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Ukraine-Krieg: Wird Weizen bald knapp?

Der Krieg in der Ukraine trifft nicht nur die Menschen in den Kriegsgebieten, er könnte auch die Ernährungssicherheit in vulnerablen Regionen der Welt gefährden und Millionen Menschen in den Hunger treiben. Denn die Ukraine und Russland sind wichtige Exporteure von Getreide – bei Weizen etwa machen sie gemeinsam ein Drittel der globalen Exporte aus. Was bedeutet das für die Versorgung der Länder, die diese Güter aus der Ukraine und Russland importieren? Und wer ist besonders betroffen?
JFR, 16.03.2022
Felder in der Ukraine

GettyImages, Rudenko Taras

Die Ukraine ist ein wichtiger Exporteur von Getreide und gilt daher auch als "Kornkammer Europas". Dies liegt vor allem an den besonders fruchtbaren Böden dieser Region: Die dortigen Schwarzerde-Böden zählen zu den besten Ackerflächen der Welt, denn sie sind locker, humusreich und kalkhaltig.

Die ukrainische Landwirtschaft konzentriert sich vor allem auf die Produktion von Weizen, Gerste, Raps, Mais und Sonnenblumenöl. Auch Ölsaaten sind ein wichtiges Exportprodukt. Diese Pflanzensamen werden zur Herstellung von Pflanzenöl genutzt, aber auch für die Produktion von Tierfutter verwendet.

Krieg stört Feldbestellung

Im März und April werden in der Ukraine normalerweise die Felder bestellt und der größte Teil des Getreides und anderer Nutzpflanzen ausgesät. Doch die Frühjahrsbestellung wird dieses Jahr durch die Kriegshandlungen zumindest teilweise unterbrochen sein. Viele Bauern haben sich zum Kampf gemeldet, andere sind geflüchtet. Zusätzlich fehlt den landwirtschaftlichen Betrieben der Treibstoff für die Traktoren, da sie diesen an die ukrainische Armee abgeben. Dadurch werden in diesem Jahr viele Felder unbestellt bleiben – erhebliche Ernteausfälle sind die Folge.

Schätzungen zufolge wird die ukrainische Landwirtschaft als Folge der russischen Invasion wahrscheinlich 35 Millionen Tonnen Getreide weniger ernten als im Jahr 2021. Das entspricht etwa 7,6 Prozent des globalen Getreidehandels, was zwar zunächst nach recht wenig klingt, aber dennoch gravierende Auswirkungen haben wird. Denn eine steigende Nachfrage,  zunehmende Produktionskosten und klimabedingte Ernteeinbußen in anderen Teilen der Welt haben dazu geführt, dass der Weltmarkt für Getreide angespannt ist.

"Daher sind Getreidepreise auch gegenüber kleinen Angebotsschocks sehr empfindlich. Getreidepreise sind seit dem Beginn der Invasion um 50 Prozent auf historische Höchststände gestiegen", sagt Stephan von Cramon-Taubadel von der Universität Göttingen.

Getreidesilos im Hafen von Odessa
Odessa, die wichtigste Hafenstadt der Ukraine, liegt unter Beschuss. In normalen Jahren läuft eine großer Teil der ukrainischen Agrarexporte über die Schwarzmeerstadt.

GettyImages, rvbox

Dünger- und Spritkosten als zusätzliche Preistreiber

Doch nicht nur das verringerte Angebot von Weizen aus der Ukraine treibt die Preise derart in die Höhe – auch Russlands Wirtschaft leidet unter dem Krieg. Neben Getreide ist Russland auch ein wichtiger Exporteur von Düngemitteln und damit entscheidend für die Weizenproduktion auf der ganzen Welt. Russland und Belarus machen zusammen 30 Prozent des weltweiten Kalium-Düngerexport aus, Russland alleine exportiert 15 Prozent des weltweiten Stickstoff-Düngers.

Bricht dieser Export weg, werden die Ernten an den Orten, wo das Düngemittel fehlt, niedriger ausfallen und die Knappheit zusätzlich verschärfen. "Wichtig ist an dieser Stelle auch der Preisauftrieb für Energie, der die Produktionskosten in der Landwirtschaft zum Beispiel für Diesel und Düngemittel stark steigen lässt. Dadurch ist mit einem Preissprung für alle Nahrungsmittel zu rechnen", sagt Martin Banse vom Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume in Braunschweig.

In Europa steigen die Preise, in Afrika wird es Hunger geben

Trotz steigender Getreidepreise werden bei uns Mehl und Brot sicher nicht knapp werden – wohl aber teurer. Doch die im weltweiten Vergleich wohlhabenden Europäer werden deswegen nicht hungern müssen. Westeuropäer geben im Durchschnitt für Nahrungsmittel nicht mehr als 10 bis 20 Prozent ihres Einkommens aus. "Zudem weisen viele Nahrungsmittel einen hohen Verarbeitungsgrad und geringe Wertanteile der Rohstoffe auf, weshalb selbst stark steigende Preise für Agrarrohstoffe nur begrenzt negativen Einfluss auf die Kaufkraft haben. Preissteigerungen für Energie und Treibstoffe dürften einstweilen für die meisten Menschen in EU-Staaten deutlich relevanter sein", sagt Sebastian Hess von der Universität Hohenheim in Stuttgart.

Ganz anders ist die Situation allerdings in einkommensschwächeren Ländern, in denen der größte Teil des Pro-Kopf-Einkommens für Nahrungsmittel ausgegeben wird. Russland und die Ukraine exportieren hauptsächlich Getreide in Länder des mittleren Ostens und nach Nordafrika – also in Regionen, die ohnehin stark von Hunger und Armut betroffen sind. Hinzu kommt, dass einige der Hauptimporteure für ukrainischen Weizen bevölkerungsreiche Länder wie Ägypten und Indonesien sind.

"Sprunghaft ansteigende Preise für Grundnahrungsmittel wie Weizen und Mais sind vor allem für arme Menschen ein Problem und bedeuten mehr Hunger. Die Situation könnte sich in den kommenden Monaten weiter zuspitzen, weil die größten Mengen aus der Schwarzmeer-Region im Normalfall im Sommer und Herbst geerntet und exportiert werden. Sollten diese Mengen im laufenden Jahr komplett fehlen, könnte die Zahl der hungernden Menschen kurzfristig um über 100 Millionen ansteigen", erklärt Matin Qaim von der Universität Bonn die prekäre Lage der ärmeren Länder.

Weniger Weizen für die Fleischproduktion

In der EU ist nun eine Diskussion darüber entbrannt, ob der nachhaltige Umbau der Landwirtschaft zurückgestellt werden sollte, um durch intensive Landwirtschaft steigende Lebensmittelpreise abfangen zu können – auf Kosten des Klima- und Umweltschutzes. Doch die Produktion von Weizen und Ölsaaten hochzufahren, löst das Problem nicht unbedingt.

Zum einen würde die Umstellung der Produktion zu viel Zeit in Anspruch nehmen, die in der aktuellen Situation nicht gegeben ist. Für Anbau und Ernten in diesem Jahr sind die Weichen längst gestellt. Zudem werden ein Fünftel der Weizenproduktion und sogar fast 60 Prozent des Ölsaaten-Anbaus nicht für Brot und andere Nahrungsmittel verwendet, sondern als Tierfutter eingesetzt. Mit anderen Worten: Ein großer Teil des Getreides, der als Grundnahrungsmittel benötigt würde, geht für die Produktion von Fleisch verloren.

Genau an diesem Punkt sehen einige Experten daher Ansatzpunkte für Gegenmaßnahmen:  "Kurz gesagt: eine Verringerung der Produktion und des Konsums tierischer Lebensmittel, insbesondere in europäischen Ländern mit vielfach zu hohem Konsum wäre eine geeignete Maßnahme, um die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die Ernährungssicherheit abzufedern", erklärt Marco Springmann von der Universität Oxford in Großbritannien.. Stattdessen könnte der Weizen zur Produktion von Grundnahrungsmitteln wie Brot verwendet werden.

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