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Französische Revolution: Die Errichtung einer Volksherrschaft

Wieso befand sich die Monarchie in einer Krise?

Die absolutistische Herrschaft der französischen Könige (Ancien régime, französisch für »alte Regierungsform«) war unter Ludwig XVI. (Reg. 1774–1792) in Bewegungslosigkeit erstarrt: Die hohen Aufwendungen für Heer, Beamtenapparat, die Privilegien von Geistlichkeit (Erster Stand) und Adel (Zweiter Stand) sowie die Hofhaltung trieben den Staat in den Ruin und hatten für das Volk ungeheure Preissteigerungen und Steuerlasten zur Folge. Gesellschaftspolitische Reformversuche in Form von Steuererleichterungen für den Dritten Stand (Groß- und Kleinbürgertum, Bauern, Tagelöhner und Arbeiter; zusammen 98 % der Bevölkerung) scheiterten am Widerstand von Adel und Klerus.

Warum wurden die Generalstände einberufen?

Die Einberufung der Generalstände im Mai 1789, einer für gesamtfranzösische Belange zuständigen Versammlung aus Vertretern der drei Stände, sollte Bewegung in die Politik bringen. Zwar wurde die Abgeordnetenzahl für den Dritten Stand verdoppelt, doch mit 600 Sitzen konnte er gegen die zusammengenommen 600 Sitze von Adel und Klerus weiterhin nichts ausrichten, zumal man sich nicht über den Abstimmungsmodus (kooperativ nach Ständen oder nach Köpfen) einigen konnte.

Wie verlief die erste Phase der Revolution?

Das Geschehen spielte sich 1789 leicht zeitversetzt auf drei Bühnen ab: 1. In Versailles schwor eine Nationalversammlung, nicht vor der Vollendung einer Verfassung auseinander zu gehen (Ballhausschwur am 20.6.1789); 2. In den Straßen von Paris erstürmten die bewaffneten städtischen Unterschichten am 14. Juli das alte Stadtgefängnis (Bastille). 3. Auf dem Lande kam es zum größten Bauernaufstand in der französischen Geschichte.

Alle drei Ebenen wirkten aufeinander, wobei die beiden Letzteren zur Radikalisierung des Konflikts beitrugen. Unmittelbar nach dem als symbolischer Sieg über das Ancien régime gefeierten Sturm auf die Bastille wurden zunächst in Paris, dann landesweit demokratische Gemeinde- und Stadtvertretungen eingerichtet: mit Stadträten, Gemeindeausschüssen und Bürgermilizen. Die Nationalversammlung schaffte die Feudalrechte ab und verabschiedete eine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Die vom König verweigerten Unterschriften unter die Dekrete erzwangen am 5. Oktober ca. 20 000 Aufständische in Versailles (Zug der Heldinnen von Paris).

Was passierte in der zweiten Phase?

Die Volksvertretungen der Revolution waren 1789–1791 die verfassunggebende Nationalversammlung, 1791/92 die gesetzgebende Nationalversammlung und 1792–1795 der Nationalkonvent. Mit der Verfassung von 1791 trat die Revolution in eine Phase der Konsolidierung. Frankreich wurde zur konstitutionellen Monarchie. Die Macht des Königs wurde durch die Gewaltenteilung und die Gesetze eingeschränkt. Um die Armut und den Hunger auszuschalten, sollte der Finanzhaushalt in Ordnung gebracht werden. Ende 1789 wurden die Kirchengüter verstaatlicht und auf die eingezogenen Güter Anleihescheine ausgegeben, sich zu einer Art Papiergeld entwickelten.

Gleichzeitig wurde die Wirtschaft liberalisiert (u. a. Aufhebung der Binnenzölle) und das Steuersystem reformiert (Einführung einer allgemeinen Steuer auf Grund, bewegliches Vermögen sowie Gewerbe- und Handelserträge). An die Stelle der historischen Standesunterschiede trat eine soziale Gliederung nach Besitz. So wurde das Zensuswahlrecht eingeführt, das die Wahlberechtigung von der Höhe der Steuerlast des Einzelnen abhängig machte.

Welche politische Rolle spielte der König?

Ludwig XVI. war von Anfang an eine »gekrönte Puppe« der Revolution: Sooft er sein Veto einlegen wollte, wurde er zum Ja gezwungen. Der Annahme der Verfassung von 1791 versuchte er sich durch Flucht ins Ausland zu entziehen; er wurde gefasst und erst wieder in sein Amt eingesetzt, nachdem er den Eid auf die Verfassung geleistet hatte. Die 1792 auf Vorschlag des Königs beschlossene Kriegserklärung an Österreich besiegelte dann das Ende des Monarchen: Nach den ersten französischen Niederlagen erzwangen die revolutionären Massen mit der Erstürmung der Tuilerien (25. Juli 1792) die Abschaffung des Königtums. Als der Oberbefehlshaber der gegnerischen Heere die Zerstörung von Paris androhte für den Fall, dass dem König Leid geschähe, wurde Ludwig XVI. der Prozess wegen landesverräterischer Beziehungen gemacht. Er wurde am 21. Januar 1793 guillotiniert.

Wie waren die Revolutionäre organisiert?

Die Revolutionäre organisierten sich in politischen Klubs, die untereinander in Verbindung standen. Zum Meinungsführer entwickelte sich der Jakobinerklub von Paris, mit ihren drei beim Volk einflussreichen Führergestalten: Georges Danton (1759–1794), Jean-Paul Marat (1743–1793) und Maximilien de Robespierre (1758–1794). Ihnen gelang es im Nationalkonvent, die unentschiedene Mitte auf ihre Seite zu ziehen. Die Bergpartei (Montagnards) erzwang den Prozess gegen den König und vertrat 1793 wegen der gestiegenen Not der Bevölkerung eine Wirtschaftslenkung u. a. mit Lebensmittelrationierungen. Die Girondisten, die sich von den Jakobinern getrennt hatten, wurden ausgeschaltet. Zur effektiveren Regierungsführung wurden Ausschüsse gebildet. Einer davon, der Wohlfahrtsausschuss, wurde 1793/94 unter Robespierre zum Zentralorgan einer Schreckensherrschaft, bei der in der Zeit des »großen Terrors« (10.6.–27.7.1794) 1376 zum Tode Verurteilte unter die Guillotine kamen. Den Hinrichtungswellen fielen auch Marat, Danton und Robespierre selbst zum Opfer.

Was folgte auf die Schreckensherrschaft?

Nach dem Ende Robespierres übernahm eine Regierung von Bürgerlichen die Macht. Nach der neuen Direktorialverfassung lag die ausführende Gewalt bei einem fünfköpfigen Direktorium, die Legislative bei einer aus zwei Kammern bestehenden Volksvertretung. Die erfolgreiche Niederschlagung eines royalistischen Aufstands verschaffte 1796 dem jungen Napoleon Bonaparte (1769–1821) den Oberbefehl über die Italienarmee, der ihm die Macht zu einem eigenen Staatsstreich im November 1799 verlieh.

Schon 1792 war Frankreich durch eine Kriegserklärung an Österreich in einen Krieg gegen das monarchistische Europa eingetreten. Er wurde bis 1806/07 gegen wechselnde Koalitionen geführt und fand seine Verlängerung in den Napoleonischen Kriegen. Im Ersten Koalitionskrieg (1792–1795) verbündete sich Österreich mit Preußen, ab 1793 kamen Großbritannien, die Niederlande, Spanien, Sardinien, Neapel, Toskana und deutsche Reichsstände hinzu. Nach ersten Niederlagen der Revolutionäre stellten sich 1792 Erfolge für die Franzosen ein. Im zweiten Koalitionskrieg (1799–1802) schlossen sich Russland, Österreich, Großbritannien, Neapel, Portugal und das Osmanische Reich zusammen.

Warum war die Französische Revolution ein Meilenstein?

Die Ereignisse von 1789 waren nach der Bedeutung des Begriffes Revolution (lateinisch für Umwälzung) eine plötzliche Umkehrung der Machtverhältnisse von unten, also durch die sozial Benachteiligten. Aufbauend auf dem Gedankengut der Aufklärung und ausgelöst durch eine ungeheure Finanz- und Wirtschaftskrise, zerstörte sie in Frankreich die Monarchie und deren politische und soziale Grundlagen. Sie machte Frankreich zum ersten demokratisch legitimierten Nationalstaat und verhalf den liberalen Ideen, vor allem den in Amerika bereits durchgesetzten Menschen- und Bürgerrechten, auch in Europa zum Durchbruch. Die Kriege des revolutionären Frankreich und die Feldzüge Napoleons brachten die monarchische Staatenwelt Europas zum Einsturz.

Was waren wichtige Stationen?

Mai 1789: Einberufung der Generalstände

Juni 1789: Bürgerliche Abgeordnete bilden die Nationalversammlung.

Juli 1789: Aufstand durch das Pariser Proletariat: Erstürmung der Bastille

August 1789: Aufhebung des Feudalsystems und Verabschiedung der Menschen- und Bürgerrechte

Oktober 1789: Zug der Pariser Massen nach Versailles, um Ludwig XVI. unter Druck zu setzen

1791: Frankreich wird zur konstitutionellen Monarchie. Die gesetzgebende Nationalversammlung tritt zusammen.

1793: Schreckensherrschaft des Konvents: Hinrichtung Ludwigs XVI., von Girondisten und anderen Gegnern.

1794: Diktatur unter Robespierre: Höhepunkt der Exekutionen; Hinrichtung Robespierres

1795–1799: Regierung durch ein fünfköpfiges Direktorium

1799: Staatsstreich durch Napoleon; die Revolution wird für beendet erklärt.

Wie hießen die wichtigsten Gruppierungen?

Dantonisten: Anhänger von Georges Danton, der Anfang 1794 im Gegensatz zu Robespierre eine gemäßigtere Politik befürwortete; im April 1794 ausgeschaltet.

Girondisten: nach dem Département Gironde benannte gemäßigte Gruppe, die für Volkssouveränität und eine föderalistische Republik eintrat. Bis 1792 im Jakobinerklub, wurden die Girondisten in der gesetzgebenden Nationalversammlung zu Gegnern der radikalen Jakobiner; 1793 großenteils hingerichtet.

Jakobiner: benannt nach dem Versammlungsort der Deputierten des Dritten Standes, dem Kloster Saint-Jacques. Robespierre machte den Klub zum zivilen Arm der Revolution. 1793/94 organisierte der Klub die Schreckensherrschaft und wurde nach Robespierres Sturz geschlossen.

Montagnards: Bergpartei; radikaldemokratische Jakobiner im Konvent, die die höher gelegenen Sitzreihen belegten. Sie setzten sich für die Unterschichten und das allgemeine Wahlrecht ein; ab 1795 unterdrückt.

Was steht in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte?

Am 26. August 1789 verfügte die Nationalversammlung nach längeren Diskussionen eine 17 Artikel umfassende Erklärung der Rechte des Menschen und Bürgers, die in die Verfassung von 1791 aufgenommen werden sollte. Kernbegriffe waren die persönliche Freiheit (Liberté) und die Rechtsgleichheit (Égalité) der Menschen. So verkündete gleich der erste Artikel: »Frei und mit gleichen Rechten werden die Menschen geboren und bleiben es auch ...« Damit waren die Stände abgeschafft und die Souveränität des Volkes ausgerufen. Vorbild war die amerikanische Declaration of Rights von Thomas Jefferson zur Verfassung des Staates Virginia vom Juni 1776. Jefferson wurde auch als Gesandter in Paris gehört. Kritiker der Erklärung, darunter auch Graf Mirabeau, befürchteten, der unvermittelte »Sprung aus der Tyrannei in die Freiheit« berge die Gefahr der Anarchie in sich.

Wussten Sie, dass …

der Schriftsteller François Choderlos de Laclos (1741–1803) durch sein »Journal der Freunde der Verfassung« und einen regen Meinungsaustausch per Briefwechsel die Parolen der Jakobiner in ganz Frankreich bekannt machte? Besser bekannt ist er heute allerdings als Autor des Briefromans »Gefährliche Liebschaften« (1782), der bereits mehrmals erfolgreichverfilmt wurde und in dem er die freizügig-dekadente Liebesmoral des Adels geißelt.

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