Lexikon
Kolumbien
Demokratie und Gewalt
Nach vorübergehender innerer Stabilisierung übernahmen 1946 erneut die Konservativen die Regierungsgewalt. Nach dem Attentat auf den liberalen Politiker Jorge Eliécer Gaitán brach 1948 ein neuerlicher blutiger Bürgerkrieg („violencia“) zwischen Liberalen und Konservativen aus, der rd. 200 000 Tote forderte und erst 1957 beigelegt werden konnte. Die Konfliktparteien einigten sich auf die Bildung einer „Nationalen Front“ und stellten in einem System der „eingefrorenen Demokratie“ abwechselnd den Präsidenten. Das starke soziale Gefälle im Lande begünstigte das Entstehen von Guerillabewegungen.
Seit 1974 traten Liberale und Konservative wieder mit eigenen Kandidaten bei den Präsidentschaftswahlen an. Der unter dem konservativen Präsidenten Belisario Betancur Cuartas (1982–1986) eingeleitete Versuch, einen Dialog mit der Stadtguerilla Movimiento 19 de Abril (M-19) aufzunehmen, scheiterte. Nach der gewaltsamen Besetzung des Obersten Gerichtshofs durch die M-19 1985 verschärften sich in der Folgezeit die Auseinandersetzungen zwischen der Guerilla und rechtsextremen Todesschwadronen. Gleichzeitig gewann die kolumbianische Drogenmafia an Macht. Die innenpolitische Gewalt eskalierte (Drogenkrieg).
1990 wandelte sich die M-19 zur politischen Partei. 1991 trat eine neue Verfassung in Kraft. Dennoch setzte sich der innenpolitische Terror linker Guerillas, rechter Paramilitärs und der Drogenmafia fort, so dass zeitweise der Ausnahmezustand verhängt wurde. Die vom konservativen Präsidenten Andrés Pastrana Arango (1998–2002) aufgenommenen Friedensgespräche mit den Guerillaorganisationen Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (FARC) und Nationales Befreiungsheer (ELN) blieben ohne durchschlagenden Erfolg.
Der 2002 gewählte unabhängige rechtskonservative Präsident Álvaro Uribe Vélez versuchte, die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen mit der Guerilla durch militärische Mittel zu beenden. Fortschritte erzielte er bei der Entwaffnung rechter paramilitärischer Gruppen. Eine Einigung mit der FARC gelang nicht. 2004 kam es zu massiven Protesten gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung, die eine Verfassungsänderung durchsetzte, um Uribe eine neuerliche Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen 2006 zu ermöglichen. Uribe gewann diese Wahlen mit deutlicher Mehrheit. In der Folgezeit bemühte sich der Präsident um den Austausch von Geiseln der FARC gegen inhaftierte Guerillakämpfer. Dabei schaltete sich auch der venezolanische Präsident Hugo Chávez Frías als Vermittler ein. Eine kolumbianische Militäraktion auf ecuadorianischem Boden gegen die FARC führte 2008 zu einer schweren außenpolitischen Krise zwischen Kolumbien, Ecuador und Venezuela. Im selben Jahr gelang den kolumbianischen Sicherheitskräfte die Befreiung der 2002 von der FARC entführten Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt. 2010 ließ das Verfassungsgericht ein von Uribe angestrebtes Referendum über die Möglichkeit, ein drittes Mal für das Präsidentenamt zu kandidieren, nicht zu. Die Bevölkerung wählte im selben Jahr Juan Manuel Santos, den Kandidaten der Regierungspartei PSNU, zu Uribes Nachfolger.
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