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70 Jahre Menschenrechte - Gleiches Recht für alle?

"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." Das beschlossen die Vereinten Nationen, als sie vor 70 Jahren die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedeten. Sie sollte garantieren, dass alle Menschen auf der Welt in Freiheit, Würde und Gleichberechtigung leben können. Doch das ist bis heute längst nicht überall selbstverständlich.

Broshüre mit der AEMR in deutscher Sprache
Mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte setzte die UNO nur drei Jahre nach ihrer Gründung einen der Meilensteine der Nachkriegsgeschichte.

Es war eine Zeit, als die Menschheit gerade erst die Schrecken des Zweiten Weltkriegs hinter sich gelassen hatte: Solche menschenverachtenden Gräueltaten sollten nie wieder zugelassen werden – das beschloss die internationale Gemeinschaft mit der Gründung der Vereinten Nationen im Jahr 1945. Bereits auf der ersten Tagung dieser neuen Organisation sprachen die Staats- und Regierungschefs der Welt über ein Dokument, dass dies garantieren sollte: die spätere Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

Eleanor Roosevelt mit einem Ausdruck der AEMR in Spanisch.
Eleanor Roosevelt mit einem Ausdruck der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in Spanisch.
Grundlage für Frieden und Gerechtigkeit

Um eine Grundlage für die menschliche Gemeinschaft, für Frieden und Gerechtigkeit zu formulieren, kam schon bald danach ein Ausschuss aus Mitgliedern unterschiedlicher politischer, kultureller und religiöser Herkunft zusammen – angeführt von Eleanor Roosevelt, der Aktivistin und Witwe des ehemaligen US-Präsidenten. Nachdem dieser Ausschuss einen Entwurf ausgearbeitet hatte, wurde er von allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen gemeinschaftlich überarbeitet.

In einer Zeit, in der die Welt in östliche und westliche Blöcke geteilt war, erwies es sich als keine leichte Aufgabe, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Doch schließlich war es geschafft: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." Dies beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen gemeinsam mit 29 weiteren Artikeln am 10. Dezember 1948 in Paris.

Historisches Ereignis

Fortan galt, dass jeder Mensch die gleichen Rechte hat – unabhängig von seiner Herkunft, Hautfarbe oder Religion, seinem Geschlecht, Alter oder Vermögen. Dazu gehören zum Beispiel das Recht auf Meinungsfreiheit, Bildung und soziale Sicherheit, aber auch das Recht darauf, nicht diskriminiert, gefoltert oder willkürlich verhaftet werden zu dürfen.

"Ich habe deutlich wahrgenommen, dass ich an einem wirklich bedeutsamen historischen Ereignis teilhabe, bei dem ein Konsens über den höchsten Wert der menschlichen Person erzielt wurde", schrieb der Chilene Hernán Santa Cruz, Mitglied des Menschenrechtsausschusses rückblickend. "Ein Wert, der das unveräußerliche Recht hervorbrachte, frei von Not und Unterdrückung zu leben und seine Persönlichkeit voll zu entwickeln."

Universell – aber bedroht

Die damals verabschiedete Erklärung war ein Meilenstein in der Geschichte der Menschenrechte und diente als Vorbild für diverse weitere Menschenrechtsabkommen. Heute ist sie das am meisten übersetzte Dokument und hat auch 70 Jahre nach ihrer Verabschiedung nichts an Aktualität verloren. Dieses Jubiläum sollte eigentlich ein Grund zum Feiern sein – doch es gibt nicht nur Anlass, sich zu freuen.

Denn die Rechte, die für viele von uns heute so selbstverständlich sind, werden in vielen Teilen der Welt inzwischen wieder mit Füßen getreten. "Die Menschenrechte sind unteilbar und universell – das war die unmissverständliche Botschaft, als die Menschenrechte verabschiedet wurden. Heute allerdings ignorieren immer mehr Machthabende auf der ganzen Welt gezielt, dass Menschenrechte Völkerrechte sind", sagt Barbara Unmüßig, Stiftungsvorsitzende der Heinrich-Boell-Stiftung.

Menschenrechtsverletzungen
Gültig nur mit Einschränkungen

Die chinesischen Repressionsmaßnahmen gegen die uigurische Minderheit und das US-Gefangenenlager Guantanamo Bay sind nur zwei Beispiele für Menschenrechtsverletzungen prominenter Unterzeichner der UNO-Menschenrechtserklärung.

Beispiel UN-Migrationspakt

"Im Namen von Religion oder Tradition stellen zunehmend mehr politische Akteure zentrale universelle Rechte und Werte in Abrede, oder erklären Minderheitenschutz und Religionsfreiheit mit rassistischen, sexistischen und immer häufiger mit völkischen Argumenten für obsolet", so Unmüßig weiter.

Dies lässt sich längst nicht nur in Autokratien, sondern zunehmend auch in demokratischen Ländern beobachten. "Ein aktuelles Beispiel ist der UN-Migrationspakt", sagt die Professorin für Menschenrechte an der Hochschule Coburg, Claudia Lohrenscheit. "Die Tatsache, dass auch von demokratischen Staaten so viel Widerstand gegen diese Mindeststandards für Flucht und Migration kommt, ist aus Sicht der Menschenrechte verstörend."

Lager Dobova
Wie hältst Du es mit den Menschenrechten? Spätestens mit den Debatten über Flucht und Migration sind die Menschenrechte und ihre Auslegung auch bei uns wieder ein Thema geworden.

"Nicht verhandelbar"

Was tun? Jeder Einzelne kann dafür sorgen, dass Menschenrechte mehr Beachtung finden – zum Beispiel durch Engagement in Organisationen wie Amnesty International oder sozialen Projekten. Aber auch im kleinen Kreis zu Hause: "Jeder sollte sich Gedanken machen, was Werte wie Freiheit, Würde und Solidarität heute konkret bedeuten. Indem wir darüber mit Freunden und Familie sprechen, schaffen wir ein Alltagsverständnis und lassen Menschenrechte lebendig werden", meint Lohrenscheit.

Gleichzeitig dürfe das Eintreten für Menschenrechte aber nicht allein Aufgabe der Zivilgesellschaft sein, betont Unmüßig: "Die Charta schreibt die primäre Verantwortung der Staaten fest, die Menschenrechte zu garantieren, zu schützen und auch weiterzuentwickeln. Daher gehören Menschenrechte als Prinzip von Regierungshandeln in alle Ressorts und internationale Vereinbarungen. Denn Menschenrechte sind nicht verhandelbar – sie gelten für alle auf der Welt."

DAL / Heinrich-Boell-Stiftung/ Hochschule Coburg, 10.12.2018
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