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Anonyme Bewerbungen

Ohne Vorurteile zum neuen Job

Bewerbungen schreiben – anstrengend genug. Keine Frage, jeder will im besten Licht glänzen. Aber was hilft schon ein tipptopp Bewerbungsfoto, wenn man dem Personalchef aus irgendeinem Grunde unsympathisch ist? Und inwiefern verdirbt man sich die Chance auf die Einladung zu einem Gespräch, wenn der eigene Name auf einen Migrationshintergrund schließen lässt, wenn es eine Lücke im Lebenslauf gibt oder wenn man eine Frau im so genannten gebärfähigen Alter ist?

Laut einer aktuellen Untersuchung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) und des Institus zur Zukunft der Arbeit (IZA) ist die Diskriminierungsrate beim Aussortieren von Bewerbungsunterlagen besonders hoch. Besonders schlechte Karten haben demnach türkische Bewerber, allein erziehende Frauen und ältere Menschen – trotz gleicher Qualifikation. Bei Bewerbern mit türkisch klingen Namen etwa sinkt die Rate, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, um gut 14 Prozent. Doch damit könnte in Zukunft Schluss sein. Anonyme Bewerbungen sollen ein Ausweg aus dem Dilemma sein. Doch inwiefern halten sie, was sie versprechen?

 

Die Optik spielt erst im Bewerbungsgespräch eine Rolle
Bewerbungsunterlagen

Wer sich anonym bewirbt, der listet neben dem Anschreiben in seiner schriftlichen Bewerbung ausschließlich seine Abschlüsse auf, die Dauer der Ausbildung sowie die beruflichen Stationen. Das sonst obligatorische Foto wird weggelassen, ebenso Name, Geschlecht, Alter, Nationalität, Adresse, Telefonnummer, Hobbys, Familienstand, eine mögliche Behinderung und Jahreszahlen im Lebenslauf. Mögliche Wege, das umzusetzen: das Bewerbungsschreiben wird geschwärzt, entsprechende Daten durch ein Onlinesystem blind geschaltet, Qualifikationen in eine Tabelle eingetragen oder es wird ein standardisiertes Online-Bewerbungsverfahren angewendet. Ist die erste Auswahl gemacht, läuft es weiter wie gehabt: Die Bewerber müssen im persönlichen Gespräch punkten. Erst dafür erhalten die Personaler die vollständigen Unterlagen.

Dass es auch Kandidaten schaffen, die unter üblichen Bedingungen die erste Hürde nicht genommen hätten, ist die Idee hinter dem Konzept. Oder anders: mehr Chancengleichheit in der Arbeitswelt. US-amerikanischen Studien zufolge geht die Sache tatsächlich auf. Frauen, Migranten und ältere Menschen werden eher zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wenn sie sich anonymisiert beworben haben.
In Ländern wie der Schweiz, Frankreich, Schweden und Belgien setzen immer mehr Unternehmer auf diese Inkognito-Bewerbungen. Besonders in Belgien, wo der gesamte öffentliche Sektor davon Gebrauch macht. Noch weiter voraus sind Großbritannien, USA und Kanada. Hier sind anonyme Bewerbungen längst gang und gäbe – in den USA etwa seit den 1960er-Jahren.

 

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von wissen.de-Autorin Sylvie-Sophie Schindler
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