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Bildung ist alles: Sind Absolventen von Eliteuniversitäten leistungsstärker?

Gute Uni, guter Chancen: Bei Stellenausschreibungen großer Konzerne schicken hunderte Interessierte ihre Bewerbungsunterlagen ein. Und die Personalleiter stehen vor der Aufgabe, daraus die leistungsstärksten Kandidaten auszuwählen. Statt nach persönlichen Fähigkeiten, Berufserfahrungen oder der Intelligenz zu urteilen, läuft es häufig darauf hinaus, dass der Ruf der Universität über die Jobchance entscheidet. Aber sind Absolventen von Eliteunis wirklich besser?

Radcliffe Camera zwischen Brasenose College (links) und All Souls College (rechts), Oxford
Die Universität zu Oxford zählt seit jeher zu den renommiertesten Unis der Welt.

Zu den international bekanntesten Eliteuniversitäten zählt unter anderem die renommierte Universität von Oxford, an der schon Bill Clinton und Stephen Hawking lernten. Die Konkurrenz in Cambridge hat ihrerseits die meisten Nobelpreisträger weltweit hervorgebracht und war die geistige Heimat von Koryphäen wie Isaac Newton und James Clerk Maxwell. Auch die US-Hochschulen Harvard, Yale oder Stanford werden international als Eliteuniversitäten angesehen. In deutschen Rankings haben zum Beispiel die Technische Universität Aachen, die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und die Universitäten Münchens einen elitären Ruf – das aber hauptsächlich auf nationaler Ebene und aufgrund besonderer Fördermittel ihrer Forschungsprojekte.

Der Begriff Eliteuniversität wird generell für als qualitativ hochklassig geltende Lehranstalten verwendet, die intensive Betreuungen, internationale Praktika und Verbindungen zu angesehenen Wissenschaftlern und Unternehmern bieten. Dort einen Platz zu bekommen, erfordert einerseits einen ausgezeichneten Schulabschluss, meist bereits berufliche Erfahrungen, und andererseits das Bestehen einiger Eignungstests. Hinzu kommt, dass sich nicht jeder das Studium an diesen oft privaten Unis leisten kann: In den USA, Großbritannien und anderen Ländern werden saftige Studiengebühren fällig. Viele Studierende sind auf Stipendien und Kredite angewiesen.

Doch das kann sich lohnen, denn gerade auf dem Arbeitsmarkt ist das Abschlusszeugnis einer Eliteuniversität gern gesehen. Die Absolventen haben meist bessere Karrierechancen: „Daten aus den USA belegen, dass Absolventen von Prestigeuniversitäten mit sehr viel höheren Gehältern ins Berufsleben starten“, erklärt Marjaana Gunkel von der Freien Universität Bozen. Konkret erhalten Absolventen der zehn besten Universitäten in den USA ein um 47 Prozent höheres Gehalt als jene, die an weniger renommierten Universitäten studiert haben. Nach sechs Jahren im Berufsleben beträgt die Gehaltskluft bereits 109 Prozent. Doch ist dieser Lohnunterschied auch gerechtfertigt?

Der Elite auf den Grund gegangen

Auf den ersten Blick klingt es ganz logisch, dass die angeseheneren Universitäten auch von den besseren Studenten besucht werden – und damit leistungsstärkere Absolventen ausbilden. Denn um an solchen Eliteunis aufgenommen zu werden, müssen die Bewerber eine ganze Reihe von hohen Hürden nehmen. Das legt nahe, dass sie intelligent und leistungsbereit sein müssen und daher auch nach dem Studium zu den Besseren ihres Fachs zählen.

Ob diese Annahme auch einer Überprüfung standhält, haben Wissenschaftler um Vasyl Taras von der University of North Carolina überprüft. Sie wollten wissen, ob es einen Zusammenhang zwischen dem internationalen Ranking der Universität und der Leistung der Absolventen gibt. In der Studie analysierten sie Informationen zu 28.339 Absolventen von 294 Universitäten mit unterschiedlichstem Prestige und aus 79 verschiedenen Ländern.

Um die Leistung der Absolventen zu vergleichen, beobachteten sie zwei Monate lang die Arbeit der Studienteilnehmer. Sie wurden in virtuellen Teams an globalen Arbeitsprojekten für eine Reihe von Unternehmern eingesetzt. Dabei wurde nicht nur das erzielte Endergebnis, sondern auch Kompetenzen wie zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Teammitgliedern, die Sprachkenntnisse, die technischen Fähigkeiten, die emotionale Intelligenz oder die Kreativität bewertet.

Blick in den Lesesaal der Yale Law Library
Unis mit einem Top-Ranking bieten ihren Wissenschaftlern und Studenten auch eine Top-Ausstattung.

Warum Elite-Absolventen mehr leisten

Und tatsächlich: Die Absolventen von Spitzenuniversitäten schnitten leistungsmäßig besser ab als Studierende von niedriger eingestuften Universitäten. Die Beobachtungen ergaben, dass zwischen den Absolventen der zehn besten Universitäten und denjenigen von im Ranking eher durchschnittlichen Hochschulen ein Leistungsunterschied von 19 Prozent besteht. Pro 1.000 Hochschulranking-Positionen sinkt die zu erwartende Leistung um 1,9 Prozent ab.

Aber Vorsicht: Im Vergleich standen hierbei Universitäten, die im Ranking tausende Plätze voneinander entfernt liegen. Bei realistischeren Vergleichen zwischen Universitäten, die im Ranking nur 100 Plätze voneinander abweichen, wären die Unterschiede deutlich geringer: „In diesem Fall würde die vorhergesagte Leistungsdifferenz nah an einem Prozent liegen“, so Taras.

Gründe für die besseren Leistungen der Absolventen finden sich bereits im Auswahlsystem: Höherrangige Universitäten können in der Regel aus einem größeren Pool an Bewerbern wählen, was zu einem stärkeren Wettbewerb führt. Die meisten Erstsemester dieser Unis sind schon zu Beginn des Studiums sehr leistungsfähig und nicht erst aufgrund des Studiums. Die ausgewerteten Daten bestätigten deshalb, dass Studenten an höher eingestuften Universitäten bei allgemeinen kognitiven Fähigkeitstests tatsächlich besser abschneiden und mehr internationale Erfahrung sowie bessere Englischkenntnisse und eine höhere kulturelle Intelligenz aufweisen.

Ein weiterer Grund für die starken Leistungen der Absolventen ist, dass Spitzenuniversitäten bessere Professoren beschäftigen, Zugang zu modern ausgestatteten Einrichtungen anbieten und international angesehene Gastreferenten an ihren Campus ziehen. Im Umkehrschluss erhalten die dortigen Studenten so auch eine bessere Bildung, was sich zum Beispiel in der Teilnahme an Wettbewerben zeigte. Die Eliteuniversitäten setzen zudem häufig einen Fokus auf Business-Projekte, in denen auch Führungsrollen eingenommen werden.

Die Schattenseite der elitären Bildung

Bildung beruht aber nicht nur auf erstklassigen Vorlesungen und Seminaren. Wenn erfahrene Professoren mit intelligenten und leistungsorientierten Kommilitonen arbeiten, so wirkt sich dies im Umkehrschluss auch positiv auf Motivation, Anstrengung und Arbeitsethik der Lernenden aus.

Aber anders als vielleicht anzunehmen, ließ sich ein ähnliches Engagement auch bei Absolventen anderen Unis feststellen: „Unsere Studie ergab keinen Unterschied in diesen leistungsbezogenen Eigenschaften“, so Taras Kollegin Gunkel. „Absolventen von schlechter gerankten Universitäten zeigten ein gleiches Maß an Motivation und Arbeitsethik.“ Laut den Forschern hängt also die institutionelle Ausstattung nur bedingt mit dem Arbeitsklima zusammen. Entscheidender seien hierfür „die Persönlichkeit und andere individuelle Faktoren“, so Taras.

Trinity-College-Studenten am Graduation Day, Cambridge
Nicht jeder kann sich das Studium an diesen oft privaten Top-Unis leisten. In den USA, Großbritannien und vielen anderen Ländern werden saftige Studiengebühren fällig.

Das richtige Arbeitsklima

Und auch letzteres prüften die Wissenschaftler: Dabei fiel besonders auf, dass Absolventen der hoch platzierten Universitäten sich exzessiv auf ihre Aufgaben fokussierten und damit häufiger die Gruppendynamik und Zusammenarbeit im Team störten. Sie seien zudem weniger kontaktfreudig, weil sie sich selten auf persönliche Gespräche einließen. Meist zeigten sie sich als konfliktanfälliger und konnten sich schlecht mit ihren Kollegen identifizieren, so die Experten. Das weit verbreitete Vorurteil, dass Studenten elitärer Universitäten dadurch auch Arroganz und Eitelkeit zeigen würden, bestätigte die Studie aber nicht.

Aber wie hängen die sozialen Kompetenzen mit der Leistung zusammen? Studien anderer Forscher haben schon gezeigt, dass ein gutes Arbeitsklima im Team eine wichtige Rolle für die Motivation, die Leistung und den Erfolg im Arbeitsalltag spielt. Der Grund ist simpel: Fehlen guten zwischenmenschlichen Beziehungen, wirkt sich die mangelnde Kollegialität und die erhöhte Konfliktneigung nicht nur negativ auf die persönliche Leistung, sondern auch auf das Ergebnis der Arbeitsgruppe aus.

Das richtige Arbeitsklima ist also - neben der individuellen Leistungsfähigkeit - ein entscheidender Faktor in Bezug auf die Gesamtleistung einer Arbeitsgruppe.

Von der Arbeitsstelle abhängig

Ist es also berechtigt, dass  Unternehmen bevorzugt  Absolventen von Elite-Universitäten einstellen? Ob sich das Investment in Absolventen angesehener Unis wirklich lohnt, ist umstritten. Insgesamt deuten die Studienergebnisse zwar darauf hin, dass die Einstellung von Absolventen höherrangiger Universitäten zu einer leichten Verbesserung der Leistung führen könnte. Der Universitätsrang allein ist jedoch kein ausreichender Faktor für die individuelle Arbeitsleistung der Bewerber, sagen die Experten.

Einfach blindlings alle Absolventen der Universitäten auszuwählen, die ein hohes Ranking einnehmen, sei nicht empfehlenswert. Die Experten raten Arbeitgebern stattdessen, zunächst Tests durchzuführen, um auch die sozialen Kompetenzen der Bewerber, die für den Job erforderlich sind, zu bewerten. Ein Mangel an sozialen Kompetenzen ist schwieriger zu beheben als ein Mangel an technischem Wissen, so die Wissenschaftler. In eine richtige Ausbildung zu investieren, „kann eine viel bessere Entscheidung sein, als nach dem Rang der Universität auszuwählen“, so Taras.

ABO, 30.09.2020
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