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LEXIKON

Wilhelm I.

Wilhelm I. (Deutscher Kaiser)
Wilhelm I. (Deutscher Kaiser)
König von Preußen 18611888, deutscher Kaiser 18711888, * 22. 3. 1797 Berlin,  9. 3. 1888 Berlin; Sohn von Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise, jüngerer Bruder und Nachfolger von Friedrich Wilhelm IV., vermählt seit 1829 mit Augusta, Tochter des Großherzogs Karl Friedrich von Sachsen-Weimar. Als entschiedener Gegner der Märzrevolution 1848 musste Wilhelm zunächst nach England fliehen, schlug dann den republikanischen Aufstand in der Pfalz und in Baden 1849 nieder. 18491854 Generalgouverneur der Rheinlande in Koblenz, öffnete er sich unter dem Einfluss seiner Frau in gewissem Umfang auch liberalen Ideen, die in der Politik der „Neuen Ära“ (18581861) ihren Niederschlag fanden, als er für seinen geisteskranken Bruder die Regentschaft führte.
Als König (seit dem 2. 1. 1861) geriet Wilhelm über die von ihm unterstützte Heeresreform des Kriegsministers A. von Roon in Gegensatz zur liberalen Mehrheit des preußischen Abgeordnetenhauses. Schon zur Abdankung entschlossen, berief er 1862 auf Roons Rat Bismarck zum Ministerpräsidenten, der die Regierung gegen das Parlament führte (Verfassungskonflikt). Bismarck übte auf Wilhelm in der Folge einen starken Einfluss aus, dem er sich oft erst nach hartem Widerstand beugte. Kaiserwürde und -titel nahm Wilhelm erst nach Zustimmung aller Bundesfürsten an, blieb aber in erster Linie König von Preußen.
Reichsgründung - Zeremonie und Echo im Ausland
Reichsgründung - Zeremonie und Echo im Ausland
Der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm (1888 für kurze Zeit selbst Kaiser) beschreibt die Krönungszeremonie am 18. 1. 1871 in Versailles, als sein Vater Wilhelm I. zum Kaiser ausgerufen wird:

Im Mittelfenster stand ein Feldaltar, vor dem der König, von allen Fürsten im Halbkreis umgeben, sich aufstellte und Prediger Rogge aus Potsdam die verkürzte Liturgie verlesen und ein einfaches Gebet sprechen sollte. Da das Kommando Helm ab zum Gebet für die Mannschaften vergessen worden war, musste ich es selber laut geben, worauf der aus Militärmusikern der hiesigen Regimenter gebildete Liturgiesängerchor nebst der Militärmusik den Choral Sei Lob und Ehr' in diesen gewaltigen Räumen mächtig ertönen ließ. Das einfach Gebet bestand aber in einer Strafrede auf Ludwig XIV. sowie in einer ziemlich taktlosen, langen, historisch-religiösen Abhandlung über die Bedeutung des 18. Januar für Preußen. Der Schluss, welcher auf die deutsche Frage und deren Lösung durch das heutige Ereignis anspielte, sprach des warmen, sachgemäßen Inhalts wegen wieder an.

Ich ließ meine Blicke während dieses Teil der Feier über die Versammlung und an die Decke schweifen, wo Ludwigs XIV. Selbstverherrlichungen, ... namentlich die Spaltung Deutschlands zum Gegenstand habend, und fragte mich mehr als einmal, ob es denn wirklich wahr sei, dass wir uns in Versailles befänden, um hier die Wiederherstellung des deutschen Kaisertums zu erleben - so traumartig wollte mir das Ganze erscheinen ...
Nachdem Seine Majestät eine kurze Ansprache an die deutschen Souveräne laut und in der wohl bekannten Weise verlesen hatte, trat Graf Bismarck, der ganz grimmig verstimmt aussah, vor und verlas in tonloser, ja geschäftlicher Art und ohne jegliche Spur von Wärme oder feierlicher Stimmung die Ansprache An das deutsche Volk.
Bei den Worten Mehrer des Reiches bemerkte ich eine zuckende Bewegung in der ganzen Versammlung, die sonst lautlos blieb."
Der britische Oppositionsführer Benjamin Disraeli charakterisiert die Bedeutung des Deutsch-Französischen Krieges und die Gründung des Deutschen Reiches in einer Rede am 9. Februar 1871:
"Dieser Krieg bedeutet die deutsche Revolution, ein größeres politisches Ereignis als die französische des vergangenen Jahrhunderts ...
Nicht ein einziger der Grundsätze der Handhabung unserer auswärtigen Angelegenheiten, welche noch vor einem halben Jahr von allen Politikern als selbstverständliche Richtlinien anerkannt wurden, steht noch heute in Geltung.
Es gibt keine überkommene Auffassung der Diplomatie, welche nicht fortgeschwemmt wäre. Wir stehen vor einer neuen Welt, neue Einflüsse sind am Werk; ... das Gleichgewicht der Macht ist völlig zerstört; und das Land, welches am meisten darunter leidet und welches die Wirkungen dieses großen Wechsels am meisten zu spüren bekommt, ist England."
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