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Wie Dialekte unsere Wahrnehmung der Persönlichkeit beeinflussen

Im ländlichen Bayern oder Sachsen ist der heimische Dialekt nichts Besonderes - viele sprechen dort so. Aber in den größere Städten und in anderen Regionen Deutschlands fallen Dialektsprechende auf – und sind nicht selten mit Vorurteilen konfrontiert. Wer stark sächselt oder bayrisch spricht, gilt dann gerne mal als "Landei", rückständig und eher ungebildet. Warum das so ist und wie diese Dialekte die Wahrnehmung der Persönlichkeit beeinflussen, hat eine Kommunikationsforscherin untersucht.

"Jede Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft", schrieb einst Johann Wolfgang von Goethe. Doch in der heutigen Zeit gehen die Ansichten dazu stark auseinander. Während die heimische Mundart auf dem Land oft noch stark verbreitet und völlig normal ist, ist das Dialektsprechen in Großstädten und insbesondere in der Arbeitswelt eher verpönt. Wer stark sächselt, Plattdeutsch oder im bayrischen Dialekt spricht, gilt oft als eher rückständig, ungebildet und als "Landei".

Sächsisch ist besonders unbeliebt

Dabei hängt die Akzeptanz des Mundartsprechens oft auch von der Art des Dialekts ab: In repräsentativen Umfragen liegt das Bayrische fast immer ganz weit vorne auf der Beliebtheitsskala – offenbar assoziieren viele Menschen diesen Dialekt mit Gemütlichkeit, Lebenslust und möglicherweise auch mit positiven Erinnerungen an den Urlaub im Alpenraum. Dazu passt, dass Österreichisch in solchen Ranglisten auch oft weiter vorne landet. Ebenfalls noch recht beliebt sind Plattdeutsch und norddeutsche Mundarten sowie der rheinische Dialekt und das Berlinern.

Weit abgeschlagen dagegen landet regelmäßig das Sächsische – der Dialekt, der ungefähr im Städtedreieck Leipzig-Dresden-Chemnitz gesprochen wird. Aber warum? Welche Assoziationen weckt das Sächsische bei Menschen, die diesen Dialekt hören? Und wie unterscheidet sich dies vom Bayrischen? Das hat die Kommunikationswissenschaftlerin Kerstin Trillhaase von der TU Berlin näher untersucht.

Wie beeinflusst der Dialekt die Persönlichkeits-Wahrnehmung?

Für ihre Studie ließ die Forscherin Männer und Frauen aus Leipzig, Dresden, Chemnitz, Heidenau, München und aus ländlichen Gegenden Bayerns einen Text einmal in ihrem jeweiligen Dialekt und einmal in Standarddeutsch vorlesen. Diese Tonaufnahmen spielte sie dann Menschen aus neun verschiedenen Bundesländern vor und ließ sie anhand standardisierter Fragebögen ihre Eindrücke einstufen.  Besonderes Augenmerk legte die Forscherin dabei auf die Wahrnehmung der Persönlichkeit.

Deshalb konzentrierten sich viele der Fragen auf drei Merkmale, die als wichtige Aspekte der Persönlichkeitstypen gelten: die Offenheit für Erfahrungen, die Verträglichkeit und die Gewissenshaftigkeit. Offenheit für Erfahrungen bedeutet, dass diese Menschen offen sind für Fantasie, Ästhetik, Gefühle, Handlungen, Ideen und auch tolerant in Bezug auf das eigene Normen- und Wertesystem. Verträglichkeit bezieht sich auf Vertrauen, Freimütigkeit, Altruismus, Entgegenkommen, Bescheidenheit sowie Gutherzigkeit. Und das Persönlichkeitsmerkmal Gewissenhaftigkeit umfasst die Facetten Kompetenz, Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein, Leistungsstreben, Selbstdisziplin, Besonnenheit.

Sächselnde Männer kommen besonders schlecht weg

Die Auswertung ergab: Vor allem Menschen mit stark sächsischem Dialekt müssen damit rechnen, pauschal in eine Schublade gesteckt zu werden – selbst wenn andere Menschen nur ihren Dialekt hören und die Person gar nicht sehen oder kennen. So bewerteten die Testhörer die sächsisch sprechenden Personen hinsichtlich ihrer Offenheit für Erfahrungen signifikant schlechter, als wenn sie den Text in Standarddeutsch vorlasen. Auch in puncto Gewissenhaftigkeit wurden die sächsisch sprechenden Personen heruntergestuft – vor allem die sächselnden Männer.

"Führt man sich vor Augen, dass gewissenhafte Menschen als ordentlich, pflichtbewusst oder diszipliniert beschrieben werden und dem sächselnden Mann das alles kaum zugesprochen wird, dann könnte man fast zu dem Schluss kommen, er werde in seiner Kompetenz nicht ernst genommen“, sagt Trillhaase. Interessanterweise war dieses Vorurteil für sächsisch sprechende Frauen auch vorhanden, wirkte sich aber weniger stark aus. Beim bayrischen Dialekt gab es zwar ebenfalls Verzerrungen in der Persönlichkeitswahrnehmung, aber diese fielen deutlich geringer aus. Die bayrisch sprechenden Testpersonen bekamen nur leichte Abstriche in Offenheit und Gewissenhaftigkeit, aber auch hier wurden männliche Dialektsprecher negativer bewertet als die Frauen.

„Meine empirische Studie zeigt, dass ein Dialekt im Vergleich zum Standarddeutsch die Wahrnehmung der Persönlichkeit beider Geschlechter beeinflusst, und Dialekt sprechende Männer sind von einer solchen Verzerrung in der Wahrnehmung stärker betroffen als Frauen“, fasst Trillhaase ihre Ergebnisse zusammen.

Dialekt als "Bauernsprache"

Aber warum beurteilen wie die Persönlichkeit eines Menschen unwillkürlich auch nach dem Dialekt? Die Zuschreibungen erklärt die Sprachwissenschaftlerin zum Teil damit, dass Dialekte historisch betrachtet schon immer als Bauernsprache und damit als bildungsfern und einfältig stigmatisiert wurden. Hinzu kommt, dass Menschen, die Dialekt sprechen, eher älter und männlich sind und auf dem Land leben und von daher mit Vorurteilen behaftet sind, traditionell, konservativ und konventionell zu sein sowie festgefahrene Einstellungen zu haben. Daraus werde dann möglicherweise der Umkehrschluss gezogen, wer Dialekt spricht, ist traditionell und konservativ, so die Forscherin.

Gefördert wurden diese Vorurteile vor allem durch die Umstellungen nach dem Zweiten Weltkrieg: Nach 1945 gab es einen Sprachwandel, der sich in einer Abkehr von Basisdialekten hin zum Standarddeutsch manifestiert hat. Seither gilt das Hochdeutsche als die Leitsprache und die Sprache der Gebildeten. „Mehrere Studien, die aktuellste ist von 2019, zeigen, dass Personen, die Standarddeutsch sprechen, beziehungsweise dass das Standarddeutsch häufig positiver bewertet werden“, sagt Trillhaase.

Die Studie zeigt aber auch, dass das Sächsische unter den Dialekten nicht nur besonders unbeliebt ist, sondern offenbar auch besonders negative Vorurteile über die Persönlichkeit der sächsisch Sprechenden weckt. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich Stereotype zu Bürgerinnen und Bürgern der ehemaligen DDR auf sächsisch sprechende Personen übertragen haben, da sich Ansichten über das „Sächsische“ und „Ostdeutsche“ teilweise überlagern.

Das Bild vom "ungebildeten" Dialektsprecher ist falsch

Allerdings: Nur weil die Dialekt sprechenden Menschen als weniger gewissenhaft oder weniger offen von ihrem Gegenüber wahrgenommen werden, heißt das noch lange nicht, dass dies auch zutrifft, betont Trillhaase. So widerlegte zum Beispiel eine Studie des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim das Vorurteil, Dialekt sei die Sprache der sozialen Unterschicht. „Dialekt sprechende Personen haben per se kein niedrigeres Bildungsniveau als Sprecher des Hoch- beziehungsweise Standarddeutschs“, sagt die Wissenschaftlerin.

Für das praktische Leben bedeuten diese Befunde, dass sich Dialektsprecher dieser Wahrnehmungsverzerrungen bewusst sein sollten – zum Beispiel im Bewerbungsprozess oder im beruflichen Alltag. Umgekehrt gilt dies aber auch für Personalmanager: Sie sollten sich von einem Dialekt nicht zu Fehlurteilen über Vermögen oder Persönlichkeit eines Bewerbers oder einer Bewerberin hinreißen lassen.

Quelle: Technische Universität Berlin

NPO, 23.09.2021
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