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Einfach mal abheben 

von Iris Hilberth, wissen.de

Für manche ist es der Traum schlechthin. Einfach mal abheben, schweben, die Dinge in aller Ruhe mit einem gewissen Abstand von oben betrachten: Der Traum vom Fliegen, der ja bekanntlich so alt sein soll wie die Menschheit selbst. Für andere ist es auch einfach der Reiz des Neuen, Ungewohnten, Abenteuerlichen. Mal selbst ausprobieren, was man so oft von unten beobachtet hat, wenn die bunte Schirme in der Luft tanzten und man ihre Lenker jedes Mal ein bisschen mehr ob ihrer für den Menschen ungewöhnlichen Perspektive beneidete. Etwas Mut gehört sicher dazu, sich freiwillig die Beine unter dem Boden wegziehen zu lassen und sich und sein Leben ein Paar Fäden und einem großen Stück Stoff anzuvertrauen. Aber aller Anfang ist klein, bevor man richtig abhebt heißt es üben, üben, üben. Bei einem Schnupperkurs im Paragliding  können Flugbegeisterte sich vorsichtig an die Vogelperspektive gewöhnen.

„Und jetzt einfach loslaufen“

Zum Beispiel bei der Hessischen Gleitschirmschule. Auf den Hängen rund um Ronneburg im Main-Kinzig-Kreis legen die bunten Vögel regelmäßig die Schirme aus und führen Anfänger in die Geheimnisse des lautlosen Fliegens ein. Ausprobieren kann man das ja mal, dachte ich, und so stand ich eines Tages auf der großen Wiese unterhalb der alten Raubritterburg in das Gurtzeug geschnallte und mit den „richtigen“ Leinen in den feuchten Händen. „Und jetzt einfach loslaufen“, ermunterte mich einer der Fluglehrer. Ich zog an den Leinen, der Schirm wölbte sich  - oh Wunder – über mir und ich begann in meinen Wanderschuhen die Wiese herunter zu stapfen. Aber weit kam ich bei diesem ersten Flugversuch ehrlich gesagt nicht. Und von Fliegen konnte auch keine Rede sein. Der Schirm machte, was er wollte, zog und zerrte an mir in meinem Gurtzeug. Die Lauferei war mühsam und endet bald in einer Bruchlandung.

Also alles wieder zusammenraffen und wieder hinauf zum Startpunkt. Der Schweiß rann bereits in die Augen, die Hitze unter dem Helm war nahezu unerträglich. Aber Sicherheit geht schließlich vor. Oben wartet schon Karl. Mit ihm teilte ich mir den Schirm. Karl war damals schon 70, ein rüstige Mann. Er habe beschlossen vom Drachenfliegen auf das Paragliding umzusteigen, hatte er mir erzählt. Aha, schon ein Routinier in Sachen Fliegen, dachte ich mir. Aber Karl war mindesten so aufgeregt wie ich. Wir sortierten die Leinen. Alles war verheddert. A-Leine, B-Leine, C. und D-Leine jeweils rechts und links. Und dann gibt es noch die Steuerleinen. Nichts für Ungeduldige. Gurtzeug an, Leinen einhängen, Karabiner schließen, Helm auf und natürlich alles noch einmal überprüfen – Sicherheitscheck, schließlich sind wir Piloten und in der Luft darf kein Risiko eingegangen werden.

Der zweite Versuch

Es klappte schon ein wenig besser. Ich hüpfte wie ein Hase den Hang hinunter und schaffte es zumindest sekundenlang, mich etwa zwanzig Zentimeter vom Boden zu entfernen. „Arme hoch“, brüllte Fluglehrer Günter und meinte anschießend: “War doch schon ganz gut.“ Immerhin diesmal kein Absturz, aber vom Flugerlebnis noch keine Spur. Vor das Fliegen haben die Götter die Rennerei gesetzt. Also wieder rauf auf den Hügel, Schirm auslegen, sortieren. Nochmal: Leinen ziehen, rennen, Arme hoch, A-Leinen loslassen, Steuerleinen festhalten, rennen. Auf einmal hatten meine Füße den festen Boden unter den Sohlen verloren und strampelten hilflos in der Luft. Ich hatte tatsächlich mehrere Meter abgehoben. „Wow“, dachte ich, „ich fliege!“ Jetzt nur alles richtig machen. Blick zum Fluglehrer, der gab die Zeichen: rechts ziehen, links ziehen, beide ziehen – Landung. Toll!

Spätestens jetzt begann ich zu begreifen, was es mit dem Traum vom Fliegen auf sich hat. Es erschien mir nicht mehr so abwegig, dass ein Paraglider all seinen Urlaub zusammenrafft, um sich in den Alpen von den Bergen zu stürzen. „Aber es müssen ja nicht immer die Alpen sein“, sagte Fluglehrer Günter Gerkau. Selbst an der Ronneburg sei er schon stundenlang geflogen.

Wer erst einmal geschnuppert hat, will meist mehr. „Ich bin schon richtig süchtig“, verriet Moni. Von ihrem Bürofenster aus könne sie einen Windsack sehen. „Da schau ich immer, ob es sich lohnt hinaufzufahren.“ Während wir noch schnupperten, absolvierte Moni ihre letzten Flüge für den L-Schein, den Lernschein. Mit diesem Papier darf sie nun an Übungshängen selbstständig in die Luft gehen, in anderem Gelände, wenn ein Fluglehrer dabei ist. Dem L-Schein kann der Paraglider den beschränkten Luftfahrtschein, den A-Schein, anhängen. „Frei fliegen“, also durch die Täler oder von Berg zu Berg wird erst mit dem B-Schein möglich.

Zu der Fliegerei gehört selbstverständlich jede Menge Theorie. Denn Gleitschirm-Piloten sind ebenso der Luftverkehrsbehörde unterworfen wie der Lenker eines Jumbos. Auch beim Schnupperlehrgang bekommt man schon elementare Dinge über Thermik, Navigation, über Flugmanöver in besonderen Fällen und über das Wetter erklärt. „Bei allen Winden über Nord können wir hier fliegen“, hatte Günter erklärt, „und auch im Süden haben wir einen Übungshang.“ Aber nicht jeder Wind, der aus der richtigen Richtung kommt, eignet sich dazu, den Schirm aus dem Rucksack zu holen. Fliegen sollte man nur bei Windgeschwindigkeiten bis zu 20 Stundenkilometern. Und das Lüftchen sollte recht konstant wehen. Meldet der Wetterdienst sein bekanntes „in Böen stark auffrischender Wind“ geht gar nichts. Aber an unserem Schnuppertag war der Wind gnädig mit uns, das hatte uns der ständige Blick auf die Fahne bestätigt. Und alle hatten wir das Erfolgserlebnis, wenigstens einmal richtig abgehoben zu haben.

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