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Krieg der Welten - ein Hörspiel täuscht Tausende

Es war der Abend vor Halloween im Jahr 1938, als plötzlich im US-Radiosender CBS Beunruhigendes zu hören war: Immer wieder wurde die Musik von Eilmeldungen unterbrochen, die das Auftauchen von Raumschiffen und den Angriff von Marsianern schilderten. Nicht wenige Hörer gerieten in Panik, weil sie diese Alien-Invasion für real hielten. Doch in Wirklichkeit war die Sendung ein Hörspiel, dramatisch adaptiert nach dem Buch "Krieg der Welten " von H.G. Wells.

Bis heute ist dieses Hörspiel wohl eines der berühmtesten überhaupt. Denn wie kein anderes spielt es mit Wahrheit und Täuschung – und löste bei vielen seiner Hörer echte Panik aus. Der Grund dafür ist die raffinierte Komposition des Stücks: Zwar wird in einem Prolog am Anfang des einstündigen Programms klar darauf hingewiesen, dass es sich um ein Hörspiel von Orson Welles nach dem bereits gut 40 Jahre zuvor erschienen Science-Fiction-Roman "Krieg der Welten" handelt. Dann aber entfaltet sich knapp 50 Minuten lang ein Szenario, das so gruselig wie glaubwürdig aufbereitet ist.

Achtung, Eilmeldung!

Nach der kurzen Einleitung geht zunächst scheinbar das ganz normale Radioprogramm weiter: Es folgt der Wetterbericht, dann eine Live-Übertragung von Tanzmusik. Nach wenigen Minuten jedoch wird die Musik abrupt für eine Sondermeldung unterbrochen: Ein Reporter meldet, dass Astronomen eine Reihe merkwürdiger Explosionen auf dem Mars gesichtet haben. Wenig später folgt die nächste Unterbrechung mit einer weiteren, scheinbar völlig anderen Meldung: In Grover's Mill, New Jersey beobachtet ein Farmer, wie ein ungewöhnliches Objekt vom Himmel fällt.

Wieder folgt Musik, die von Neuigkeiten aus Grover's Mill unterbrochen wird: Ein Reporter berichtet, dass nun die Polizei an der Absturzstelle des zylindrischen Objekts angekommen sei. Noch während er die Szene schildert, öffnet sich plötzlich eine Luke im Objekt und fremdartige Gestalten erscheinen, die die Umstehenden mit einem Hitzestrahl angreifen. Auch der Reporter bricht – Panik in der Stimme - mitten im Wort ab und verstummt.

Angriff auf New York

Im Stil der klassischen Live-Berichterstattung geht es weiter: Immer wieder wird das Musikprogramm von Eilmeldungen über weitere Alien-Zylinder und Angriffe von Marsianern überall im Land unterbrochen. Reporter schildern, wie dreibeinige Kampfmaschinen der Außerirdischen Straßen, Brücken und Kraftwerke zerstören, ohne dass das Militär sie aufhalten kann. Selbst gegen die Angreifer ausgesandte Bomberstaffeln erweisen sich als machtlos. Immer wieder brechen die Live-Berichte abrupt ab, weil die Reporter offenbar selbst Opfer der Kämpfe werden.

Illustration von Henrique Alvim Corrêa, 1906
Die Vorlage: In H.G. Wells Romanvorlage fallen die Marsianer allerdings in England und nicht in den USA ein.
Vom Dach des Radiosenders in New York City berichtet ein Reporter live den Einmarsch der Marsianer-Kampfmaschinen und ihr Zerstörungswerk in New York. Er beschreibt die aufsteigenden Giftgasschwaden, die sich auf seinen Standort zubewegen und beginnt schließlich selbst zu husten und zu keuchen, um wenig später zu verstummen. Nur noch Kampfgeräusche sind im Hintergrund zu hören.  Nach einer kurzen Pause hört man dann die Stimme des Radiomoderators, der das Ganze aufklärt:  "Sie hören eine CBS-Präsentation eines Hörspiels nach dem Roman "Der Krieg der Welten' von H.G. Wells." Für alle Radiohörer, die erst nach dem Prolog zugeschaltet haben, ist dies – nach gut 40 Minuten – der erste Verweis darauf, dass sich hier ein komplett fiktionales Drama abgespielt hat.

Welles während einer Pressekonverenz, 1938
Den größten Aufruhr produzierte das Hörspiel erst in den Tagen danach – und zwar ausgerechnet in der gedruckten Presse, die Welles und den Radioleuten Verantwortungslosigkeit und Irreführung der Massen vorwarf.
Die Folgen

Doch die aufklärenden Worte kommen für viele zu spät: Nicht wenige Radiohörer halten die dramatischen Schilderungen für die Realität und rufe in Panik bei der Polizei, dem Radiosender oder den Behörden an. Die Telefonzentrale des Senders CBS wird von Anrufern weitgehend lahmgelegt und auch an den Türen des Gebäudes sammeln sich besorgte Bürger, aber auch Journalisten von Zeitungen und Konkurrenzsendern, die weitere Informationen über die Invasion verlangen. Sogar die Polizei stürmt den Sender und beschlagnahmt Materialien. "Die folgenden Stunden waren ein echter Alptraum", erinnert sich später einer der an der Liveproduktion des Hörspiels beteiligten Schauspieler. "Das Gebäude war voller Menschen und Uniformen."

Zwar ist die Panik nicht ganz so groß, wie später auch in der Presse berichtet wurde, dennoch fallen nicht wenige Hörer auf die kunstvoll inszenierte Geschichte herein. Noch Tage später müssen sich Orson Welles und der Sender CBS für diese Täuschung rechtfertigen und scharfe Kritik einstecken. Doch das tut dem Erfolg keinen Abbruch – im Gegenteil. Die Ausstrahlung von "Krieg der Welten" vor 80 Jahren gilt bis heute als unübertroffenes Hörspielereignis.

NPO, 30.101.2018
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