Lexikon

Rationalịsmus

[
lateinisch
]
in der europäischen Geistesgeschichte Bezeichnung für die vorherrschende Auffassung, die die Vernunft als oberstes Ordnungsprinzip der Welt (metaphysischer Rationalismus, Gegensatz: Irrationalismus) bzw. als Grundlage des Erkennens (erkenntnistheoretischer Rationalismus, Gegensatz: Empirismus) ansieht. Im engeren Sinne bezeichnet Rationalismus die durch R. Descartes begründete Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts (G. W. Leibniz, B. de Spinoza), die ihre Fortsetzung in der Aufklärung (C. Wolff) fand. Der Rationalismus behauptete die Existenz von angeborenen Begriffen (Substanz, Kausalität usw.) und die Möglichkeit systhematischer, erfahrungsunabhängiger Aussagen über die Wirklichkeit aus reinen Verstandesbegriffen (a priori). Methodisch war er an der Mathematik (Deduktion) orientiert. Entscheidende Kritik erfuhr er durch I. Kants transzendentale Fragestellung nach der Bedingung der Möglichkeit von etwas. G. W. Hegel, F. W. Schelling und J. G. Fichte waren bestrebt, das substanzielle, objektive Moment der Vernunft in der Welt zu halten (Panlogismus). Mit dem historischen Materialismus teilten sie die Überzeugung von der grundsätzlichen Erkennbarkeit der Welt und das Festhalten am Geltungsanspruch vernünftigen Wissens. Als wissenschaftstheoretische Position wurde der kritische Rationalismus von Bedeutung.
Auch in Fragen der Religion wurde die Ratio zum entscheidenden Kriterium; der Rationalismus bewirkte hier eine Offenbarungskritik, die zum Begriff der natürlichen Religion führte, die den positiven Religionen als religiöse Vernunftform entgegengesetzt wurde.
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