Stadt jedoch Gerüchte, der Grenzübergang an der Bornholmer Straße sei offen.

Bundestag unterbricht Debatte

20.20 Uhr. »Ab sofort können DDR-Bürger direkt über alle Grenzstellen zwischen der DDR und der Bundesrepublik ausreisen.« Als diese Eilmeldung der Nachrichtenagenturen das Parlament in Bonn erreicht, unterbricht Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, die vor halbvollem Plenum eine Debatte über das neue Vereinsförderungsgesetz leitet, die Sitzung. Die Abgeordneten scharen sich um die Fernsehschirme in der Lobby. 25 Minuten nach Eintreffen der Meldung würdigt Kanzleramtsminister Rudolf Seiters (CDU) das Geschehen als Schritt von überragender Bedeutung. Die Fraktionsvorsitzenden der vier im Bundestag vertretenen Parteien geben ähnlich lautende Erklärungen ab. Um 21.08 Uhr stimmen einige CDU-Abgeordnete die Nationalhymne an, die meisten anderen Parlamentarier singen mit. Danach wird die Sitzung vorzeitig geschlossen.

Andrang an Grenzübergängen

21.00 Uhr. In Ost-Berlin wartet eine unüberschaubare Menschenmenge vor den Kontrollstellen in der Invalidenstraße, der Sonnenallee und der Bornholmer Straße darauf, in den Westen durchgelassen zu werden. Wer Reisepapiere besitzt, wird sofort abgefertigt.

Per Trabbi Richtung Westen

22.00 Uhr. Tausende von DDR-Bürgern steuern mit Trabants und Wartburgs auf die Grenzübergänge zu. Die Abfertigung vollzieht sich nur schleppend.

Brandenburger Tor ist offen

23.14 Uhr. In Ost-Berlin gibt ein Hauptmann angesichts des ungeheuren Menschenandrangs den Befehl, die Schlagbäume zu öffnen. Tausende stürmen auf Westberliner Gebiet. An den Sektorengrenzen spielen sich bewegende Szenen ab. Fremde fallen sich weinend um den Hals. Jubelnde Westberliner bilden ein Spalier für die DDR-Autos. Auf beiden Seiten des Brandenburger Tors versammeln sich Tausende von Menschen. Unbehelligt von der Grenzpolizei überwinden sie die Absperrungen und klettern auf die Mauerkrone. Die meisten Ostberliner zieht es zum Kurfürstendamm. Die Straßen in der City sind in kürzester Zeit hoffnungslos überfüllt.

Kohl unterbricht Polenbesuch

23.50 Uhr. Bundeskanzler Helmut Kohl, der zu einem Staatsbesuch in Polen weilt und die Nachricht von der Maueröffnung während eines Abendessens mit Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki erhalten hat, stellt sich in Warschau den Fragen der Journalisten. Obwohl er es zunächst ablehnt, seine Reise abzubrechen, entschließt er sich doch am nächsten Morgen, für einen Tag in die Bundesrepublik zurückzukehren.

50 000 Besucher kehren zurück

10. November, 3.30 Uhr. Westberliner Bereitschaftspolizei und Ostberliner Grenzposten riegeln das Brandenburger Tor ab, das die Berliner einige Stunden lang ungehindert passieren konnten. Die letzten der rund 50 000 Besucher kehren nach Ost-Berlin zurück.

Schlangen vor den Visaämtern

6.00 Uhr. In vielen Städten der DDR bilden sich vor den Volkspolizeikreisämtern lange Schlangen von Menschen, die ein Visum für Privatreisen nach West-Berlin beantragen wollen. Einige warten bereits seit den frühen Morgenstunden, um bei Öffnung der Behörden um 8 Uhr die ersten zu sein. Fotografen legen Sonderschichten ein, um die Reisewilligen mit Passfotos für ihren Antrag zu versorgen.

Friedliche Invasion aus dem Osten

8.00 Uhr. Die Behörden in der DDR zeigen sich dem Ansturm nicht gewachsen, da jedes Amt stündlich nur etwa 250 Visumanträge bearbeiten kann. Volkspolizisten teilen den Wartenden mit, dass sie für Kurzbesuche direkt an die Grenze fahren können. Daraufhin drängen Tausende an die Kontrollstellen. Die übernächtigten Grenzpolizisten winken die jubelnden Menschen schließlich nur noch durch. Schlange stehen müssen die DDR-Bürger dann vor den zwölf Westberliner Bezirksämtern, wo sie ein Begrüßungsgeld in Höhe von 100 DM erhalten.

»Das glücklichste Volk der Welt«

9.30 Uhr. Mit leichter Verspätung hält der Regierende Bürgermeister von West-Berlin, Walter Momper (SPD), der just an diesem Tag das Amt des Bundesratspräsidenten übernimmt, in Bonn seine Antrittsrede. Seine Entschuldigung: »Ich habe heute Nacht nicht geschlafen – und viele von Ihnen sicher auch nicht. Wer diese Nacht in Berlin erlebt oder diese Nacht am Fernsehschirm verfolgt hat, der wird den 9. November 1989 nie vergessen. Gestern Nacht war das deutsche Volk das glücklichste Volk auf der Welt. Es war der Tag des Wiedersehens zwischen den Menschen aus beiden Teilen Berlins. Es war die Nacht, in der die Mauer ihren trennenden Charakter verloren hat. Das Volk der DDR hat sich diese Freiheit auf der Straße erkämpft – und es hat gestern zum ersten Mal diese Freiheit gefeiert.«

Kundgebung in Berlin

17.00 Uhr. Mehrere Zehntausend Menschen versammeln sich zu einer Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus. Neben Momper und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher erhält der Ehrenvorsitzende der SPD, Willy Brandt, zur Zeit des Mauerbaus 1961 Regierender Bürgermeister in West-Berlin, den stärksten Beifall: »Die Ereignisse der Nacht zum Freitag haben bestätigt, dass die widernatürliche Trennung Deutschlands keinen Bestand hat… Wir sind jetzt in einer Situation, wo wieder zusammenwächst, was zusammengehört.« Kanzler Kohl, inzwischen in Berlin eingetroffen, kann sich wegen lautstarker Proteste kaum Gehör verschaffen. Seine Schlussworte – »Es geht um Deutschland, es geht um Einigkeit und Recht und Freiheit. Es lebe ein freies deutsches Vaterland, ein freies einiges Europa« – gehen in einem Pfeifkonzert unter.

4 Mio. Visa in drei Tagen

12. November. Bis Sonntagmittag erteilen die DDR-Behörden über 4 Mio. Visa für Privatreisen in den Westen. Im gleichen Zeitraum erhalten 10 144 Bürger Genehmigungen für die ständige Ausreise. Die DDR öffnet mehrere neue Grenzübergänge, um mit dem Andrang fertig zu werden. Bei der Grenzöffnung am Potsdamer Platz in Berlin kommt es zur ersten offiziellen Begegnung zwischen den beiden Bürgermeistern der geteilten Stadt. Momper (West) und Erhard Krack (Ost) bekräftigen mit einem Händedruck die neuen nachbarschaftlichen Beziehungen.

Was geschah am 11. November 1989?

Die Mauer trennte zwei deutsche Staaten über 28 Jahre hinweg.

Das erste Wochenende nach der Öffnung der Grenzen nutzen rund 3 Mio. DDR-Bürger zu einem Kurzbesuch in der Bundesrepublik. 20 000 von ihnen kehren nicht wieder zurück.

Wie bereits am Freitag, dem ersten Tag nach dem Fall der Mauer, werden die Gäste aus dem anderen Teil Deutschlands begeistert empfangen. Der Ansturm aus dem Osten wirft jedoch massive Verkehrsprobleme auf. An den Grenzübergängen bilden sich auf DDR-Gebiet Rückstaus von bis zu 60 km Länge. Auf den Transitstrecken zwischen Berlin und dem Bundesgebiet sind Fahrtzeiten von 17 Stunden die Regel.

An den Grenzübergängen in Berlin herrschen ebenfalls chaotische Zustände. Viele Ostberliner werden schließlich auch mit Personalausweis oder durch bloßes Durchwinken in den Westteil der Stadt gelassen. Die DDR öffnet außerdem eine Reihe neuer Grenzübergänge, um mit dem Ansturm fertig zu werden.

Verzögerungen ergeben sich auch bei der Auszahlung des Begrüßungsgeldes in Höhe von 100 DM, das jeder DDR-Bürger in der Bundesrepublik erhält. Überall übernehmen Banken, Sparkassen und Bundespost die Auszahlung des Geldes. Die üblichen Öffnungszeiten werden außer Kraft gesetzt. Etliche Stadtkassen, denen wegen des großen Andrangs die Geldreserven ausgehen, erhalten kurzfristige Millionenkredite von Banken und Kaufhäusern.

Auch der Einzelhandel reagiert schnell auf den unerwarteten Käuferzustrom. Viele Geschäfte setzen sich über die vorgeschriebenen Ladenöffnungszeiten hinweg; an den Kassen wird auch DDR-Mark angenommen. Besonders gefragt sind bei den Besuchern Südfrüchte, Lebensmittel, Transistorradios, Spielwaren und Sportbekleidung. In den Geschäften und Abteilungen für Unterhaltungselektronik und Computer müssen sich die meisten mangels Kaufkraft mit dem Anschauen des überreichen westlichen Warenangebots begnügen.

Darüber hinaus zählen die Begegnungen zwischen Deutschen aus Ost und West zu den intensivsten Eindrücken des Wochenendes. In Berlin wird mit einem spontanen Volksfest auf dem Kurfürstendamm die ganze Nacht hindurch gefeiert.

Chronik Jahresband 1989
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bekomme ich Gänsehaut und Tränen in den Augen, wenn ich diese Berichte und Dokumentationen lese, obwohl ich damals als West-Berliner live dabei war, aber die Erinnerungen bewegen mich immer wieder sehr extrem. Die Ernüchterung folgte ja dann erst später.


Mein persöhnliches Wunder.