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Synästhesie – eine ganz besondere Form der Wahrnehmung

Mit allen Sinnen aktiv: Wenn das Gehirn “überreagiert“

Wenn Menschen etwas lesen, nehmen die meisten von ihnen mit ihrem Sehsinn die Buchstaben schwarz auf weiß wahr. Wenn sie einer Melodie oder einem Vortrag lauschen, erfassen sie die gesprochenen Worte oder die Melodie auch nur als solche – über den Gehörsinn eben. Das ist für die meisten von uns so. Doch es gibt auch Menschen, die äußere Reize nicht über nur eine Sinnesempfindung erfahren. Bei ihnen haben die Töne der Musik unterschiedliche Farben und Formen oder Buchstaben und Zahlen lassen sich erfühlen. Menschen mit dieser ungewöhnlichen Fähigkeit werden "Synästhetiker" genannt.

Der Begriff "Synästhesie" kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Vermischung der Sinne". Noch ist unklar, wie häufig Menschen mit synästhetischen Wahrnehmungen in der Bevölkerung vertreten sind; die Schätzungen variieren von 1:25.000 bis 1:2000. Neueste Vermutungen gehen sogar davon aus, dass jeder 1000. Mensch Synästhetiker sein könnte.

Für einen Menschen mit einfachen Sinnesempfindungen ist die Synästhesie kaum nachvollziehbar. Es ist fast so, als würde man einem Blinden versuchen, das Sehen zu erklären. Die Wochentage in unterschiedlichen Farben sehen? Das Hühnchen kugelförmig schmecken? Die meisten Synästhetiker sehen Worte und Zahlen in Farbe. Für manche von ihnen erscheint der zusätzliche Sinneseindruck in ihrem Inneren, für andere ist es, als hätten sie einen Monitor vor Augen. Wieder andere erfahren die zusätzliche Information quasi "um sich herum", als seien sie darin eingetaucht.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Der berühmte Dichter und Naturwissenschaftler hat sich intensiv mit der Wahrnehmung der verschiedenen Farben beschäftigt.

Synästhetische Wahrnehmungen lassen sich nicht kontrollieren. Sie sind einfach da. Es ist die Vermischung der Sinne: Bei der Stimulation eines Sinns - etwa des Hörens - wird zusätzlich eine weitere Sinneswahrnehmung ausgelöst - etwa das Sehen von Farben oder geometrischen Figuren. Am häufigsten ist das "Farbenhören", oft auch als "coloured hearing" bzw. "audition colorée" bezeichnet. Dabei kommt es durch das gehörte, gelesene und sogar nur gedachte Wort zu einem synästhetischen Farberlebnis, das bei manchen Synästhetikern auch mit der Wahrnehmung einer geometrischen Form einhergeht. Ein "E" wird dann beispielsweise als "gelb" beschrieben oder das Wort "sauer" als "vorwiegend grau und mit der rauen Struktur einer Raspel".

 

Das Leben als Synästhetiker

Bei dem Phänomen der Synästhesie handelt es sich keineswegs um eine krankhafte Störung, sondern um eine zusätzliche Fähigkeit. Die meisten Synästhetiker empfinden diese wunderbare Eigenschaft als Bereicherung ihres Lebens. Forschungen haben gezeigt, dass es sich hierbei auch nicht etwa um Einbildung handelt, sondern vielmehr um eine Fähigkeit, die auch einen wissenschaftlichen Glücksfall schafft, denn Wissenschaftler erhoffen sich dadurch neue Einblicke in das Funktionieren des menschlichen Bewusstseins. Indirekt kann die Erforschung dieses Phänomens dabei helfen, grundlegende Prozesse der Informationsverarbeitung im Gehirn zu erklären, über die Wissenschaftler bis heute im Dunkeln tappen.

Die meisten Synästhetiker merken schon sehr früh, dass bei ihnen etwas "anders" ist als zum Beispiel bei ihren Schulkameraden. Schon von früher Kindheit an vermeiden die meisten daher so zu reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Aus Angst, als Spinner abgestempelt zu werden, passen sie sich ihrer Umwelt an. Erst durch Berichte zu diesem Thema in Zeitungen oder im Fernsehen wird ihnen bewusst, dass sie tatsächlich eine außergewöhnliche Gabe besitzen - und dass nicht jeder Mensch auf der Welt Zahlen "farbig hört". Vielen hilft es, sich mit anderen Synästhetikern auszutauschen. Hier können sie ohne mit der Wimper zu zucken sagen, dass sie sich heute "orange" fühlen oder dass man Chopin so gerne hört, weil er hauptsächlich "gelbe Musik" geschrieben hat.

 

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