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LEXIKON

Tat

Jacques, eigentlich J. Tatischeff, französischer Filmregisseur und -schauspieler, * 9. 10. 1908 Le Pecq,  4. 11. 1982 Paris; wurde bekannt durch seine zivilisationskritischen Komödien, in denen er auch die Hauptrollen spielte: „Schützenfest“ 1948; „Die Ferien des Monsieur Hulot“ 1953; „Mein Onkel“ 1958; „Playtime“ 1967; „Trafic“ 1971.
Tati, Jacques
Jacques Tati
Jacques Tati
  • Deutscher Titel: Tatis Schützenfest
  • Original-Titel: JOUR DE FETE
  • Land: Frankreich
  • Jahr: 1948
  • Regie: Jacques Tati
  • Drehbuch: Jacques Tati, René Wheeler, Henri Marquet
  • Kamera: Marcel Franchi
  • Schauspieler: Jacques Tati, Guy Decomble, Paul Frankeur, Santa Relli, Maine Valli
  • Auszeichnungen: Venedig 1949 für Drehbuch
Mit seinem ersten großen Langfilm »Tatis Schützenfest« etabliert sich der Schauspieler und Regisseur Jacques Tati (eigentl. Tatischeff) als überragender französischer Nachkriegskomiker.
Nach schauspielerischen Einsätzen in mehreren Kurzkomödien spielt Tati in seinem ersten eigenen Film den schlaksigen Briefträger eines kleinen französischen Dorfes, dessen Gemeinde gerade ihren alljährlich stattfindenden Jahrmarkt vorbereitet. Als im Rahmen des Festes ein Film über das besonders schnell und effektiv arbeitende amerikanische Postverteilungssystem gezeigt wird, beschließt der Postbote François angesichts der Spötteleien seiner Mitbürger seinen Ein-Mann-Betrieb an die Geschwindigkeit des amerikanischen Vorbildes anzupassen, was jedoch aufgrund seiner Ungeschicklichkeit im Dorfbach endet.
Die Komik der einzelnen Szenen resultiert dabei aus der Diskrepanz zwischen der Ernsthaftigkeit der Bemühungen und der Lächerlichkeit ihres Scheiterns. Da Tati aber allenfalls die moderne Zivilisation und ihre technischen Neuerungen kritisiert, sich aber jeder Kritik am Menschen enthält, trägt sein Postbote trotz seiner Naivität und Tollpatschigkeit liebenswerte Züge. So leben seine Filme von der detailgenauen Schilderung des komischen Gehalts menschlicher Schwächen.
Tatis Film knüpft dabei an die großen Vorbilder der Stummfilmzeit an. Trotz vorhandener Tonspur dominieren wie in Stummfilmen pantomimische Elemente, Slapstick-Szenen und Situationskomik vor Dialogwitzen. Um den Stummfilmcharakter noch zu erhöhen, veränderte der Regisseur den Film für den zweiten Kinostart im Jahr 1963 durch Einfärbungen einzelner Gegenstände, wie z.B. der auf dem Jahrmarkt gehissten französischen Nationalflagge. Eine solche, Virage genannte, Einfärbungstechnik wurde bereits in Stummfilmzeiten praktiziert.
Das zentrale Thema von »Tatis Schützenfest« sind die Schwierigkeiten des einzelnen im Umgang mit der modernen Welt. Auch die späteren Filme von Jacques Tati, in denen er selbst immer den trotteligen Antihelden Monsieur Hulot spielt, handeln von den Tücken des Alltags. Seine Komik ist jedoch subtiler und damit auch liebenswerter als die Slapstick-Komödien der Stummfilmzeit.
  • Deutscher Titel: Die Ferien des Herrn Hulot
  • Original-Titel: LES VACANCES DE MONSIEUR HULOT
  • Land: Frankreich
  • Jahr: 1953
  • Regie: Jacques Tati
  • Drehbuch: Jacques Tati, Henri Marquet
  • Kamera: Jacques Mercanton, Jean Mousselle
  • Schauspieler: Jacques Tati, Nathalie Pascaud, Valentine Camax, Louis Perrault
Der kauzige Biedermann Hulot (grandios dargestellt von Regisseur Jacques Tati selbst) macht Urlaub in einem kleinen Ort am Meer in der Bretagne. Dort sorgt er für ein gehöriges Durcheinander, da alles, was er anfängt, früher oder später schief geht. Durch seine Tollpatschigkeit geht sogar ein groß geplantes Feuerwerk im Ort zu früh los und verpufft in der Luft. Hulot zieht peinlich berührt die Konsequenz aus seinen Missgeschicken: Er bricht seine Ferien vorzeitig ab.
Die Komödie sprüht vor intelligentem Witz und zahllosen Gags. Tati erschafft mit seinem Monsieur Hulot eine hinreißend komische Figur, die sich ähnlich wie Charles Chaplins »Tramp« mit den Widrigkeiten einer Zeit auseinandersetzen muss, die zu modern für den Helden geworden ist. Im Unterschied zum Tramp gehört Hulot aber zur bürgerlichen Gesellschaft, die keine existenziellen Probleme mehr hat.
  • Deutscher Titel: Mein Onkel
  • Original-Titel: MON ONCLE
  • Land: Frankreich
  • Jahr: 1958
  • Regie: Jacques Tati
  • Drehbuch: Jacques Tati
  • Kamera: Jean Bourgoin
  • Schauspieler: Jacques Tati, Jean-Pierre Zola, Adrienne Servantie, Alain Becourt
  • Auszeichnungen: Oscar 1959 für ausländischen Film, Spezialpreis der Jury Filmfestspiele Cannes 1958 für Film
Jacques Tati dreht nach »Tatis Schützenfest« (1947) und »Die Ferien des Herrn Hulot« (1953) eine weitere kauzige Satire über den Widersinn und die Komik des modernen Lebens. Wie in seinem vorhergehenden Werk konfrontiert Tati seine Hauptfigur Hulot wieder mit einer Welt, in die er absolut nicht hineinzupassen scheint. »Mein Onkel« ist zugleich der erste Farbfilm von Jacques Tati.
Monsieur Hulot (Jacques Tati) soll sich um seinen kleinen Neffen kümmern, der in einer kleinen Vorortsiedlung nicht weit von seiner eigenen Wohnung lebt. Dort angekommen, schlägt sich Hulot mit den Auswüchsen und technischen Errungenschaften der modernen Gesellschaft herum. Von den Eltern seines Neffen, reichen Snobs, trennen ihn allerdings Welten. Während er von ihnen nur ironisch belächelt wird, begegnet er selbst ihnen auf seine für ihn typische, aufgeschlossen-weltfremde Art. Doch die kalte Welt von Überfluss und Industrie ist für Hulot ein unbezwingbarer Gegner; hier kann er sich trotz allen ehrlichen Bemühens nicht zurechtfinden. Und so ist es fast zwingend, dass er von den Verwandten ausgegrenzt wird.
  • Deutscher Titel: Trafic
  • Original-Titel: TRAFIC
  • Land: Frankreich
  • Jahr: 1971
  • Regie: Jacques Tati
  • Drehbuch: Jacques Tati, Jacques Lagrange
  • Kamera: Édouard van der Enden, Marcel Weiss
  • Schauspieler: Jacques Tati, Maria Kimberley, Marcel Fraval
»Trafic« ist der letzte von vier Filmen nach »Die Ferien des Herrn Hulot« (1953), »Mein Onkel« (1958) und »Playtime« (1967) in denen die tragisch-komische Figur des Monsieur Hulot im Mittelpunkt steht.
In diesem Film erhält Hulot (Jacques Tati) den Auftrag, einen mit allen Schikanen ausgerüsteten Campingwagen von Paris nach Amsterdam zu bringen, wo eine Messe stattfindet. Der Weg dorthin hält aber so viele Tücken und Pannen bereit, dass Hulot die Ausstellung erst erreicht, als diese ihre Pforten gerade schließt.
Die Erscheinung der inzwischen so populären Filmpersönlichkeit Hulot ist wie gewohnt merkwürdig fehlproportionierte Kleidungsstücke, ein viel zu kurzer, zerknitterter Regenmantel, die zu kurzen Hosenbeine, die den Blick auf seine Ringelstrümpfe freigeben. Er stolziert, ausgerüstet mit einem sportlichen Hütchen, Pfeife und Regenschirm, durch eine ihm feindlich gesonnene Welt. Große Schwierigkeiten hat Hulot mit der Hektik der modernen Zeit, nutzlosen technischen Einrichtungen, unmenschlichen Wohn- und Bürohäusern sowie dem Verkehrssystem.
Dem Regisseur und Hauptdarsteller Tati bietet sich in »Trafic« erneut die Möglichkeit, das Verhältnis des Menschen zur Technik (in diesem Fall zum Automobil) auf humorvoll-entlarvende Weise darzustellen. Tati zeigt eine Welt, die überfüllt ist mit Fahrzeugen, hier spielen die Menschen nur noch eine untergeordnete Rolle. Auf den ersten Blick scheint Hulot in diese Welt integriert, aber zum Schluss stellen die Zuschauer erleichtert fest, dass der sympathische Mann sich nicht zu einem Konformisten gewandelt hat, sondern wieder einmal nur einen Ausflug in die ihm so unerklärlich komplizierte Welt unternommen hat.
»Trafic« bedeutet den Abschied von einer Filmfigur, die nicht weniger individuell, universell und liebenswert ist als Chaplins Tramp.
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