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Kaukasus - Bedrohte Artenvielfalt zwischen Europa und Asien

AKR

Im subtropischen Winterspiele-Ort Sotschi sind vom sonnigen Strand aus die schneebedeckten Berge sichtbar. Dieser Blick vermittelt jedoch bestenfalls eine Ahnung von den Ausmaßen der Bergkette, die Europa und Asien in diesem Teil der Welt trennt. Von der vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt der grünen Bergwälder und verschneiten Hochebenen sieht man allerdings noch nichts. Vom äußersten Süden Russlands, entlang am Schwarzen Meer, durch die Türkei, Georgien und Armenien bis nach Aserbaidschan ans Kaspische Meer erstreckt sich diese Gebirgskette, die zugleich die artenreichste Region Europas ist: der Kaukasus.

Grenze entscheidet über höchsten Berg Europas

Da die Kontinente Europa und Asien eine einzelne Landmasse bilden, ist die sogenannte innereurasische Grenze nur schwer zu definieren. Nach manchen Konventionen stellt die Wasserscheide zwischen Nord- und Südhängen des Kaukasus einen Teil dieser Grenze. Vor allem im deutschsprachigen Raum legen Geologen diese Grenze jedoch in die etwa 300 Kilometer weiter nördlich liegende Manytsch-Niederung. Diese Senke bildete erdhistorisch mehrmals eine Verbindung zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Zieht man die innereurasische Grenze hier, so ist der Mont Blanc in den Alpen mit 4.810 Metern der höchste Berg Europas.

Elbrus
Gemeinfrei

Der Kaukasus bietet jedoch noch höhere Gipfel, gleich acht überragen selbst den Mont Blanc. Der höchste davon, der Elbrus, hätte Anspruch auf den Titel als Europas höchster Berg, wenn man den Kaukasus als Grenze nach Asien bezeichnet. Der schlafende Vulkan ragt stolze 5.642 Meter über Meereshöhe hinaus. Vor etwa 2.000 Jahren brach er das letzte Mal aus, heute zeugen lediglich heiße Quellen und austretendes Gas um den Gipfel von schwacher Aktivität. Der Gipfel des Elbrus ist, wie die meisten Berge im Kaukasus, von Schnee und Gletschern bedeckt. Trotz des gemäßigten bis subtropischen Klimas schneit und regnet es häufig an den Hängen des Kaukasus: Die Winde vom Schwarzen Meer bringen viel Wasser mit.

Unter diesen Bedingungen hat sich eine Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten entwickelt, wie man sie in Europa nirgendwo sonst mehr findet. Für manche Tiere bietet der Kaukasus eine letzte Zuflucht, hier sind zum Beispiel noch Wölfe und Luchse heimisch. Rothirsche und Wildschweine sind in den Wäldern häufig anzutreffen. Auf den felsigen Berghängen klettern und springen Steinböcke und Gemsen. In den klaren Gebirgsflüssen findet man noch den selten gewordenen Beluga-Stör, wenn er zum Laichen die Wasserläufe hinauf wandert. Dass die Eier dieses Fisches als Beluga-Kaviar so hoch gehandelt werden, ist ihm mittlerweile zum Verhängnis geworden: Durch Überfischung ist der Beluga-Stör nahezu ausgerottet. Der Kaukasus-Elch ist bereits ausgestorben.

Auswildern und wieder ansiedeln verspricht Erfolg

Kaukasus-Leopard
Gemeinfrei

Stark bedroht ist auch der Kaukasus-Leopard. Von allen Großkatzen ist der Leopard die einzige Art, die auf europäischem Boden heimisch war. Er galt im Kaukasus bereits als verschwunden, nun leben jedoch noch weniger als hundert Tiere in der östlichen Wildnis des Kaukasus. Stabile Populationen dieser Leoparden-Unterart gibt es sonst nur noch im nördlichen Iran, und selbst dort sind es weniger als tausend Exemplare. Im Kaukasus-Naturreservat nordöstlich von Sotschi bemühen sich Tierschützer zurzeit, den Kaukasus-Leoparden auch im westlichen Kaukasus wieder anzusiedeln. Das Reservat gehört seit 1999 zum UNESCO Weltnaturerbe. Erste Erfolgsmeldungen gibt es bereits: Einzelne Pärchen wilder Leoparden haben Nachwuchs gezeugt. Bevor sie in die Wildnis dürfen, wachsen die Jungtiere zunächst behütet im Naturpark auf.

Das Kaukasus-Wisent konnte durch solche Zucht- und Schutzprogramme bereits erfolgreich wieder angesiedelt werden. Herden dieser mit dem Bison verwandten Rinderart zogen früher freilebend durch ganz Osteropa bis nach Deutschland. Um das Jahr 1900 waren sie praktisch ausgestorben, ein einzelner Bulle der kaukasischen Unterart, des Bergwisents, lebte noch in einem deutschen Tierpark. Zusammen mit Flachland-Wisentkühen entstand eine neue Zuchtlinie, die im Jahr 1940 im Kaukasus ausgewildert wurde und sich rasch vermehrte. Nach dem Ende der Sowjetunjon brach der stabile Bestand von fast 1.400 Tieren jedoch durch unkontrollierte Jagd dramatisch ein. Durch rechtzeitige Schutzmaßnahmen erholen sich die Wisente nun wieder, heute weiden wieder rund 550 Tiere auf den Almwiesen des Kaukasus. Aus derselben Zuchtlinie stammen übrigens auch die acht Wisente der kleinen Herde, die seit 2013 ausgewildert im deutschen Rothaargebirge lebt. Die "Schutzgemeinschaft Deutsches Wild" ernannte das Wisent zum Tier des Jahres 2014.

Berg-Wisent
Gemeinfrei

Wilderei und Wirtschaft bedrohen Artenvielfalt

Vor Jahrhunderten noch in ganz Europa verbreitet war der Braunbär, die Stadt Berlin verdankt ihm sogar seinen Namen. Spätestens seit dem Mittelalter gingen die Bestände zurück, und heute sind die Bären in Europa so gut wie ausgestorben, von einigen winzigen Reliktpopulationen und Wiederansiedlungsversuchen abgesehen. In der Wildnis des Kaukasus finden die Braunbären noch Zuflucht – bis jetzt. Die Bären sind begehrte Jagdbeute und sind häufig Opfer von Wilderern. Selbst die legale Jagd ist in Ländern wie Georgien kaum reguliert.

Hinzu kommt die wachsende Holzwirtschaft in der Region. Die ausgedehnten Waldgebiete des Kaukasus stellen für die Menschen in manchen Gegenden eine der Haupteinnahmequellen dar. Durch das Abholzen der Wälder schwindet für die Bären nicht nur der Lebensraum: Im Kaukasus ernähren sie sich zum großen Teil vegetarisch, sie sind auch auf Eicheln und Kastanien angewiesen. Schutzprogramme des Umweltschutzverbandes WWF zielen dabei nicht nur auf den Erhalt des Kaukasischen Braunbären, auch die Wälder sollen durch gezieltes Aufforsten und nachhaltige Wirtschaft geschützt werden. In den Urwäldern des Kaukasus wächst noch ein Baum, den man hierzulande nur noch aus Baumschulen und zu Weihnachten kennt: die Nordmanntanne.

Neue Schutzgebiete für einzigartige Pflanzen und Tiere

Erfolgreich ist dagegen eine Pflanze, die den Bären nur im Namen hat: der Riesen-Bärenklau. In europäischen Parks und Botanischen Gärten war er gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Zierpflanze beliebt. Von dort breitete sich die Pflanze schnell in ganz Europa aus und sorgt wegen seiner Giftigkeit immer wieder für Schlagzeilen. Im Kaukasus jedoch liegt die ursprüngliche Heimat des Riesen-Bärenklau. Auch einige Arten des Rhododendron, einer weiteren beliebten Gartenzierde, stammen von hier. Mit etwa 6.500 verschiedenen Pflanzenarten ist der Kaukasus eines der artenreichsten Gebiete der Welt. Und nicht alle dieser Arten sind so verbreitet wie Rhododendron und Riesen-Bärenklau: Rund ein Viertel gibt es nirgendwo sonst.

Kaukasischer Rhododendron
Gemeinfrei

In den Kaukasus-Staaten arbeiten die Nationalbüros des WWF und auch der deutsche NABU zusammen mit örtlichen Behörden intensiv daran, neue Naturparks als Schutzgebiete einzurichten. Neben dem Kaukasus-Naturreservat bei Sotschi entsteht im Westkaukasus zurzeit ein weiterer derartiger Park in der Region Krasnodar. Genauso soll ganz im Südosten im Grenzgebiet zum Iran ebenfalls ein zum Weltnaturerbe nominierter Nationalpark entstehen. Bei einem Erfolg dieser Nominierung wäre das das erste Weltnaturerbegebiet im südlichen Kaukasus. Von einem Ende des Kaukasus zum anderen, von Europa bis Asien, verfolgen die Naturschützer dabei ein großes Ziel: die reiche Artenvielfalt des Kaukasus zu erhalten.

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