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Alan Greenspan: Der geniale Geldpolitiker

Für die einen ist er der „größte Banker, der je gelebt hat“, andere sehen in ihm den Mann, der die Vereinigten Staaten an den finanziellen Abgrund geführt hat. Kein Zweifel: An Alan Greenspan scheiden sich die Geister. Doch eines ist unbestritten: Nie hat es einen mächtigeren Zentralbankvorsitzenden gegeben und selten zuvor hatte ein Banker die Gabe, allein mit einer Geste oder dahin genuschelten Andeutung die Finanzmärkte zu beruhigen. Ende Januar trat er von der Spitze der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ab. Am 6. März konnte er seinen 80. Geburtstag feiern.

Michael Fischer, wissen.de

Musik und Ökonomie

Aufgewachsen ist der am 6. März 1926 geborene Greenspan in New York in kleinbürgerlichen Verhältnissen. Nach der Schule wollte er zunächst Musiker werden und studierte Klarinette und Saxophon am renommierten Musikkonservatorium Juillard, ehe er sich an der New Yorker Universität für das Fach Ökonomie einschrieb. In den fünfziger Jahren gründete er eine Firma für Wirtschaftsberatung. 1967 wurde er Berater des späteren Präsidenten Richard Nixon und in den siebziger Jahren von Präsident Gerald Ford. Auf Wunsch von Finanzministers James Baker und Präsident Ronald Reagan übernahm er am 11. August 1987 das Amt des US-Notenbankpräsidenten vom hoch angesehenen Demokraten Paul Volcker. Nur zwei Monate später hatte er seine Feuertaufe zu bestehen. Am „schwarzen Montag“, dem 19. Oktober 1987, kam es zum gewaltigsten Börsencrash der Nachkriegsgeschichte: der Dow Jones verlor sagenhafte 22 Prozent an Wert. Am nächsten Tag ließ der 61-jährige Greenspan eine Presseerklärung veröffentlichen, die aus einem einzigen Satz bestanden haben soll: „Die Federal Reserve bestätigt heute in Übereinstimmung mit ihrer Verantwortung als Zentralbank ihre Bereitschaft, die Liquidität des Wirtschafts- und Finanzsystems zu gewährleisten.“ Die Rezession war wenig später gestoppt. Greenspan als Krisenmanager gefeiert. Nur zwei Jahre später erreichte der Dow Jones einen neuen Höchstkurs.

 

Konjunktur und Schuldenberg

Unter Alan Greenspan erlebten die USA die beiden kürzesten Rezessionen und die beiden längsten Wachstumsperioden. Während seiner 18-jährigen Amtszeit stieg der US-Leitindex von rund 2.600 Punkten auf über 10.000. In dieser Zeit blieben die Preise in den Vereinigten Staaten weitgehend stabil, die Arbeitslosenquote mit durchschnittlich 5,5 Prozent relativ gering und die Inflation konnte immer unter Kontrolle gehalten werden.

Greenspan hatte immer Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der Märkte. Sein probatestes Mittel, um die Kauflust zu steigern und die Investitionsbereitschaft zu erhöhen, waren meistens Zinssenkungen. Die Statistik weist insgesamt neunundneunzig Zinsänderungen aus.

Genau diese Strategie des „billigen Geldes“ halten ihm Kritiker vor. Erst in einigen Jahren werde man die Folgen dieser Geldpolitik absehen können. Sie sprechen von „Überliquidität", immer neuen Spekulationsblasen und verweisen auf den immensen Schuldenberg, den die Amerikaner seit Mitte der achtziger Jahre angehäuft haben.

 

 

Machtmensch und Partylöwe

Eines müssen aber auch Greenspans Kritiker neidlos anerkennen: dessen Unabhängigkeit. Nach parteipolitischen Gesichtspunkten hat der Notenbanker mit republikanischem Parteibuch seine Entscheidungen nie gefällt. Lag es daran, dass die Finanzmärkte ihm bald nach seiner Amtseinführung zu Füßen lagen? Oder dass er in der US-Notenbank als unantastbar galt?

Wie auch immer: Greenspans Auftritte in der Öffentlichkeit glichen einer außergewöhnlichen Ein-Mann-Show. Stets nuschelte er schwer verständliches Zeug, ließ immer wieder Ironie durchblitzen und gefiel sich in der Rolle des Finanz-Genies, der von oben auf die Finanzmärkte blickt. Das hat ihm den Titel „Maestro de Chuzpe“ eingebracht – und Kultstatus verliehen.

Greenspan, der den Ruf eines Party-Löwen genießt, feiert seinen 80. Geburtstag nicht im Ruhestand. Im Gegenteil: Vor kurzem hat er eine neue Unternehmensberatung gegründet: Greenspan Associates“. Dass auch diese zu einer Erfolgstory wird, daran zweifelt kaum jemand.

 

 

 

 

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