Lexikon
chinesische Kunst
Plastik
In China, wo die Bildhauerkunst als Handwerk galt, kennt man kaum freie Plastik; Meisternamen sind nur selten überliefert. Die zu Tausenden aus Nebengruben des Mausoleums des ersten chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi († 210 v. Chr.) geborgenen, z. T. überlebensgroßen Figuren einer unterirdischen tönernen Armee aus Infanterie, Kavallerie und Wagenlenkern zeigen bereits individuelle Gesichtszüge und eine realistische Wiedergabe.
Für die Han-Zeit (206 v. Chr.–220 n. Chr.) gewähren zahlreich aufgefundene Grabbeigaben aus Ton Aufschlüsse über die Formen der damaligen chinesischen Alltagswelt.
Der indische Buddhismus brachte die ersten Götterbilder nach China; aus eigener Tradition entwickelte sich bald ein Kultbildstil, in dem sich die Phasen der indischen Kunst nur noch schwach spiegeln. Die Formen der frühen buddhistischen Plastik veränderte zuerst der lineargeometrische Stil der Wei (5.–6. Jahrhundert n. Chr.): Falten, flatternde Gewandenden und Bänder wurden zu gefälligen Ornamenten. Unter den Nord-Sui begannen sich die Relieffiguren von ihrem Hintergrund zu lösen, erst seit dem 8. Jahrhundert jedoch erscheinen Rundplastiken mit wohlgeformten Körpern in gelöster Haltung. Den Spätstil der Tang-Dynastie meint man in Plastiken mit fleischigen Körperbildungen und komplizierten Bewegungsformen zu sehen.
Zu einem Wiederaufleben der Tang- und Vor-Tang-Formen kam es während der anschließenden fünf Jahrhunderte. Bei neu auftretenden Typen (z. B. Lohans) zeigen sich erstmalig Anzeichen genauerer anatomischer Beobachtungen. In der Plastik der Yuan- und frühen Ming-Zeit (14. Jahrhundert) traten mit dem tibetischen Lamaismus neu einströmende indische Elemente verstärkt in den Vordergrund.
Vereinzelte bemerkenswerte Arbeiten der folgenden Jahrhunderte wie z. B. die Steinskulpturen an der Gräberstraße der Ming-Kaiser bei Peking können nicht über das Ende der chinesischen Großplastik hinwegtäuschen.
Gegenwartskünstler versuchen sich an einer freien, stark von westlichen Vorbildern inspirierten Formgebung. Seit den 1970er Jahren entwickelte sich in China eine Kunst außerhalb der offiziellen Kunstszene. 1993 wurde u. a. in Europa die Ausstellung „China Avantgarde“ gezeigt, in der Installationen, Performances und Objekte von reduzierter Form, reicher Farbe und humoristischen Akzenten zu sehen waren. Die Ausstellung war bereits 1989 in der Nationalgalerie in Peking gezeigt worden; nach den Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens im selben Jahr durften die Exponate nur noch im privaten Rahmen gezeigt werden. Die Gegenwartskunst in China zeigt präzise Kenntnisse und eine deutliche Annäherung an die westliche aktuelle Kunstszene.
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