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Wie Nichtstun uns nutzt

Wann habe ich zum letzten Mal nichts getan? Bei vielen dürfte das eine Weile her sein. Denn gerade in unserer Kultur, in der Fleiß und Produktivität als Tugend zählen, kommt das Ausruhen, das Nichtstun, häufig zu kurz. Dabei bringt es viele Vorteile mit sich: Wir kommen auf neue Ideen, setzen uns mehr mit uns selbst und unserer Identität auseinander und gönnen unserem Gehirn außerdem eine verdiente Pause.
AMA, 28.12.2022
Symbolbild Nichtstun

© stockfour, GettyImages

Wir sind darauf trainiert, jede Sekunde unseres Lebens produktiv zu nutzen. Selbst in unserer Freizeit fühlen wir uns oft verpflichtet, mehr zu tun als einfach mal nur herumzuliegen: ins Fitnessstudio oder zum Yogakurs gehen, Einkaufen fahren, ein Festmahl kochen und so weiter. Und wenn wir doch einmal für zehn Minuten auf der Couch Platz nehmen, bereitet uns dieses eigentlich entspannende Nichtstun quälende Schuldgefühle.

Elektroschocker statt Chillen

Dass wir es schlicht verlernt haben, alleine mit unseren Gedanken zu sein, zeigt eine Studie aus dem Jahr 2014, die im Fachmagazin „Science“ erschienen ist. Vor die Wahl gestellt, ob die Probanden lieber ein paar Minuten lang ruhig dasitzen und nachdenken oder sich selbst einen Elektroschock verpassen, wählten einige tatsächlich den Elektroschock – zwei Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen.

Das überraschte das Forschungsteam um Timothy Wilson von der University of Virginia. „Wir gingen davon aus, dass es für die Menschen nicht so schwer sein würde, sich selbst zu unterhalten“, sagt Wilson. „Wir haben dieses riesige Gehirn, das vollgestopft ist mit angenehmen Erinnerungen, und wir haben die Fähigkeit, uns Fantasien und Geschichten auszudenken. Wir dachten wirklich, dass die angebotene Denkzeit etwas ist, das die Menschen mögen würden.“ Er vermutet, dass die Probanden sich aus reiner Langeweile selbst geschockt haben könnten oder weil sie Schwierigkeiten damit hatten, alleine mit ihren Gedanken zu sein.

Wer nichts tut, tut sich selbst etwas Gutes

Nichtstun und Nachdenken auf Kommando klingt in der Tat nicht für jeden sonderlich erstrebenswert. Ja, es könnte sogar noch mehr Stress verursachen, wenn unsere Gedanken in dieser freien Zeit in Richtung all der Aufgaben wandern, die noch auf unserer To-Do-Liste stehen, während wir nur tatenlos herumsitzen. Doch es kann sich trotzdem lohnen, das Nichtstun in unseren Alltag zu integrieren - selbst wenn es insgesamt nur zehn Minuten pro Tag sind, in denen wir unsere Gedanken wandern lassen und zur Ruhe kommen.

„Die Wissenschaft beginnt zu zeigen, wie wertvoll es ist, Zeit in der Stille und in der Natur zu verbringen und sich nicht ständig von außen stimulieren zu lassen“, erklärte Sue Smalley, emeritierte Professorin an der University of California jüngst gegenüber dem Magazin Shondaland. „Wir brauchen Zeit, in der wir ‚nichts‘ tun, um unser bestes Selbst zu sein: ein vielseitiges und kreatives menschliches Wesen.“

Ruhenetzwerk im Kopf

Wenn wir einfach nur dasitzen und uns mit uns selbst beschäftigen, weder ein Buch lesen noch auf einen Bildschirm schauen noch einen Podcast hören, dann hat das sogar messbare Auswirkungen auf unser Gehirn. Das sogenannte Default Mode Network („Ruhenetzwerk“) springt dann an, ein Netzwerk interagierender Hirnregionen, das aktiv wird, sobald sich eine Person nicht auf die Außenwelt konzentriert. Dadurch können wir neue Verbindungen knüpfen, neue Ideen entwickeln, kreativ sein und uns selbst auf neue Weise bewerten.

„Man nimmt an, dass das Default Mode Network eine Rolle dabei spielt, den Erfahrungen, die wir machen, und der Geschichte, die wir über uns erzählen, einen Sinn zu geben. Auf diese Weise ist es mit unserem Selbstverständnis verbunden“, erklärt Smalley. Es liefert uns neue Antwort-Ansätze auf die großen Fragen: Wer bin ich? Wer war ich? Wer will ich sein? Wie soll mein Leben aussehen?

Wie man "Leerlauf" trainieren kann

Das Ruhenetzwerk springt über den Tag verteilt immer mal wieder an, nämlich dann, wenn wir versehentlich mit den Gedanken abschweifen oder Tagträumen. Wer es gerne kontrolliert aktivieren möchte, sich aber mit Nichtstun auf Kommando schwertut, kann Folgendes versuchen: sich hinlegen und dabei die eigene Lieblingsmusik hören. Bereits das gönnt unserem Gehirn eine Pause und kann es in den Ruhemodus schicken. Parallel dazu empfiehlt es sich ebenfalls, die eigene Achtsamkeit zu trainieren, also zu lernen, mit sich selbst allein zu sein und dabei auf die wandernden Gedanken zu achten.

„Zu bemerken, was im Kopf vor sich geht, wenn Sie nichts tun, ist ein nützlicher Schritt, um sich selbst und Ihre Beziehung zu anderen und dem Universum im Allgemeinen zu verstehen“, sagt Smalley. Nicht umsonst bestand das Erfolgsrezept vieler berühmter Philosophen darin, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen und die Gedanken schweifen zu lassen.

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