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Karneval: Warum verkleiden sich Menschen?

Vor allem im Rheinland erreicht der Karneval am Rosenmontag seinen Höhepunkt: Überall auf den Straßen sind verkleidete Menschen zu sehen, die in ausgelassener Stimmung feiern. Doch warum verkleiden wir uns eigentlich an Fasching? Und was steckt psychologisch hinter unserer Lust, vorübergehend in eine andere Rolle zu schlüpfen – vom Pirat über den Engel bis zum Karnevalsprinzen?

Karnevalsszene in Köln
Nicht nur im verschlossenen Kämmerlein: In den Karnevalshochburgen des Rheinlands sind zur Karnevalszeit auch auf den Straßen verkleidete Menschen zu sehen, die in ausgelassener Stimmung feiern.
In den Karnevalshochburgen des Rheinlands sind sie schon Tage und Wochen vor dem Rosenmontag kein seltener Anblick: Menschen, die in Verkleidung durch die Straßen spazieren oder mit der Straßenbahn unterwegs sind. Sie sind meist unterwegs zu Faschingsfeiern oder den Sitzungen der Karnevalsvereine. Wenn dann am Rosenmontag die Straßenumzüge beginnen, herrscht närrischer Ausnahmezustand:  Überall sind kostümierte Narren unterwegs.

Eine lange Tradition

Doch woher kommt diese Lust am Verleiden? Klar ist: Das Kostümieren zu bestimmten Anlässen ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern hat eine lange Tradition. "Verkleidungen sind in ganz unterschiedlichen Kulturen seit vielen Jahrtausenden zu gewissen Zeiten Brauch und dienen verschiedenen Zielen", erklärt der Psychologe Karl-Heinz Renner von der Universität der Bundeswehr München.

In keltischen Riten beispielsweise wurden Verkleidungen genutzt, um den Winter zu vertreiben. Während der römischen Saturnalien hat man durch das Verkleiden die etablierte Ordnung vorübergehend außer Kraft gesetzt - die Herren bedienten ihre Sklaven. Bei diesen Anlässen trug man Kostüm, weil es Brauch war. Man verkleidete sich, weil es üblich war und ein gewisser Gruppendruck herrschte, dieser Tradition zu folgen.

Karnevalskostüme auf Stange
Eine passende Verkleidung bietet die Möglichkeit, der angestammten Rolle zumindest zeitweise zu entfliehen.
Wir schlüpfen in eine fremde Rolle

Doch es gibt auch psychologische Gründe, warum das Verkleiden für viele Menschen so reizvoll ist. Einer ist die Möglichkeit, der angestammten Rolle zu entfliehen. Denn im Alltag nehmen wir ganz verschiedene Rollen ein – meist ohne uns dessen bewusst zu sein. Wir sind Kinder, Mütter oder Väter, agieren als Freund oder Kollege und erfüllen im Beruf mehr oder weniger gut die Erwartungen, die unsere Position und Aufgabe uns vorgibt.

Wenn wir uns jedoch verkleiden, schlüpfen wir in eine ganz andere Rolle – und tun dies bewusst. Wir entscheiden mit unserem Kostüm selbst, ob wir König oder Bettler, Engel oder Teufel sein wollen. Damit bietet uns die Verkleidung eine Chance, Verhaltensweisen zu zeigen, die wir in unseren Alltagsrollen nicht zeigen können oder wollen. "Ein Mensch, der sich verkleidet hat, kann sein oder ihr derart 'eingekleidetes' Verhalten immer der Rolle zuschreiben. Man tut ja nur so, als ob man die Rolle wäre, in die man durch die Verkleidung geschlüpft ist", erklärt Renner.

Damit kann die durch unser Kostüm explizite Rolle auch einen Schutzraum bieten, um Verhaltensweisen zu erproben. "Ein schüchterner Mann kann, als Fürst oder König verkleidet, versuchen, selbstbewusster aufzutreten oder Frauen ansprechen und flirten", sagt Renner. "Wenn er dabei nicht ankommt oder sogar Missfallen hervorruft, kann er immer sagen, dass war jetzt nicht ich, sondern die Rolle, die ich gerade spiele, das war ja gar nicht ernst gemeint." Wenn unsere explizite Rolle des Fürsten oder Königs aber ankommt, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten des Kontakts und der Kommunikation.

Piratenkostüm
Welches Kostüm wir wählen, sagt Einiges über unser Innenleben aus.
Was das Kostüm verrät

Welches Kostüm wir wählen, sagt Einiges über unser Innenleben aus. Ein Beispiel ist das klassische und immer wieder beliebte Piratenkostüm: "Es repräsentiert unsere anarchische, wilde, freiheitsliebende Seite – ganz nach dem Motto: Ich nehme mir, was mir gefällt", erklärt die Psychologin Katja Mierke von der Hochschule Fresenius.  Eine solche Seite wilde Seite schlummere in vielen von uns, doch die Konventionen des Alltags erlauben es uns oft nicht, diese Eigenschaften auszuleben.

Ein anderes Beispiel sind Verkleidungen, mit denen Menschen sich in ein Idol verwandeln: Ob Popstars wie Lady Gaga und Michael Jackson oder fiktionale Helden wie Luke Skywalker aus Star-Wars oder ein Superheld aus den Avengers. Mit diesen Kostümen verleihen wir uns vorübergehend bestimmte Merkmale dieser Helden und Stars - vor allem wenn andere Menschen mitspielen und sich uns gegenüber entsprechend verhalten.

Natürlich gibt es auch Verkleidungen, die bewusst eingesetzt werden, um Personen zu parodieren oder zu kritisieren – klassisches Beispiel sind Masken von Politkern wie Donald Trump oder Angela Merkel. Sie sind besonders bei den großen Umzügen in Karnevalshochburgen wie Köln, Mainz oder Düsseldorf sehr beliebt. Es gibt allerdings noch einen ganz anderen und einfachen Grund für Verkleidungen: Es macht einfach Spaß, sich zu verkleiden und aufzubrezeln. Wer sich sein Kostüm selbst zusammenstellt oder anfertigt, kann dabei zudem seine Kreativität voll ausleben

Was die Verkleidung mit uns macht

Das Spannende am Verkleiden ist aber nicht nur die Reaktion der anderen Menschen auf unser Kostüm: Die Verkleidung hat auch Rückwirkung auf unsere Gefühle und unser Verhalten – oft ohne, dass wir uns dessen bewusst sind. "Allein durch das Tragen eines Piratenoutfits entstehen Gefühle, die wir mit dem Piratendasein assoziieren. Wir denken und bewegen uns dann auch anders als im Feenkleidchen oder im Anzug", sagt Mierke.

Wer zu Karneval in ein Kostüm schlüpft, verwandelt sich deshalb auch innerlich ein wenig und wird seiner Rolle unwillkürlich ähnlicher. Psychologische Studien zeigen, dass Kleidung über das Tragegefühl auf der Haut und den mit ihr assoziierten Rollen auch unbewusste Prozesse in unserem Gehirn beeinflusst. "Trugen Teilnehmerinnen eines Versuchs einen Blazer, wurde eine seriösere Haltung und Gefühle von Macht und Kompetenz aktiviert", berichtet Mierke. Das sei auch auf Kostüme übertragbar.

NPO / Universität der Bundeswehr München, Hochschule Fresenius, 04.03.2019
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