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Voll Grass!

von Dietmar Hefendehl, wissen.de

Herr Grass war als junger Mann ein paar Monate in der Waffen-SS. Das ist nicht schön. Noch weniger schön ist, dass er das nun als PR-Gag für seine Autobiografie benutzt. Das ist billig und schamlos. Doch erschreckend ist auch die Reaktion der zahllosen Kritiker, die sich als moralisch unangreifbare Instanzen inszenieren und Günter Grass nun der Lüge bezichtigen. Nur hat Günter Grass nie gelogen, er hat aus seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS keinen Hehl gemacht und in der Kriegsgefangenschaft Auskunft gegeben darüber. Dass er als junger Mann Sympathien für Hitler hegte, hat er ohnehin immer mal wieder erwähnt.

 

Sicher, er hatte viele Möglichkeiten die Station Waffen-SS in seiner Biografie zu thematisieren und zu erklären, doch warum hätte er das tun sollen? Sind wir verpflichtet, über unsere Fehltritte in der Öffentlichkeit Abbitte zu leisten? Wann sind wir dazu verpflichtet? Ab 20 Minuten Fernsehpräsenz pro Woche? Einer BILD-Schlagzeile im Quartal oder erst wenn wir einen Nobelpreis gewonnen haben? Günter Grass hat als Jugendlicher eine schlimme Fehlentscheidung getroffen und später als anerkannter Schriftsteller eine weitere. Er hat die Dimension seiner Beichte unterschätzt. Grass - SS - Sommerloch; er hätte sich denken können, dass er Prügel bekommt.

 

Und jetzt den Nobelpreis zurückgeben, wie einige fordern? Was für ein Licht würfe das auf diese Auszeichnung, die doch das Werk und nicht die charakterlichen Eigenschaften des Preisträgers ehrt. Er hat sich den Preis aufgrund seiner großartigen literarischen Leistungen verdient und soll ihn deshalb auch behalten. Übrigens finden sich gerade bei den Friedensnobelpreisträgern ein paar Kandidaten, deren Biografien uns viel eher zum Nachdenken bringen sollten ...

 

Wieso nun also diese heftigen Reaktionen und vor allem: Wenn dieses Detail seiner Biografie tatsächlich von solch großen Interesse ist, warum ist es dann so lange nicht thematisiert worden? Wo waren seine damaligen Kameraden, wieso hat keiner zu keinem Zeitpunkt etwas gesagt? Viel eher scheint Grass mit seiner Beichte ein schlechtes Gewissen geweckt zu haben. Wenn tatsächlich jeder zehnte Soldat in der Waffen-SS war und gerade junge Soldaten in den letzten Kriegsjahren schnell und gerne dorthin rekrutiert wurden, dann haben wohl viele Familien noch ein paar moralische Plätzchen zu knabbern. Ist Günter Grass denn tatsächlich so wichtig, dass ein Detail seines Lebens tagelang die Presse dominieren sollte? Oder haben wir es wieder mit einer Kollektivschuld zu tun, da wir auf diesen „Scharlatan“ hineingefallen sind und seine Bücher lasen?

 

Und wer ihn strafen will, der sollte es ihm nicht so leicht machen und verlangen, dass er diese oder jene Ehrung wieder zurückgeben muss. Das führt nur zur Frontenbildung in der Diskussion. Warum trägt man ihm nicht selbst an, diese Entscheidungen zu fällen. Wenn er seine moralische Schuld über sechs Jahrzehnte selbst schultern konnte, dann wird er in der Lage sein zu entscheiden, ob er sich für eine Ehrung qualifiziert oder nicht. Möge er selbst über seinen Lebenslauf urteilen. Und wir seine Werke mit dem Wissen um eine weiteres Detail lesen.

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