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Das Wort des Monats November 2003

Tätervolk

Zum Nationalfeiertag am 3. Oktober versuchte der CDU-Abgeordnete Martin Hohmann in einer umstrittenen Rede, die Deutschen vom Makel zu befreien, ein "Tätervolk" zu sein. In seiner Argumentation verstieg er sich jedoch in unglücklichen Vergleichen: "Wir haben nun gesehen, wie stark und nachhaltig Juden die revolutionäre Bewegung in Russland und mitteleuropäischen Staaten geprägt haben. [...] Mit einer gewissen Berechtigung könnte man im Hinblick auf die Millionen Toten dieser ersten Revolutionsphase nach der "Täterschaft" der Juden fragen. Juden waren in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv. Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als "Tätervolk" bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. [...]"

Etwas beschwichtigt er zwar wieder ("Daher sind weder "die Deutschen", noch "die Juden" ein Tätervolk.“), dennoch bezeichnete u.a. Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden, seine Rede als "schlimmsten Fall von Antisemitismus". Hohmann, ein scharfer Gegner der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht 1941-45" und erbitterter Kämpfer gegen jedwede Tolerierung von Homosexualität blieb in seiner Haltung unerschüttert. Nach wochenlangen Diskussionen rang sich die CDU-Spitze Mitte November schließlich durch, Martin Hohmann aus der Fraktion auszuschließen.

Und der Skandal um die Hohmann-Äußerung zog noch weitere Kreise. Der Chef der Bundeswehr-Spezialeinheit KSK, Brigadegeneral Reinhard Günzel, bedankte sich bei Martin Hohmann schriftlich für dessen Rede ("Eine ausgezeichnete Ansprache - wenn ich mir dieses Urteil erlauben darf -, wie man sie mit diesem Mut zur Wahrheit und Klarheit in unserem Land nur noch sehr selten hört.") - und wurde daraufhin vom Verteidigungsminister Struck entlassen.

Unsere Gewinnerin des Monats November, Frau Mette Sörensen, schlägt vor, das Wort "Tätervolk" ersatzlos aus dem Sprachschatz zu streichen, womit Sie wohl den einzig wertvollen Beitrag zur "Tätervolk"-Debatte geleistet hat. Ihre Wahl begründet sie wie folgt: “Ich befürchte, dass das Wort des Monats im November "Tätervolk" werden könnte. Die Politik schafft immer wieder eine "Neuauflage" von furchtbaren Worten. Tabus müssen zwar gebrochen werden um Geschichte richtig zu verarbeiten - ohne reden geht es nicht - aber leider zeigt die Politik immer wieder, wie man es nicht machen sollte. Völlig unschuldig ist keiner, der ein Alter von 3 Jahren überschritten hat; unabhängig von Herkunft und Religion. Jedoch ein ganzes Volk - ob jetzt Deutsche, Juden, Chinesen, Amerikaner, Iraker etc. - über einen Kamm zu scheren und sie "Täter" zu nennen, ist eine Verallgemeinerung, die keiner jemals verdient hat. Man sollte das Wort "Tätervolk" zum Unwort des Monats wählen, um es danach endgültig aus dem Sprachschatz zu streichen."

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Dietmar Hefendehl
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