Lexikon
Eurọpa
20. Jahrhundert
Der daraus folgende Zusammenbruch der Monarchien in Deutschland, Österreich, Russland und der Türkei verwandelte das Bild des Kontinents entscheidend. Ein System der kollektiven Sicherheit sollte künftig den Frieden garantieren. Die Kolonialreiche Großbritanniens und Frankreichs erreichten jetzt ihre größte Ausdehnung, doch war diese Ordnung von innen bedroht. Der Freiheitswille der Kolonialvölker spielte dabei eine ebenso große Rolle wie die Verschuldung der europäischen Mächte an die USA und der Aufstieg Japans zur führenden Wirtschafts- und Militärmacht Ostasiens. In Europa selbst war das in den Pariser Vorortverträgen geschaffene System dadurch gefährdet, dass die Vorherrschaft Frankreichs nur so lange zu halten war, wie Deutschland und Russland darniederlagen.
Die Tatsache, dass in Russland 1917 der Bolschewismus gesiegt hatte, erschien dem bürgerlichen Europa als eine Bedrohung. Man sah den Faschismus in Italien und Deutschland als das geringere Übel an, der Aufstieg des nationalsozialistischen Deutschlands wurde daher von den Westmächten hingenommen. Die britische Appeasementpolitik war der Versuch, die Vorherrschaft Europas in der Welt durch Vermeidung eines Konflikts mit Deutschland zu sichern. Der Versuch scheiterte aber an der Gewaltpolitik Hitlers. Im Zweiten Weltkrieg schied Europa als gestaltende Kraft der Welt aus. In einem von den USA geförderten Prozess zerfielen die Kolonialreiche der Holländer, Franzosen, Belgier und wandelte sich das Commonwealth in einen lockeren Staatenverband. Die USA und die UdSSR hatten Europas Erbe angetreten. Die Trennungslinie zwischen den Interessensphären der beiden Großmächte ging mitten durch Europa.
Nach 1945 entstand unter dem Eindruck der sowjetischen Bedrohung im Westen eine Europabewegung. Auf wirtschaftlichem Gebiet setzte die Erholung mit dem Marshallplan (1947) ein. 1957/58 bildete sich die aus der Montanunion (1951) hervorgegangene Europäische Gemeinschaft (EG). Als Gegengewicht entstand im Osten das COMECON.
Eine entscheidende Wende in der Geschichte Europas wurde durch die Reformpolitik, die M. Gorbatschow seit 1985 in der UdSSR betrieb, eingeleitet. Die Demokratisierung in Osteuropa führte zum Zusammenbruch des Kommunismus, zur deutschen Wiedervereinigung und 1991 zur Auflösung der Sowjetunion. Damit war die politische Blockbildung in Europa beendet. Durch das Auseinanderbrechen Jugoslawiens sowie durch Transformationsschwierigkeiten in den ehemaligen Ostblockstaaten bildeten sich rasch neue europäische Problemfelder. Die Tschechoslowakei zerfiel in zwei unabhängige Staaten (seit 1993 Tschechische Republik und Slowakei). Die EG-Mitglieder trieben durch den Vertrag über die Europäische Union die politische Integration weiter voran. Eine Friedensregelung für Bosnien-Herzegowina konnte 1995 (Abkommen von Dayton) nur durch US-amerikanische Vermittlung gefunden werden. Der Kosovo-Krieg 1999 zeigte, dass in Südosteuropa nach wie vor erhebliches Konfliktpotenzial besteht. Die von der Europäischen Union und der NATO vollzogene Osterweiterung soll die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Strukturen in Europa langfristig stabilisieren, ohne dabei die Interessen Russlands zu missachten.
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