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Die Eisheiligen: Was steckt hinter diesen Bauernregeln?

„Mamertius, Pankratius, Servatius bringen oft Kälte und Verdruss“, „Pankraz, Servaz, Bonifaz machen erst dem Sommer Platz“ und „Die kalte Sophie macht alles hie“. Diese Reime beschreiben ein für Mitte Mai typisches Wetterphänomen: die Eisheiligen. Häufig gibt es in dieser Zeit noch einmal einen Kälteeinbruch, sogar Nachtfrost kommt dann vor. Aber warum? Und wie häufig ist ein solcher Temperatursturz wirklich?
RPA

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ChamilleWhite, thinkstock.com

Die Eisheiligen sind in ganz Europa bekannt. In England sind es die „Ice Saints“, in Frankreich „Saints de glace“, in Italien „Santi di ghiaccio“, in Polen „Zimni ogrodnicy“ und in Norwegen „Jernnettene“. In Deutschland werden sie auch „Eismänner“ oder „Gestrenge Herren“ genannt. Das scheint etwas unfair, denn die bekannteste der Eisheiligen ist heute die „kalte Sophie“.

Benannt sind die Eisheiligen nach den Namenstagen, die in der Zeit vom 11. bis 15. Mai liegen. Sie sind verschiedenen Bischöfen und Märtyrern aus den vierten und fünften Jahrhundert gewidmet: Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und eben Sophie - oder Sophia. Ihre Namenstage markieren eine Zeit, in der es besonders oft noch einmal einen Kälteeinbruch gibt, bevor es dann endgültig sommerlich warm wird. Vom 11. bis 15. Mai – so die Bauernregeln - ist mit Temperaturstürzen und Nachtfrost zu rechnen. 

Weitergegeben über Generationen

Wie alt genau diese Bauernregeln sind, ist nicht bekannt, doch manche von ihnen gehen vermutlich bis in das frühe Mittelalter zurück. Um die beste Zeit für Aussaat und Ernte herauszufinden, beobachteten die Menschen die Natur, merkten sich wiederkehrende Witterungsbedingungen zu bestimmten Zeiten im Jahr, und leiteten Gesetzmäßigkeiten daraus ab. Ihre Beobachtungen hielten sie in Form von Reimen - eben den Bauernregeln - fest. Diese Wetterregeln wurden von Generation zu Generation weitergegeben, erst mündlich und nach der Erfindung des Buchdrucks in Form von bebilderten Bauern- und Wetterkalendern. Mit der Einführung des Christentums wandelte die Kirche bestehende Reime um, und bezog sie auf die Namenstage von Heiligen, vermutlich im späten 13. Jahrhundert.

Lange tat man die Bauernregeln als bloßen Volksglauben ab, man war der Ansicht, dass sie nur selten richtig liegen. Als man jedoch Ende des 20. Jahrhunderts begann, sie statistisch zu überprüfen - und dabei Datumsverschiebungen und Entstehungsgebiet der jeweiligen Regel beachtete - stellte man fest, dass Bauernregeln als Erfahrungswerte relativ häufig zutreffen. Temperaturstürze Mitte bis Ende Mai sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Meteorologische Singularitäten

Eisheilige: gefrorene Tulpen-Blüten
Fotolia.com/Gretchen Owen

Nach heutigen Erkenntnissen sind die Eisheiligen in Mitteleuropa eine sogenannte meteorologische Singularität: Eine Wetterlage, die regelmäßig zu bestimmten Zeitabschnitten im Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit auftritt. In diesen Phasen weicht das Wetter dann von den in dieser Zeit üblichen Bedingungen ab - es ist beispielsweise etwas zu kalt, zu heiß, zu nass oder zu trocken. Einer solchen Singularität haben wir nicht nur die Kälte der Eisheiligen zu verdanken. Auch die Tatsache, dass Weihnachten so selten Schnee fällt und es sogar meist in den Tagen vor Heiligabend taut, ist einer solchen Singularität geschuldet.

Warum aber kommt es ausgerechnet im Mai zu einem solchen "Ausreißer"? Der Grund liegt in der Wechselwirkung von Land und Meer: Anfang Mai ist es oft schon warm, das europäische Festland heizt sich auf. Doch weil sich das Meer im Allgemeinen langsamer erwärmt als der Kontinent, kommt es zu Temperaturunterschieden der Luftmassen über Festland und Ozean.

Dort, wo warme Luft aufsteigt - über dem Festland - entsteht ein Tiefdruckgebiet. Dieses zieht Luftmassen aus den Gebieten im Norden zu sich, in denen es kälter ist und daher höherer Druck herrscht. Diese Wechselwirkung sorgt dafür, dass während der Eisheiligen kalte Polarluft zu uns strömt – und das sorgt für die Kältedusche. Die Folge: Die Tagestemperatur in Mitteleuropa steigt kaum über 15 Grad, in den klaren Nächten besteht Frost- und besonders Bodenfrostgefahr. Ab der Monatsmitte nimmt die Wahrscheinlichkeit für diese Wetterlage wieder ab.

Regionale Unterschiede

Die Jahrhunderte alten Wetterregeln spiegeln demnach durchaus nachweisbare Wetterphänomene wider. Zu beachten ist jedoch, dass die allermeisten Regeln regionale Erfahrungen wiedergeben: Ohne das Wissen, aus welcher Gegend eine Bauernregel kommt, ist sie meist wertlos. Daher gibt es oft widersprüchliche Regeln für den gleichen Tag: Die eine mag von der Ostseeküste, die andere aus dem Alpenraum stammen. Regeln, die zumindest für das gesamte Mitteleuropa verbreitet waren, gibt es sehr wenige.

Die zeigt sich auch in der unterschiedlichen regionalen Verteilung der Eisheiligen. In Norddeutschland gelten die Tage vom 11. bis 13. Mai als Eisheilige (Mamertus, Pankratius und Servatius). Im Süden und Südosten Deutschlands kommen noch der 14. (Bonifatius) und der 15. Mai (kalte Sophie) hinzu, wohingegen der 11. (Mamertus) hier nicht gültig ist. Diese eintägige Differenz erklärt sich daraus, dass die von Norden her kommende Kaltluft in Süddeutschland etwa einen Tag später eintrifft.

Verschwinden die Eisheiligen?

In den letzten Jahren sind die Temperatureinbrüche im Mai jedoch oft ausgeblieben. Eine Folge des Klimawandels? Tatsächlich gibt der Deutsche Wetterdienst an, dass die Kaltlufteinbrüche im 19. und 20. Jahrhundert häufiger waren als heutzutage. Hinzu kommt: Wenn diese Kältephase auftrat, war sie oft etwas früher dran als eigentlich typisch. So gab es beispielsweise im Jahr 2011 den typischen Kälteeinbruch bereits in der ersten Maiwoche, in manchen Jahren ist dies auch schon Ende April der Fall. Dann jedoch fällt uns dies nicht so stark auf – wie schreiben es einfach dem unbeständigen Aprilwetter zu.

Es könnte sein, dass die Eisheiligen auch dieses Jahr wieder ausfallen. Die Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes rechnen ab dem 11. Mai sogar mit sommerlichen, möglicherweise sogar hochsommerlichen Temperaturen. Den gefürchteten Nachtfrost wird es wohl dieses Jahr nicht geben.

 

RPA, 13.5.2015

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