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Wie kommen wir zu unseren Überzeugungen?

Corona-Leugner, Republikaner, die an einen Wahlbetrug bei der US-Präsidentschaftswahl glauben, und Deutsche, die den Nationalsozialismus verharmlosen: Überall auf der Welt gibt es kuriose und oft unbegreifliche Überzeugungen, an denen Menschen festhalten. Aber warum verharren diese Gruppen so sehr an ihren Einstellungen? Und warum lassen sie sich oft so schwer umstimmen?

Reihe junger Menschen mit Smartphone
Jeder für sich? Das Internet hat die Struktur und Dynamik sozialer Interaktionen dramatisch verändert.

Egal, ob zu Hause, in der Schule oder auf der Arbeit – ständig tauschen wir uns mit anderen Menschen in unserem sozialen Umfeld aus und beobachten ihr Verhalten. Und dabei schauen wir uns – manchmal auch ganz unbewusst - ihre Einstellungen und Verhaltensweisen ab. So nehmen wir als Jugendliche häufig die Ansichten unserer Freunde an und auch später lassen wir uns häufig von Meinungen in unserem sozialen Netzwerk und Freundeskreis beeinflussen.

"Gerade das Internet hat die Struktur und Dynamik sozialer Interaktionen dramatisch verändert", erklärt Lucas Molleman vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. "Die Verfügbarkeit sozialer Quellen ist teils algorithmisch verzerrt – zugunsten unserer eigenen Vorlieben. Es bietet uns gleichzeitig aber auch Zugang zu potenziell widerstreitenden Ansichten."

Aber was ist bei Widersprüchen?

Wie wir reagieren, wenn Informationen aus unserem sozialen Umfeld nicht miteinander übereinstimmen oder sogar widersprüchlich sind haben Molleman und sein Team nun genauer untersucht. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, wie Menschen damit umgehen, wenn sie zwei widersprüchlichen Meinungen begegnen und wie sie daraus ihre eigene Überzeugung bilden.

Dazu führten sie ein Experiment mit 95 Testpersonen aus den USA im Alter von 35 bis 45 Jahren durch. Die Teilnehmenden sollten sich verschiedene Bilder von Tiergruppen ansehen und die darauf sichtbare Anzahl der Tiere schätzen. Daraufhin durften sie sich die Schätzungen von drei anderen Probanden anschauen und konnten im Anschluss eine erneute Schätzung abgeben. In den insgesamt 30 Testrunden variierten die Forscher die Schätzungen, die die Probanden zu sehen bekamen - mal wichen sie mehr, mal weniger vom eigenen Urteil ab.

Symbolbild Scheuklappen
Hang zum Ignorieren abweichender Ansichten und Fakten

Die eigene Ansicht wiegt mehr

Dabei zeigte sich: Die Testpersonen passten ihre Schätzungen am ehesten an die Meinungen der Mitteilnehmer an, wenn deren Schätzungen nahe bei den eigenen lagen. Wichen die Schätzungen der anderen stärker ab, wurden diese für die eigene Urteilsfindung weniger in Betracht gezogen. Dabei gewichteten die Teilnehmenden das eigene Urteil generell immer stärker als das der anderen.

"Unser Experiment quantifiziert, wie Menschen ihre bestehenden Überzeugungen und die Überzeugungen anderer abwägen", erklärt Mollemanns Kollege Alan Tump. "In unserem Fall gibt es eigentlich keinen Grund anzunehmen, die eigene Schätzung sei besser als die der anderen. Was wir hier beobachten, ist in der Psychologie als sogenannte ‚egozentrische Diskontierung‘ bekannt – nämlich, dass Menschen ihren eigenen Überzeugungen mehr Gewicht beimessen als denen anderer."

Und noch etwas zeigte das Experiment: Ob wir uns von abweichenden Informationen oder Meinungen beeinflussen lassen, hängt auch davon ab, wie verschieden sie von unseren eigenen sind. „Menschen sind eher dazu geneigt Informationen zu beachten, die ihre eigenen Überzeugungen bestätigen", erklärt Tump. Bei stark abweichenden Schätzwerten waren die Testpersonen zwar zu Kompromissen bereit, übernahmen aber nur kaum jemals den Wert der anderen Teilnehmer.

Hang zum Ignorieren abweichender Ansichten und Fakten

Wie aber lassen sich diese Beobachtungen auf den Alltag übertragen - beispielsweise unsere Meinungsbildung durch soziale Medien? Dafür entwickelten die Wissenschaftler eine Modellsimulation, die die Verhaltensstrategien des Experiments auf die Situation in einem sozialen Netzwerk überträgt. Damit simulierten sie zum einen die typische Situation einer "Filterblase" in der die sozialen Informationen meist von Gleichgesinnten stammen. Im Kontrast dazu untersuchten sie auch, was passiert, wenn Menschen mit Informationen konfrontiert werden, die nicht ihren eigenen Überzeugungen entsprechen. Schließlich simulierten sie die Situation, in der ein Mensch gleichzeitig verschiedene Gruppen mit extremen Überzeugungen ausgesetzt ist.

Ihre Simulationen bestätigt, dass die typischen, unbewussten Reaktionen auf die Meinungen unserer Umwelt vorgefasste Ansichten eher verstärken als sie in Frage zu stellen. Bestätigungseffekte führen dazu, dass abweichende soziale Informationen ignoriert, Filterblasen-Effekte verschärft und Menschen in ihren Einstellungen extremer werden können. "Unsere Studie zeigt, wie die Verarbeitung von sozialen Informationen Filterblasen im Internet verstärken kann und warum öffentliche Debatten häufig von Polarisierung geprägt sind: Menschen werden schnell unempfänglich für Gegenargumente", erklärt Mollemans Kollege Wouter van den Bos.

 „Da Interaktionen immer häufiger online stattfinden, finden Menschen oft Informationen, die ihre bestehenden Überzeugungen bestätigen. Das macht sie weniger bereit auf Alternativen zu hören“, so van den Bos weiter. Dies unterstreicht, wie schwer es ist, Corona-Leugner, Anhänger von Verschwörungstheorien und andere Menschen mit festgefassten, aber nicht notwendigerweise von Fakten gestützten Ansichten mit Sachargumenten zu überzeugen.

ABO, 14.12.2020
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