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Glücklich, traurig oder nur Reflexe? Was Gesichtsausdrücke des Ungeborenen verraten

Lächelt es oder schaut es eher grimmig drein? Dank moderner Ultraschall-Methoden können werdende Eltern ihr Kind im Mutterleib heute schon mit verblüffender Klarheit erkennen. Sogar die Gesichtsausdrücke des Ungeborenen werden sichtbar. Aber was sagen sie uns? Drücken sie bereits Empfindungen des Fötus aus? Oder sind das doch alles nur Reflexe?
NPO / Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM)

Ultraschall-Aufnahmen sind heute ein wichtiger Teil der Vorsorge-Untersuchungen während der Schwangerschaft. Denn mit den Live-Bildern aus dem Mutterleib lassen sich Fehlbildungen erkennen und auch der Herzschlag des Ungeborenen wird so sichtbar gemacht. Die modernsten Varianten des Ultraschalls können aber noch mehr: Sie zeigen das werdende Kind so klar, dass sich sogar sein Gesichtsausdruck und Mundbewegungen erkennen lassen.

Das Ultraschall-Bild verrät viele über das Ungeborene.

MedicalPrudens, pixabay.com / Public Domain

Wenn Ungeborene gähnen

Mit dem sogenannten 4D-Ultraschall können Ärzte und Eltern sogar live beobachten, wie das Kind Körper und Gesicht bewegt. „Mit der 4D-Sonografie, die Bewegungen des Fötus räumlich sichtbar macht, können wir die Mimik des Kindes besonders gut beobachten“, erklärt Eberhard Merz, Leiter des Zentrums für Ultraschall und Pränatalmedizin am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt.

Diese hochauflösenden Aufnahmen zeigen beispielsweise, dass schon Ungeborene gähnen: Sie reißen den Mund bis zu sechs Mal pro Stunde weit auf. Besonders häufig geschieht dies in der 24. bis 28. Schwangerschaftswoche, wie Mediziner feststellten. Warum die Ungeborenen gähnen, ist allerdings unklar, denn schließlich atmen sie ja keine Luft und müde sollten sie auch eigentlich nicht sein. Forscher vermuten, dass dieses Verhalten mit der Reifung des Gehirns zusammenhängt – das Kind übt bestimmte Bewegungsabläufe quasi schon mal ein.

Ein erstes Lächeln? Hochauflösende Ultraschall-Aufnahme eines Ungeborenen in der 31. Schwangerschaftswoche.

DEGUM/ E. Merz

Lächeln im Mutterleib

Gegen Ende des zweiten Schwangerschaftsdrittels haben Eltern gute Chancen, ihr Kind auf dem Ultraschallbild sogar lächeln zu sehen. Mitunter verzieht es auch die Mundwinkel, runzelt die Stirn und schaut missmutig oder traurig aus. „Die Bilder erscheinen sehr lebensecht und es ist kein Wunder, dass sie uns innerlich berühren“, sagt Merz. Viele Eltern fragen sich dann, ob sie sich Sorgen machen müssen: Ist ihr ungeborenes Kind womöglich unglücklich?

Doch der Experte von der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) beruhigt: Bei den Ungeborenen spiegelt der Gesichtsausdruck nach heutigem Wissen noch keine Gefühle wider. Stattdessen ist das Lächeln oder Stirnrunzeln das Ergebnis unwillkürlicher, reflexhafter Bewegungen. „Die Bewegungen sind eher eine Art Training“, erklärt Merz. Ein Lächeln bedeutet daher nicht, dass ein Baby glücklich ist und eine traurige Mine verrate nichts über schlechte Gefühle des Ungeborenen.

Auch scheinbar missmutige Gesichter ziehen die Kinder schon im Mutterleib.

DEGUM/ E. Merz

Wichtiges Training für die Mimik

Stattdessen übt das Baby einfach nur die Gesichtsausdrücke, mit der es nach der Geburt mit seinen Eltern kommuniziert – denn das tut es fast von Anfang an.  Das erste echte Lächeln allerdings lässt etwas auf sich warten: Das „Engelslächeln“ von Neugeborenen stufen Entwicklungspsychologen noch als reflexhaft ein; erst zum Ende des zweiten Lebensmonats hin lächeln Babys ihre Mitmenschen bewusst an.

Sich die Mimik des Ungeborenen genau anzuschauen, ist aber dennoch sinnvoll, wie Merz erklärt:  „Die Beobachtung der Gesichtsstrukturen und des Gesichtsausdrucks liefert zusätzliche Erkenntnisse über die neurologische Entwicklung des Fötus und ermöglicht es, seine Gehirnfunktionen besser vorauszusehen“, so der Experte. Unabhängig von der Mimik sind auch die Gesichtszüge eine grundlegende Informationsquelle. „Durch deren Beurteilung ist die Diagnose verschiedener fetaler Erkrankungen und Syndrome möglich", so Merz.

Der Experte rät aber, Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft nur dann durchzuführen, wenn dies medizinisch begründet ist. Von Ultraschalluntersuchungen von Ungeborenen allein zum Zwecke des „Babyfernsehens“ lehnt der Experte ab. Denn auch wenn die Ultraschall-Aufnahmen als schonend gelten, sei Vorsicht das oberste Gebot in der Medizin. Das bedeutet, dass man grundsätzlich alle diagnostischen Maßnahmen so sparsam wie nur möglich einsetze sollte.

NPO/ Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM); 24.06.2015

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