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Im Gespräch: Wolf Dombrowsky, Katastrophenforschungsstelle der Universität Kiel

Das Interview führte Marcus Anhäuser.

Nach einer Katastrophe wie der “Jahrhundertflut“ im August 2002 stehen viele Fragen im Raum. Was ist passiert? Wie konnte das geschehen? Hätte es verhindert werden können? An der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel versuchen Wissenschaftler an der einzigen Katastrophenforschungsstelle in Deutschland Antworten zu finden. wissen.de hat den Direktor und Psychologen Wolf Dombrowsky zur Arbeit der Kieler Gruppe und zur Flutkatastrophe befragt.

Faktor Mensch

Herr Dombrowsky, ab wann spricht man eigentlich von einer Katastrophe?

"Katastrophe" ist als Begriff vollkommen entwertet. Er bezeichnet inzwischen alles, was irgendwie "schlimm" ist, vom Erdbeereis auf dem Abendkleid, über einen Unfall bis zu Tschernobyl. Als Katastrophenforscher bezeichne ich als "Katastrophe" eine ungewollte und ungeplante Destruktion jenseits der Korrektur- und Beseitigungschance seitens der davon Betroffenen.

Was untersuchen Sie und Ihre Kollegen genau?

Wir erforschen, wie Menschen Katastrophen bewirken, durchstehen und beseitigen und was sie daraus lernen, - oder, was häufiger und schlimmer ist, warum sie so wenig daraus lernen. Uns geht es nicht um bestimmte auslösende Ereignisse, wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche oder sogenannte technische Katastrophen, darum kümmern sich Natur- und Ingenieurwissenschaften. Uns geht es um menschliches Wahrnehmen, Bewerten, Entscheiden und Handeln.

Wie machen Sie das?

Dazu forschen wir durchaus auch vor Ort, mitten im Geschehen, aber auch nachträglich, durch Befragung, Auswertung und Quellenstudium. 1997 haben wir übrigens die Überschwemmungen von Saale und Elbe untersucht und all das schon kritisiert, was bei der Flutkatastrophe 2002 so verhängnisvoll gewirkt hat.

Zu welchen Ergebnissen kamen Sie denn damals und was führte zur Flutkatastrophe im August 2002?

Jahrzehnte der Zersiedelung, Bodenversiegelung, Entwaldung, Fluss"kultivierung" bis zur Kanalisierung. All das kumuliert sich bis der Zustand erreicht ist, bei dem diese Form der Kultur mit dieser Menge Natur nicht mehr zurecht kommt. Und dann wäre da noch der Umgang mit Katastrophen selbst: Im 21. Jahrhundert gibt es noch immer keinen vorbeugenden Katastrophenschutz, der in die Raum- und Regionalplanung integriert ist, der Gefährdungsgebiete ausweist und Ressortpolitiken wie zum Beispiel Baupolitik, Verkehrspolitik oder Industriepolitik angemessen beraten kann. Erst wenn das Kind im Brunnen liegt, reagieren alle mit großem Entsetzen, Schreck, Schock und Angst, aber auch mit den immer gleichen Sprüchen: “Das war unvorhersehbar, das hat es so noch nie gegeben“.

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