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Lehrlingsmangel: Wenn die Stellen unbesetzt bleiben

Nicht erst durch Corona ist bekannt, dass in Deutschland Fachkräftemangel herrscht. Verschiedensten Branchen fehlt es nach wie vor an Personal. Das wird sich in naher Zukunft voraussichtlich auch nicht ändern, denn es fehlt an Nachwuchs. Für die Schulabsolventen mag das zwar von Vorteil sein, da sie so höhere Chancen haben, eine passende Stelle zu finden, aber letztendlich bringt der Lehrlingsmangel zahlreiche Herausforderungen mit sich. Was bedeutet das genau für Wirtschaft und Gesellschaft? Wie lässt sich der Entwicklung entgegenwirken?
PST, 15.09.2022
Symbolbild Lehre

SolStock, GettyImages

Im vergangenen Jahr haben knapp über 466.000 Jugendliche ihre Ausbildung in Betrieben begonnen. Doch nicht alle Unternehmen konnten sich über Lehrlings-Nachwuchs freuen: Über 60.000 Ausbildungsplätze blieben unbesetzt. Somit konnten im Vergleich zu 2018 rund 10 Prozent mehr Betriebe nicht alle offenen Azubi-Stellen besetzen. Damit hat die Zahl der Auszubildenden in Deutschland erneut einen Tiefstand erreicht.

Ein übergreifendes Problem

Klar: So dramatisch wie es ist, aber leere Krankenbetten aufgrund von fehlendem Personal sind für uns alle keine Neuheit mehr. Am präsentesten ist das Problem der unbesetzten Stellen wohl in der Pflege. Die Zahlen zeigen aber: Betroffen sind inzwischen bereits zahlreiche Branchen. Besonders im Handwerk und auch in der Verkehrsbranche bleibt die Suche nach Auszubildenen immer wieder erfolglos.

Das hat zur Folge, dass auch der Fachkräftemangel weiter verstärkt wird. Durch langfristig unbesetzte Stellen müssen Unternehmen Öffnungszeiten kürzen, Aufträge ablehnen oder auch ihre Sortimente eingrenzen. Darunter leidet in erster Linie der Kunde, denn ihn erwarten längere Wartezeiten, weniger Betreuung und Beratung sowie ein geringeres Angebot. Darüber hinaus können diese Einschränkungen besonders für kleinere Betriebe verheerend sein, denn sie haben weniger finanzielle Mittel, um ausgleichende Maßnahmen zu ergreifen. Im schlimmsten Fall droht für sie die Schließung.

Krisen machen den Mangel spürbarer

Zudem hat die Corona-Pandemie die wirtschaftlichen Probleme nicht nur sichtbarerer gemacht, sondern diese auch verschärft. So gab es beispielsweise in der Pflege plötzlich mehr Arbeit zu bewältigen, ohne dass ausreichend Personal aufgestockt werden konnte. Auch Klima- und Energiekrise fordern Anpassung und kurzfristiges Handeln von Unternehmen – beispielsweise um Wärmepumpen oder Solardächer zu installieren oder auch für den Bau von Windkraftanlagen.

Das setzt jedoch voraus, dass genug Menschen entsprechend ausgebildet sein müssen, um diesen Wandel zu stemmen. Doch zurzeit fehlt es auch in diesen technischen Bereichen an Fachkräften. Die Folge sind monatelange Wartezeiten und unerledigte Aufträge. Auch die Energiewende wird dadurch massiv verzögert und das verschärft das Energieproblem noch.

Von der Säuglingschwester bis zum Altenpfleger, der Personalmangel in den Pflegeberufen begleitet uns schon längere Zeit.

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Wo sind die jungen Menschen?

Mangelndes Interesse, die großen Krisen anzugehen, scheint jedoch nicht der Grund für die wenigen Ausbildungswilligen der jüngsten Generation zu sein. Das zeigt ihr Engagement bei Organisationen wie beispielsweise „Fridays for Future“. Der auschlaggebendste Grund für den Lehrlingsmangel ist der demographische Wandel. Dadurch, dass die Generation der Baby-Boomer nach und nach in den Ruhestand geht, werden immer mehr Stellen frei. Die Geburtenrate hat seit den geburtenstarken Jahrgängen allerdings viele Jahre lang stark abgenommen, sodass es schlichtweg nicht genug junge Menschen gibt, um die gleiche Anzahl an Arbeitsplätzen langfristig zu übernehmen.

Darüber hinaus genießen viele Ausbildungsberufe nach wie vor einen schlechten Ruf. Oft hängt das damit zusammen, dass die betroffenen Branchen auch in der Gesellschaft wenig Anerkennung genießen, und eben auch mit schlechten Arbeitsbedingungen und schlechter Bezahlung in Verbindung stehen. Während der Coronapandemie war zusätzlich der Kontakt zwischen Unternehmen und Schülerinnen und Schülern erschwert. Durch die zahlreichen Lockdowns und Unterrichtsausfall konnte weniger Berufsorientierung angeboten werden, da beispielsweise Berufsmessen ausfielen und sich Unternehmen nicht bei Schulen direkt vorstellen konnten.

Verschiedene Lösungsansätze

Um den Lehrlingsmangel und dementsprechend auch den Fachkräftemangel langfristig beheben zu können, muss soweit möglich an den Ursachen angesetzt werden.

Einige Betriebe versuchen bereits, ihre Stellen möglichst attraktiv zu gestalten. So führte ein Handwerksbetrieb in der Nähe des Bodensees zum Beispiel eine 4-Tage-Woche ein. Die Beschäftigten der Firma müssen dort also nur noch vier statt fünf Tage die Woche, dafür aber an den Arbeitstagen etwas länger arbeiten. Zusätzlich setzt der Betrieb auf Medienpräsenz, Besuche von Bildungsveranstaltungen und Möglichkeiten zur Weiterbildung. Die Anreize sorgten bei der Handwerksfirma dafür, dass sie gleich doppelt so viele Bewerber wie Ausbildungsplätze hatte.

Entsprechende Maßnahmen können allerdings aufwendig und kostspielig sein, weshalb sie nicht für alle umsetzbar sind. Daher müssen vor allem für die besonders stark betroffenen Branchen sowie Kleinstbetriebe bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen geschaffen werden.

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