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Ein Traum wird wahr - That dream come true

Wie Meredith Michaels-Beerbaum zur Europameisterin wurde

"Von so etwas habe ich schon als kleines Kind geträumt", erzählte eine Frau den Journalisten, die man selten zuvor so aufgewühlt und von ihren Gefühlen überwältigt erlebt hatte. Meredith Michaels-Beerbaum hatte soeben ihren größten Einzeltitel gewonnen. Es ist der 19. August 2007 und Europa hat seine neue Reitsport-Heldin gefunden.

Ein wunderschöner Sommersonntag in Mannheim. Über der Reitanlage des Mannheimer Reitvereins, dem Maimarkt strahlt die Sonne, als wolle sie den Geschehnissen den richtigen Rahmen bereiten. Es ist 15.50 Uhr als plötzlich ein mitreißender Jubelsturm ausbricht. Er gilt der Reiterin, die soeben die Bahn betreten hat. Sie und ihr Pferd wirken geradezu winzig angesichts der Ausmaße des Platzes und der Mächtigkeit der Hindernisse. Aber alle Augen heften sich nun auf dieses Paar. "Deutschland", schallt es noch durch das Stadion, dann breitet sich eine gespenstische Stille aus.
Es scheint, als würde jeder Mensch um den Parcours den Atem anhalten, damit kein Lüftchen etwas stören kann.
Dann reitet die kleine Frau mit diesem schlanken, blutgeprägten Pferd das erste Hindernis an. Vor ihr liegen 10 Hindernisse, darunter eine dreifache Kombination, folglich 12 Sprünge. Vor ihr waren bereits etwa 20 Paare durch den Parcours geritten - die besten der Welt, denn sie hatten sich über 3 Tage für diese Endrunde der Einzelentscheidung der Europameisterschaften in Mannheim 2007 qualifiziert. Eine Leistung zweifellos - die dem ehemaligen Weltranglisten-Ersten Marcus Ehning und seiner Stute Küchengirl nicht vergönnt gewesen war. Er hatte nach 5 Verweigerungen in 3 Parcours nicht ein einziges Mal die Ziellinie überquert. Das hatte zwei Tage zuvor die deutsche Mannschaft die Goldmedaille im Nationenpreis gekostet. Mit drei Reitern anzutreten um zu siegen war ein enormer Druck gewesen. Dieser schien nun wie weggeflogen bei der Reiterin mit dem Bundesadler auf der Brust. Vor ihr waren bei manch einem Reiter geradezu katastrophale Ergebnisse entstanden. Aufgaben und indiskutable Leistungen waren die Regel gewesen aufgrund von fünf Parcours, die über die Tage immer größere Anstrengungen von Reiter und Pferd verlangten und einer sehr eng bemessenen Zeit. Drei Nullrunden hatte es bis jetzt nur gegeben - aber auch bei diesen Reitern hatte der Glücksfaktor eine nicht unbedeutende Rolle gespielt.
Nun also ritt Meredith Michaels-Beerbaum mit ihrem 14-jährigen Hannoveraner-Wallach Shutterfly durch die Bahn - mit einem ungewöhnlichen Pferd im Springsport, hat er doch sowohl auf Vater- als auch Mutterseite Vollblüter in der Abstammung. Ein Pferd, welches fast ohne die so oft geforderte Basküle (Rückenwölbung) springt, ein Pferd, das einmal als zu klein und schwach beschrieben worden war. Aber es hatte seine Partnerin gefunden, die ihn liebt und alles für ihn gibt. Eine Frau, die allerdings auch nicht die idealen Voraussetzungen zum Springreiten zur Verfügung hat. Sie ist nur 1,62 Meter groß, wiegt 50 Kilo und wurde schon viel zu oft einfach aus dem Sattel katapultiert.
Ein kongeniales Paar waren die beiden über die Jahre geworden. Das beste Pferd der Welt meinten nun viele Experten über Shutterfly, nur zu vergleichen mit der legendären Halla. Die beste Reiterin der Welt meinten bald auch viele über Meredith Michaels-Beerbaum, da sie eine solch enorme Kämpferin sei.
An diesem Sonntagnachmittag beweisen Meredith und Shutterfly, dass diese Lorbeeren nicht zu Unrecht verteilt werden. Bei ihnen wirkt der Parcours spielerisch leicht. Nicht eine Stangenberührung ist zu sehen. Nicht eine unpassende Distanz. Wer Reiten in Perfektion erleben will - in dieser Minute hat er die Möglichkeit dazu.
Und als Meredith und Shutterfly über das letzte Hindernis fliegen, bricht aus den 12 000 Kehlen der Menschen im Mannheimer Stadion ein Sturm der Begeisterung. Und die kleine Reiterin scheint ihr Glück kaum fassen zu können. Alle Anspannung fällt von ihr ab. Immer wieder reckt sie die Faust in die Luft, fält ihrem Pferd um den Hals, tätschelt es, zeigt immer wieder auf ihren Helden Shutterfly.
Europa hat seine Meisterin gefunden!
"Shutterfly ist das beste Pferd der Welt", sagt sie später, "er hat mir die Nervosität genommen und die Sicherheit gegeben, so dass ich den Ritt genießen konnte." Und wer diesen Ritt beobachtet hat, glaubt es ihr aufs Wort.
Allerdings war auch die Leistung der Reiterin selbst gewiss nicht zu verachten.
Vor allem nicht nach ihrem harten Weg an die Spitze. Denn, der Name verrät es, Meredith Michaels-Beerbaum stammt nicht aus Deutschland, sondern den USA. Genauer aus Los Angeles. Sie wuchs als Tochter eines Filmproduzenten und einer Schauspielerin im San Fernando Valley auf, und meinte als Kind (wie ein weiteres Valley-Girl, die Schauspielerin Jodie Foster), dass sie einmal Präsidentin von Amerika werden wollte. Deshalb studierte das vielseitig interessierte Mädchen auch Politikwissenschaften und strebte eine realistischere Karriere als Diplomatin an. Pferde waren zunächst nur die große Liebe eines kleinen Mädchens für sie, dass sich immer mehr "für Pferde interessierte als für Jungs". Doch als sie ins Junioren-Team der USA aufgenommen wurde, begann die steile und steinige Karriere der Meredith Michaels. 1991 erhielt sie die Gelegenheit, einen Sommer in Deutschland bei Paul Schockemöhle zu trainieren. Sie kehrte niemals länger als für einen Urlaub in die USA zurück. In München lernte sie auf einem Turnier Markus Beerbaum, den jüngeren Bruder von Ludger Beerbaum, kennen und lieben. 1998 heirateten die beiden und Meredith traf die Entscheidung von nun an für Deutschland zu reiten. Auch wenn ihr die meisten alle Illusionen nehmen wollten, war ihr Ziel das deutsche Championatsteam. 1999 startete sie als erste Frau für Deutschland - und wurde mit der einzigen Doppelnullrunde des Teams Mannschaftseuropameisterin. Die nächsten Jahre waren von einem unglaublichen Kampf und Kampfgeist ihrerseits geprägt. 2002 brach sie sich das Schlüsselbein, 2003 Schien- und Wadenbein, so dass sie drei Monate nicht in den Sattel steigen konnte. Nie war die extrem zierliche Frau vor Stürzen gefeit - zum Glück gingen die meisten mit Prellungen ab. 2004 wurde ihr die Olympiatelnahme wegen einer bewusst geschürten Kampagne um eine positive Dopingprobe verwehrt. Ein Jahr später wurde sie aufgrund zahlreicher Fehler und der Tatsache, dass überhaupt kein Doping vorlag freigesprochen. Meredith Michaels-Beerbaums Siegeszug begann. Sie war 2004 die erste Frau an der Spitze der Weltrangliste, siegte 2005 beim Weltcup-Finale, im Großen Preis von Aachen, mit der Mannschaft bei den Europameisterschaften, im Top-Ten-Finale, wurde mit dem BAMBI ausgezeichnet. 2006 war sie die gefeierte Doppelbronzemedaillen-Gewinnerin der WM von Aachen.
Dass sie noch weiter nach oben klettern könnte auf ihrer Erfolgsleiter schien fast unmöglich.
Aber der 19. August 2007 bewies es. Meredith Michaels-Beerbaum ist Einzel-Eupameisterin der Springreiter.
Viele sagen, keiner hat diesen Titel so verdient wie sie. Denn aus allem was sie tut, spricht nicht nur der eigene Ehrgeiz - hart ist sie nur gegen sich selbst und ihre Fehler. Ihre Pferde sind ihre Liebe. "Mit ihnen verbringe ich mehr Zeit als mit den meisten Menschen", sagte sie einmal. Und über ihre Beziehung zu Sieger "Petey": "Wir sind wie ein altes Ehepaar!"
Meredith Michaels-Beerbaum und Shutterfly sind würdige Europameister.
Ihre Gefühle an diesem Tag konnte sie natürlich selbst am besten schildern:
"That is a dream come true!"
Man merkte ihr dies bei der Siegerehrung an als man bei ihr etwas beobachten konnte, wozu sie sonst immer zu gefasst wirkte: Einige Tränen sammelten sich in ihren Augen. Und schlucken musste sie bei der deutschen Hymne einige Male mehr als deutlich.

von Alexandra Koch, Waldkraiburg
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