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Lärm – warum er uns krank macht (Podcast 128)

Podcast Ohrensausen – Folge 128
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Unser Gehör ist dem Lärm meist schutzlos ausgesetzt.

Er ist im Alltag unser treuer Begleiter. Er weckt uns morgens, geht mit uns zur Arbeit, sitzt mit uns in der Kantine und lässt uns auch nach Feierabend selten alleine. Er wacht über uns. Und manchmal raubt er uns den Schlaf. Wollen wir ihm entkommen, müssen wir auf die höchsten Berge klettern und an die entlegendsten Winkel fahren. Doch kehren wir wieder in unseren Alltag zurück, wartet er bereits, um uns erneut mit seiner Dauerpräsenz zu belästigen. Der Lärm ist hartnäckig. Er lässt sich nicht so einfach abschütteln.

 

Alltagsgeräusche: Viel Lärm um nichts

Genug geschlafen! Aufstehen! Egal ob Sie morgens ein schriller Wecker aus dem Schlaf reißt, die Weckfunktion Ihres Mobiltelefons oder ob Ihr Radiowecker Sie mit den neuesten Nachrichten und Musik zum Wachwerden versorgt – der Weckruf ist Programm: denn Geräusche ziehen sich wie ein roter Faden durch unseren Alltag.

Unser Gehör ist in der Lage, zwischen mehr als 400 000 verschiedenen Geräuschen zu differenzieren, sei es das Weinen eines Kindes, Musik oder auch Sprache. Nur eins kann es nicht: einfach mal abschalten. Die Augen mag man vor etwas verschließen, unsere Ohren sind immer offen und aufnahmebereit.

Der Lärm hat ein breites Repertoire: Er kann als Baulärm auftreten, als permanentes Telefonklingeln, er äußert sich in 1000 Gesprächsfetzen, die uns um die Ohren fliegen, er bittet in Durchsagen um Verständnis, fegt über die Straßen oder schreit uns an. Er kann ein Hupkonzert sein, eine Sirene oder auch nur ein nervendes Hintergrundgeräusch. Der berüchtigte tropfende Wasserhahn zum Beispiel.

 

Lärm ist nicht gleich Lärm

Wie laut etwas ist, wird in Dezibel  gemessen. Die Lautstärke ist abhängig vom Druck der Schallwelle. Ein starker Druck produziert laute, ein schwacher Druck eher leise Töne. Und Lärm wird als lästig empfundener Schall definiert.

Was wirklich als Lärm wahrgenommen wird, sieht oder besser gesagt hört jeder Mensch ganz anders. Viele bekämpfen einen Geräuschpegel mit Gegengeräuschen, die sie subjektiv als angenehmer empfinden. Während der eine sich bei einer U-Bahn Fahrt mit Klängen von Mozart abzulenken versucht, empfindet sein Gegenüber Musik von The Prodigy vielleicht als entspannend.

Eins haben Mozart und The Prodigy aber gemeinsam: Werden sie zu laut und zu dicht am Ohr gehört, sind beide gesundheitsschädigend. Denn bei jedem lauten Hören sterben empfindliche Hörzellen ab. Musik also lieber nicht bis zum Anschlag aufdrehen – nicht nur den Mitreisenden zuliebe.

Irgendwann gar nicht mehr hören zu können, ist schließlich auch nicht die Lösung.

Geräusch ist ja nicht gleich Lärm. Und gerade jetzt im Frühling freuen sich viele darüber, endlich doch wieder von Vogelgezwitscher statt vom Wecker wach zu werden. Auch einen  lauten Wildbach, der in etwa denselben Geräuschpegel wie eine Autobahn hat, finden viele entspannend.

 

Lärmende Großstädte

Lärm, der im Alltag störend wirkt, ist meistens menschengemacht. Nervtöter Nummer eins ist der Verkehrslärm. Und gerade in Großstätten gehört er scheinbar zum schlechten Ton – mit steigender Tendenz. Als lauteste Stadt Europas gilt übrigens Bratislava, gefolgt von Warschau und Paris. Auch 70 Prozent aller Deutschen geben an, unter Lärm zu leiden.

Hörschäden prophezeien Mediziner ab einer Beschallung von 85 Dezibel, die Schmerzgrenze liegt bei 120 bis 130 Dezibel, was einem 100 Meter entfernt startenden Düsenjet entspricht. In den Städten und Straßen herrschen 85 Dezibel als Normalzustand. In Diskotheken werden oft 110 Dezibel erreicht.

Phonopollution  - akustische Umweltverschmutzung – nennen die Amerikaner den Dauerlärm um uns herum.

 

Lärm macht krank

Lärm ist nicht nur störend, Lärm macht auch krank.

Schon ein Pegel von mehr als 55 Dezibel gilt bei permanenter Belastung als zu laut. Das entspricht in etwa der Lautstärke eines normalen Gesprächs. Wer an einer stark befahrenen Straße mit einer Lärmbelastung von über 65 Dezibel wohnt, hat ein um 20 Prozent erhöhtes Risiko einen Herzinfarkt zu erleiden. Kinder, die in lauten Gegenden aufwachsen, haben in der Schule größere Schwierigkeiten sich zu konzentrieren und schneiden generell schlechter ab.

Laut Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich mehrere zehntausend Menschen an den Folgen der Dauerbeschallung. Drei Prozent aller tödlichen Herzanfälle gehen auf das Konto von Verkehrslärm. Weitere für die Gesundheit schädliche Lärmfolgen sind Schlafstörungen und Hörschäden wie Schwerhörigkeit und Tinnitus. Und auch das Nervenkostüm leidet: Man fühlt sich gestresst und genervt. Frauen reagieren nachweislich sensibler auf Lärm als Männer, ältere Menschen empfindlicher als junge.

 

Der Körper im Alarmzustand

Das Wort Lärm leitet sich übrigens von dem Italienischen  all'arme, deutsch "zu den Waffen!" ab, und ist mit dem Wort "Alarm" verwandt. Noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein war Lärm vor allem ein Begriff aus dem militärischen Bereich.

Wer unter Lärm leidet, dessen Körper befindet sich also im Alarmzustand. Er wappnet sich zum Angriff oder zur Flucht. Der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller. Auf Dauer ein sehr belastender Zustand.

Wenn wir unsere Körper schon dauerhaft in Kampfstellung versetzen, sollten wir dann nicht auch ab und zu mal unseren Geist wappnen? Und wogegen? Wie wäre es gegen den Lärm? Dass der ein ernstzunehmender Gegner ist, prophezeite der Medizin-Nobelpreisträger Robert Koch bereits vor über 100 Jahren:

"Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest."

Lärm ist keinesfalls ein Phänomen der Neuzeit: Schon die alten Römer klagten über "Räderfahrzeuge" und im Mittelalter wurden Marktschreier und Schauspieler wegen Ruhestörung  angeprangert.

 

Lärm als Ablenkung

Wenn die Gefahr von Lärm schon lange bekannt ist, warum ertragen ihn dann viele sang- und klanglos? Zwar gibt es den internationalen "Tag gegen den Lärm", den "Noise Awareness Day", der jedes Jahr im April begangen wird und auf die reduzierte Lebensqualität in Folge der Dauerbelastung aufmerksam macht.

Tatsächlich scheint es aber etwas zu geben, was die Menschen noch schwerer ertragen können als Lärm. Und das ist vollkommene Stille. Die wirkt irgendwie bedrohlich, als kündige sie ein nahendes Unwetter an.

Menschen sind Lärm keineswegs immer schutzlos ausgeliefert. Oft genug produzieren sie ihn selbst, klappern fröhlich mit, schalten, kaum dass sie in der Wohnung sind den Fernseher oder das Radio ein oder greifen schnell zum Telefon.

Kein Wunder also, dass Kurt Tucholsky den Menschen seinerzeit folgendermaßen charakterisierte:

"Mensch: ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot."

 

Einfach mal still sein!

Natürlich muss man nicht zum Eremiten oder Misanthropen werden, um Geräuschen aus dem Weg zu gehen, aber Momente der Stille helfen, einfach mal abzuschalten, zu reflektieren und die eigene Balance wiederzufinden. Das haben weise Menschen zu aller Zeit und aus allen Glaubensrichtungen gepredigt. Buddha beispielsweise erlangte seinerzeit Erkenntnis beim tagelangen Meditieren unter einem Baum. Äußere Stille, so das Credo, führe zu innerer Ausgeglichenheit.

Akustikforscher sagen, dass Stille unterhalb von 40 Dezibel beginnt, nicht bei null Dezibel. Absolute Stille ist also schwerer auszuhalten als leise, wohltuende Geräusche, wie sanfter Wind oder Wellen.

Ganz entkommen kann und will man Geräuschen nicht. Das eine oder andere Schnippchen kann man dem Lärm aber schlagen – indem man immer mal wieder ohne ihn loszieht, ihm nicht bereitwillig jede Tür aufmacht und lernt, statt auf ihn wieder mehr auf uns selbst zu hören.

 

Lena Schilder, wissen.de-Redaktion

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