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Wie gefährdet sind Menschen mit Bluthochdruck?

Auch wenn die Zahl der Neuinfektionen durch das Coronavirus bei uns leicht zurückgeht – die Ansteckungsgefahr bleibt bestehen. Gerade bei vielen Menschen mit Bluthochdruck weckt dies die Frage, wie gefährlich Covid-19 für sie ist. Müssen sie einen schweren Verlauf fürchten? Und wie beeinflussen die gängigen Medikamente gegen den Bluthochdruck das Risiko? Sollte man die Blutdrucksenker vielleicht sogar absetzen?

Blutdruckmessung an einem Mann mit Mundschutz
Was bedeutet eine Coronavirus-Infektion für Menschen mit erhöhtem Blutdruck?
Noch immer breitet sich das Coronavirus weltweit aus – mit teilweise schlimmen Folgen. Zwar scheint die Infektion mit SARS-CoV-2 zwar bei Kindern und jungen gesunden Menschen meist nur leichte, manchmal sogar fast keine Symptome zu verursachen. Dafür aber erkranken Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen oft schwer an Covid-19. Vor allem Lungenkrankheiten und Asthma, aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Bluthochdruck sind ein Risikofaktor für schwere Verläufe, wie Studien belegen.

So ergab eine Analyse von Covid-19-Todesfälle in acht europäischen Ländern, dass solche Vorerkrankungen gerade bei Menschen unter 65 Jahren das Sterberisiko bei einer Corona-Infektion deutlich erhöhen. „Diese Menschen müssen mit einem etwa doppelt so hohen Risiko rechnen wie die breite Bevölkerung", berichten John Ioannidis von der Stanford University und seine Kollegen.

Bluthochdruck als Risikofaktor bei Covid-19

Was aber bedeutet dies für Menschen mit erhöhtem Blutdruck? Immerhin sind davon in Deutschland rund 20 bis 30 Millionen Menschen betroffen – und längst nicht alle Bluthochdruck-Patienten sind Senioren. So weist beispielsweise jeder fünfte Mann im Alter von 40 bis 49 Jahren zu hohe Werte auf und selbst Kinder können schon unter zu hohem Blutdruck leiden. "Der stärkste Risikofaktor für einen schweren Covid-19-Verlauf sind das Alter und die Zahl der Begleiterkrankungen, dazu zählt auch Bluthochdruck", erklärt dazu Florian Limbourg von der Deutschen Hochdruckliga. "Aber wie sehr Bluthochdruck allein für sich betrachtet das Risiko erhöht, kritisch zu erkranken, ist derzeit nicht bezifferbar."

Nach Ansicht von Experten kommt es bei der Risikoabschätzung darauf an, wie stark der Blutdruck erhöht ist und vor allem, welche Schäden dadurch bereits an Herz und Gefäßen verursacht wurden. Denn Beobachtungen auf Intensivstationen legen nahe, dass das Coronavirus Herz und Gefäße angreifen kann – und wenn diese vorgeschädigt sind, fallen die Folgen entsprechend schwerwiegender aus. "Es liegt daher auf der Hand, dass Menschen mit gut eingestelltem Blutdruck ein geringeres Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken, als Menschen, bei denen eine über Jahre eine unbehandelte Bluthochdruckerkrankung bereits zu Organschädigungen geführt hat", sagt Limbourg.

Anfälliger durch Blutdrucksenker?

Doch es gibt noch einen Punkt, der vielen Menschen mit Bluthochdruck Sorgen bereitet. Denn immer wieder sind Berichte zu lesen, nach denen die Einnahme von Blutdrucksenkern anfälliger für das Coronavirus machen. Hintergrund dieser Annahme ist die Art und Weise, wie das Virus an die menschlichen Zellen andockt. Studie zeigen, dass SARS-CoV-2 dafür mit seinem Oberflächenprotein an einen bestimmten Rezeptor auf der Zelloberfläche bindet.

Diese Andockstelle mit der Bezeichnung "Angiotensin-Converting Enzyme 2", kurz ACE2, dient den Zellen normalerweise dazu, das Blutdruckhormon Angiotensin 2 aufzunehmen. Das Virus zweckentfremdet diesen Rezeptor aber dazu, sich in die Zelle einzuschleusen. Je mehr ACE2-Andockstellen eine Zelle hat, desto anfälliger ist deshalb sie wahrscheinlich für einen Befall mit dem Coronavirus. Inzwischen weiß man, dass der ACE2-Rezptor sowohl in Zellen der Lunge als auch im Herzmuskel, in den Gefäßen, den Nieren und sogar in den Nerven vorkommt.

Wie ACE-Hemmer wirken

Das Problem dabei: Viele gängige Medikamente gegen Bluthochdruck setzen ebenfalls am Angiotensin-System an. Wirkstoff wie die ACE-Hemmer und Sartane blockieren die Wirkung von Angiotensin 2 oder bauen dieses Hormon schneller ab. Das wirkt einer Verengung der Gefäße entgegen und senkt so den Blutdruck. Im Zuge der Corona-Pandemie gibt es nun die Befürchtung, dass diese Verarmung an Angiotensin die Zellen zu einer Gegenreaktion veranlasst: Um den Mangel auszugleichen, bilden sie mehr ACE2-Rezeptoren auf ihrer Oberfläche. Diesen Effekt haben Forscher in Tierstudien beobachtet, in geringem Maße tritt dies auch bei Blutdruck-Patienten auf.

Das aber bedeutet: Theoretisch könnte Einnahme solcher Blutdrucksenker sie anfälliger für eine Infektion mit SARS-CoV-2 machen. "Diese Information führt bei Herz-Kreislauf-Patienten, die diese Medikamente zur Behandlung von Bluthochdruck und Herzinsuffizienz einnehmen müssen, zu großer Verunsicherung", sagt Thomas Eschenhagen vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Medikamente nicht absetzen!

Aber was ist an diesen Befürchtungen dran? Nach Ansicht der Experten gibt es bislang keinen Grund zu Beunruhigung – und erst recht nicht zum Absetzen der Blutdrucksenker. "Es gibt zurzeit keine eindeutigen Hinweise dafür, dass die Gabe von ACE-Hemmstoffen oder Sartanen mit einer erhöhten Sterblichkeit oder Anfälligkeit für Lungenkomplikationen nach SARS-CoV-2 assoziiert ist", erklärt die Deutsche Fachgesellschaft für Kardiologie.

Zudem ergab kürzlich eine Studie, dass ein Absetzen der Medikamente kurz vor einer Infektion mit dem Coronavirus den untersuchten Covid-Patienten keinerlei Vorteile brachte – eher im Gegenteil. Denn wenn als Folge der unterbrochenen Einnahme der Blutdruck entgleist, belastet dies den Körper zusätzlich. "Die lebensbedrohlichen Risiken durch Herzinfarkte und Schlaganfälle im Falle eines plötzlichen Absetzens dieser Herzmedikamente überwiegen deutlich gegenüber den nur auf Basis von Hypothesen vermuteten Vorteilen einer Vermeidung von ACE2 und seiner Wirkung bei einer SARS-CoV-2-Infektion", sagt Thomas Meinertz vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung.

Die Mediziner empfehlen daher allen Patienten mit Bluthochdruck, ihre blutdrucksenkenden Medikamente weiter wie verschrieben einzunehmen. "Gerade für diese Patientengruppe ist die konsequente Einnahme ihrer Herzmedikamente wichtig, um ihr Herz im Falle einer Infektion mit Covid-19 oder einer anderen viralen oder bakteriellen Infektion nicht zusätzlich zu gefährden", betont Meinertz.

Deutsche Hochdruckliga, Herzstiftung, 23.04.2020
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