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Dreißigjähriger Krieg - Es begann mit einem Fenstersturz

Der Dreißigjährige Krieg war eine der größten Katastrophen der europäischen Geschichte – ein Kampf um Religion und Macht mit Millionen von Todesopfern. Heute jährt sich sein Beginn zum 400. Mal. Angefangen hat damals alles mit aufgebrachten böhmischen Adligen, einem ungeliebten katholischen König und einem Fenster in der Prager Burg.

Fenster im Seitenflügel des Alten Königspalastes
Legendäres Fenster: Die Gestürzten verdanken ihre Rettung allerdings nicht einem günstig platzierten Misthaufen, sondern ihren schweren Wintermänteln und der Mauerschräge, die den Sturz in eine Rutschpartie abmilderte.

Die Szene ist komisch-grotesk: Am 23. Mai 1618 dringen aufgebrachte Adlige in den Sitzungssaal der Prager Burg ein und ergreifen zwei Statthalter des böhmischen Königs Ferdinand II. Sie packen sie an Händen und Füßen und werfen sie aus dem Fenster. Wenig später schicken sie den Sekretär in gleicher Manier hinterher.

Der Vorfall hat weitreichende Folgen. Zwar kommen die Beamten des Königs dank eines Müllhaufens unter dem Fenster glimpflich davon. Für Europa wird dieser Prager Fenstersturz jedoch eine der größten Katastrophen der Geschichte einläuten. Wie aber ist es überhaupt zu der Situation gekommen?

Protestanten wehren sich

Um dies zu verstehen, muss man wissen, dass das Europa des 17. Jahrhunderts von religiösen Gegensätzen geprägt ist – Gegensätze, die auch im Königreich Böhmen aufeinandertreffen. So ist ein Großteil der böhmischen Bevölkerung protestantisch. Doch oberster Herrscher ist seit einigen Jahren ein Katholik: der römisch-katholische Kaiser.

Obwohl der sogenannte "Majestätsbrief" von 1609 den Böhmen Religionsfreiheit gewährt, kommt es immer wieder zu Übergriffen und Zwangsmaßnahmen gegen die Protestanten – zum Beispiel zur Schließung protestantischer Kirchen. Auch König Ferdinand setzt sich stark für gegenreformatorische Maßnahmen ein. Gegen diese Missstände protestieren die Vertreter des böhmischen Adels. Ihr Widerstand eskaliert schließlich in dem Aufstand im Hradschin.

Porträts von Kaiser Friedrich II. und Pfalzgraf Friedrich V.
Gegenspieler: Kaiser Friedrich II. (links) und Pfalzgraf Friedrich V. in seiner Rolle als "Winterkönig" Friedrich I. von Böhmen.
Ein neuer König – aber nicht für lange

Nach dem Prager Fenstersturz wählen die böhmischen Stände einen neuen König: Friedrich V. von der Pfalz. Doch seine Regentschaft ist nur von kurzer Dauer. Denn Ferdinand II. kann die demütigende Niederlage nicht einfach auf sich sitzen lassen – zu wichtig ist Böhmen für seine Machtposition. Der Grund: Ferdinand II. soll nach dem Tod seines Vorgängers Matthias die Kaiserkrone beerben.

Der Kaiser wird traditionell von den sieben Kurfürsten gewählt. Doch diese sind seit der Reformation konfessionell gespalten. Mit Brandenburg, Sachsen und Rheinpfalz gehören drei Fürsten zur protestantischen Partei. Auf katholischer Seite stehen die Erzbischöfe von Köln, Trier und Mainz sowie das bisher von der katholischen Partei regierte Böhmen. Böhmen stellt somit das Zünglein an der Waage für die Kaiserwahl dar. Würde es protestantisch, wäre die nächste Wahl verloren.

Sieg am Weißen Berg

Ferdinand bleibt demnach nichts anderes übrig als zu handeln. Doch alleine fehlen ihm die finanziellen Mittel, um den Aufstand in Böhmen niederzuschlagen. Er sichert sich zunächst die Unterstützung vom Bayernherzog Maximilian und von den Spaniern. Das spanische Königreich ist gerade damit beschäftigt, die Provinz Niederlande zurückzuerobern und benötigt dazu einen Nachschubweg im Westen des Heiligen Römischen Reiches. Genau den will es nun im Gegenzug für die Unterstützung einfordern.

Bei der Schlacht am Weißen Berg im November 1620 können der inzwischen zum Kaiser gewählte Ferdinand und seine Unterstützer einen bedeutenden Erfolg verzeichnen: Sie vertreiben Ferdinand V. und erobern Böhmen endgültig zurück. Doch damit ist der Krieg längst nicht vorbei. Da sowohl der katholische Kaiser als auch die protestantische Seite auf die Hilfe von anderen Machthabern mit jeweils eigenen Interessen angewiesen sind, weiten sich die Auseinandersetzungen schließlich auf ganz Europa aus.

Es geht um mehr als Religion

Nach Spanien treten unter anderem Dänemark, Schweden und Frankreich in den Krieg ein. Dabei geht es nicht nur um den "rechten Glauben", den jede Seite für sich beansprucht, sondern auch um die Vormachtstellung in Deutschland und Europa – und zwar insgesamt dreißig lange Jahre lang.

Die wechselvollen Kämpfe sind für die deutsche Bevölkerung ein Drama: Große Teile ihrer Heimat werden verwüstet, die landwirtschaftliche Produktion kommt zum Erliegen und sie werden von den Armeen zur Kasse gebeten. Als Folge machen sich Armut, Hunger und Krankheiten breit. Mehrere Millionen Menschen sterben.

Friedendsaal im Rathaus von Osnabrück
Friedenssaal im Osnabrücker Rathaus: 1648 endete der fünf Jahre währende Friedenskongress aller Kriegsparteien mit der Unterzeichnung der als "Westfälischer Friede" bezeichneten Verträge in Münster und Osnabrück.

Endlich Frieden

Im Jahr 1648 ist die Bevölkerung im Heiligen Römischen Reich auf einen Bruchteil des Vorkriegsniveaus gesunken. Zu diesem Zeitpunkt wird in Münster und Osnabrück bereits seit fünf Jahren über einen möglichen Frieden verhandelt. An einen Erfolg glaubt eigentlich niemand mehr. Doch dann passiert es: Am 24. Oktober schließen die kriegsführenden Länder endlich den berühmten Westfälischen Frieden.

Heute, 400 Jahre später, steht die Frage im Raum: Kann uns der Blick auf den längsten Krieg in unseren Landen helfen, heutige militärische Auseinandersetzungen besser zu verstehen? Experten sehen zum Beispiel etliche Parallelen zum Nahost-Konflikt. Sowohl die heutigen Kämpfe in der islamisch-arabischen Welt als auch der Dreißigjährige Krieg sind von konfessionellen Konflikten geprägt. Doch gleichzeitig geht es um viel mehr als das: Politische Herrschaftsinteressen, strategische Bündnisse und persönliche Ambitionen.

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