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Bystander-Effekt: Wenn im Notfall die Hilfe ausbleibt

Jemand fällt um, wird bewusstlos und keiner hilft – nicht einmal der Notarzt wird sofort gerufen. Stattdessen gehen die Passanten achtlos vorbei. In den letzten Wochen sorgten gleich mehrere solcher Fälle für Aufsehen. Aber woran liegt es, dass viele Menschen im Notfall nicht helfen? Ist es Angst? Oder gar Gleichgültigkeit?

Unfallszene
Hilft er oder hilft er nicht? Der sogenannte Bystander-Effekt kann dazu führen, dass die notwendige Hilfe ausbleibt.
Das Phänomen ist altbekannt, Psychologen nennen es den Bystander-Effekt. Immer wieder verstreicht wertvolle Zeit, bis Menschen, die umkippen, einen Schlaganfall oder Herzstillstand erleiden, von Laien reanimiert werden. Bei uns in Deutschland greifen bei einem Notfall nur 31 Prozent der Menschen direkt helfend ein.

Zwei Fälle – von vielen

Was das bedeutet, erlebte am 23. Dezember 2016 ein Mann in Düsseldorf: Der 49-Jährige Ralf Kramer erlitt auf einer belebten Straße plötzlich einen Schlaganfall und brach mit angeschlagenem Kopf bewusstlos zusammen. Gerade bei einem solchen Hirnschlag zählt jede Minute, denn je schneller der Betroffene Hilfe bekommt, desto höher ist die Chance, dass er ohne schwerwiegende Spätfolgen davonkommt.

Doch Kramer hatte zunächst kein Glück: 25 Passanten liefen an ihm vorüber, ohne sich zu kümmern. Sie halfen nicht und verständigten nicht einmal den Notarzt. Erst nach einer guten Viertelstunde hielt ein Radfahrer an und rief einen Rettungswagen. Die Hilfe kam gerade noch rechtzeitig, Kramer überlebte, wenn auch vorerst mit einer Lähmung im Arm.

Weniger glimpflich ging im Oktober 2016 ein Fall in Essen aus. Dabei war ein Rentner im Vorraum einer Bank zusammengebrochen. Obwohl mehrere Kunden den Raum betraten und wieder verließen, blieb der im Sterben liegende Mann 20 Minuten auf dem Boden liegen, ohne dass Hilfe kam. Als dann doch noch der Notarzt abgerufen wurde, kam er zu spät: Der Mann starb wenige Tage später im Krankenhaus.

Nicht bemerkt, falsch interpretiert

Aber warum wird solchen Menschen nicht geholfen? Was hält die Passanten davon ab? Seit mehr als 50 Jahren erforschen Psychologen nun dieses Phänomen. Bekannt wurde es als Genovese-Syndrom. Genovese ist der Name einer 28-jährigen US-Amerikanerin, die 1964 vor ihrem Haus in New York City erstochen wurde. Knapp 40 potenzielle Zeugen gab es. Keiner griff wirksam ein.

Die Gründe dafür führen Psychologen auf mehrere Effekte zurück. Zum einen muss ein Passant die Situation erst einmal erkennen. Viele Menschen sind heute so sehr mit ihrem Handy und mit sich beschäftigt, dass sie den Notleidenden nicht einmal bewusst registrieren. Auch Zeitdruck spielt eine wichtige Rolle: Menschen die unter Zeitdruck stehen, sind weniger hilfsbereit, wie Studien belegen. Außerdem wird gerade in der Großstadt die Situation oft falsch eingeschätzt: Man glaubt, bloß einen schlafenden Betrunkenen oder Obdachlosen zu sehen.

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NPO, 19.01.2017
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