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Klarträume: Träumst du noch oder fliegst du schon?

Der Spielfilm „Inception“ hat es vorgemacht: Bestimmte Träume können aktiv beeinflusst werden. Durch den Film haben Klarträume – so werden sie offiziell genannt – einen Boom im Netz und auf Social Media erfahren. In aktiven Träumen können Schlafende Abenteuer erleben, Fähigkeiten trainieren und sogar Angstgegner besiegen. Allerdings erfordert das erst ein gewisses Training. Wie das geht und was das Besondere am Klarträumen ist, untersuchen Wissenschaftler schon länger.

Auf Traumreise
Träume bewusst steuern. Das klingt im wahrsten Sinne des Wortes traumhaft.

Bei Klarträumen, die auch luzide Träume genannt werden, wissen die schlafenden Personen, dass sie gerade träumen. Dadurch können sie die Geschehnisse aktiv beeinflussen. Erstmals wurde das 1975 gezeigt, als ein Proband im Schlaflabor in seinem Traum bewusst hin- und herschaute. Die Wissenschaftler konnten auch von außen beobachten, dass sich die Augen des Träumenden mitbewegten. In den 1980er Jahren konnte ein Sportwissenschaftler im Traum sogar Einrad und Skateboard fahren üben und sich so auch in echt verbessern.

„Für die Traumforschung war das unglaublich spannend, weil man erfuhr, was alles möglich ist“, sagt Michael Schredl, Leiter des Schlaflabors im Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit. In anderen Studien konnten beispielsweise Dart-Spieler ihre Treffsicherheit im Traum verbessern.

Was macht Klarträume so besonders?

Doch nicht jeder Traum ist auch ein bewusst beeinflussbarer Klartraum. „Spontanes luzides Träumen ist sehr selten“, sagt Schredl. Viele Menschen erleben dieses Phänomen nur extrem selten oder sogar überhaupt nicht. Bei anderen tritt diese spezielle Form des Träumens nur ein paar Mal pro Jahr auf.

Was aber unterscheidet das Klarträumen vom normalen Traumschlaf? Studien legen nahe, dass dafür das Stirnhirn, auch frontaler Cortex genannt, eine entscheidende Rolle spielt. Dieses Hirnareal ist im Wachzustand für die kritische Bewertung von Geschehnissen zuständig und im Schlaf normalerwiese inaktiv. Das sorgt auch dafür, dass wir unsere Traum-Erlebnisse nicht hinterfragen und uns selbst unmögliche Dinge als normal erscheinen.

Bei Klarträumen ist das anders: Das Stirnhirn ist dabei deutlich aktiver, wie Hirnscans belegen. „Es ist, als wäre ein Teil des Gehirns plötzlich ein wenig wacher, während der Rest weiter schläft“, erklärt Ursula Voss von der Universität Bonn, die schon vor Jahren an Klarträumen geforscht hat.

Schlaflabor
Mittlerweile ist es möglich, Klarträume mit Hilfe elektrischer Hirnstimulation gezielt zu erzeugen.

Den Angstgegner im Schlaf besiegen

Studien zeigen auch, dass sich die Häufigkeit von Klarträumen gezielt steigern lässt. Auch eine Reizung des Stirnhirns durch schwache elektrische Ströme kann Klarträume provozieren. Allerdings muss auch dann die Fähigkeit, diese Träume bewusst zu steuern, erst trainiert werden. „Vergleichbar mit dem Meditieren braucht man einige Zeit, um im Traum zu erkennen, dass man träumt und sich auf die Aufgaben, die man gerne umsetzen möchte, zu fokussieren“, sagt Schredl.

Gelingt dies, können Klarträumende nicht nur steuern, was sie im Traum erleben und Fähigkeiten mental trainieren, auch wiederkehrende Alpträume können so überwunden werden. „Man kann den Alptraum in eine völlig andere Richtung lenken,“ erklärt Schredl. So könne man sich beispielsweise Helfer dazu holen, um den Angstgegner zu besiegen. Um so weit zu kommen, ist allerdings viel Training nötig.

Für die meisten Klarträumer steht aber der Spaß im Vordergrund. Michael Schredl kann das gut verstehen: „Es ist toll morgens aufzuwachen und etwas Faszinierendes geträumt zu haben, etwas was man schon immer mal machen wollte. Das ist vergleichbar mit einem Drogenrausch, nur ganz ohne Nebenwirkungen.“ Ganz oben auf den meisten Traum-Wunschlisten steht übrigens das Fliegen.

Zehn Minuten pro Nacht

Manche Studien zeigen, dass sogar die Stimmung am Tag verbessert wird, wenn man nachts einen Klartraum hatte. Obwohl das Gehirn in dieser Zeit deutlich aktiver war, ist der Schlaf nicht weniger erholsam. Das hängt auch damit zusammen, dass die Klarträume insgesamt nur knapp zehn Minuten der gesamten Nacht einnehmen.

JFL, 15.10.2021
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