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Second Screen und Social TV – Internet und Fernsehen kommen sich näher

Vielleicht kennen Sie das ja auch: Man sitzt vor dem Fernseher, aber eigentlich chattet, twittert oder surft man durchs Internet. „Second Screen“ nennen Experten diesen Trend, also „zweiter Bildschirm“. Und gleichzeitig wird das Fernsehen dabei immer mehr Gegenstand von Posts und Tweets im Netz: „Social TV“ wird zur Möglichkeit des Mitspracherechts im Fernsehen.
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Relativ gängig ist die Nutzung des Internet als 'Zusatzkanal'

Darrin Klimek / thinkstock

Hashtag Tatort

Man sieht es nahezu überall: das Hashtag. Twitter wie auch Facebook sind Plätze der Kommunikation und des Austausches geworden und natürlich wird auch darüber gepostet, wie man Seriencharaktere findet, wer Topmodel werden soll oder wer Sonntagsabend der Täter ist: #HowImetYourMother, #GNTM, #Tatort. Mit Hilfe der sozialen Netzwerke wird über des Deutschen Lieblingsbeschäftigung gezwitschert und kommentiert. Und die Posts, die die Zuschauer verbreiten, werden für Viele interessanter als die Mattscheibe selbst.

Aus der Not machten die Fernsehproduzenten eine Tugend und erkannten das Potenzial, das in diesem Verhalten liegt: Sie versuchen mehr und mehr, ihre Zuschauer einzubinden und durch soziale Netzwerke live miteinander in Kontakt zu bringen. Dort wird gelobt, kritisiert und natürlich gelästert.

Doch die Möglichkeiten des „Social TV“ gehen noch weiter – in der Theorie zumindest: Die enge Vernetzung von Web und TV könnte beispielsweise für ein interaktives Fernsehprogramm genutzt werden, bei dem die Zuschauer via Internet sogar Handlungsstränge beeinflussen können. Das allerdings sind Träume, die in der Umsetzung und Technik meistens scheitern – noch.

"Mehr Infos im Netz"

Schon relativ gängig ist die Nutzung des Internet als "Zusatzkanal". Sender nutzen den Second Screen gezielt, um Zuschauer auf ihre Internetseiten oder Plattformen der sozialen Netze zu locken. Belohnt werden diese dort  mit Zusatzinformationen, beispielsweise Livekommentaren von Seriendarstellern, Torschüssen aus anderen Blickwinkeln und Extramaterial zu Filmen und Serien. Anwender erlangen dadurch einen Mehrwert, den die „reinen“ Fernsehzuschauer nicht haben.

Die Idealform des Social TV wäre dann wohl die Möglichkeit, soziale Netzwerke und das Fernsehprogramm direkt auf dem Bildschirm im Wohnzimmer zu verbinden. Das rückt mit den immer verbreiteteren Smart-TVs, die einen Internetanschluss haben, in immer größere Nähe. Dann spräche man nicht mehr von Second-Screen-Szenarien, sondern nur noch von Single-Screen-Szenarien.

Das Timing ist entscheidend

So eine Idee steht und fällt jedoch mit der Technik. Christian Timmerer, Forscher im Bereich „Multimedia Communication“ an der Universität Klagenfurt, erklärt: „Für den Erfolg von Social TV ist entscheidend, dass das Abspielen der Medien und die Echtzeitkommunikation zwischen vielen Nutzern an verschiedenen Orten mit verschiedenen Netzwerk-Voraussetzungen gut funktioniert.“

Man nehme das Beispiel Fußball: Niemand möchte durch das Internet erfahren, dass Sekunden später ein Tor fallen wird, nur weil die Internetverbendung schneller ist als die Satellitenverbindung. Oder das ersehnte Staffelfinale wird plötzlich gepostet und ruiniert so unsere ganze Spannung. Dies wäre eine Innovation, die keiner braucht.

Der Zuschauer als „Team Deutschland“

Der nächste Schritt ist die direkte Interaktion von Zuschauer und Fernseher: Nutzer haben dann direkten Einfluss auf das Geschehen im Flimmerkasten. So werden ihre Kommentare beispielsweise in der Show aufgefasst, sie beeinflussen das Weiterkommen in Castingshows oder können an Quizshows teilnehmen. Genauso tastete sich die ARD an das interaktive Fernsehen heran: Vom Sofa aus mitraten und Geld gewinnen - ohne sich ins Studio bequemen zu müssen.

Bereits im Jahr 2014 startete die Show „Quizduell“ im Ersten. In der Theorie sollten Zuschauer, die im Besitz der gleichnamigen App waren, die Fragen gleich mitbeantworten können. Die Erwiderungen aller Mitspieler flossen in einem Pool aus Antworten zusammen und standen Aussage gegen Aussage mit der Antwort des Teilnehmers in der Sendung: „Schwarmintelligenz“ gegen den Einzelnen.

„Die erste interaktive Quizshow der Welt“, nannten die Macher die Show. Mit der Aussage lehnten sie sich weit aus dem Fenster und mussten eingestehen, dass der Sturz, der folgte, hart und unangenehm war. Denn an der Technik, die den Quizmaster Pilawa und die Zuschauer immer wieder im Stich ließ, scheiterte das Experiment.

Neues Jahr, neues Glück

Im Februar dieses Jahres ging die Serie mit verbesserter App an den Start, dieses Mal ganz ohne Komplikationen. Auch ein Jahr später steht fest: Das Prinzip ist neu. Dass es sehr neu ist und die Zuschauer des Ersten oft nicht mehr die technikaffinsten sind, merkt man am Werbevideo für die App. Das Video ist zwar ansprechend und hip gestaltet, aber man wird das Gefühl nicht los, dass die ARD ihrer Oma hier das Handy neu erklärt: „Auf dem Sofa sitzen, Fernseher gucken und dabei auch noch mit dem Smartphone daddeln. Ist denn das möglich, geht denn das überhaupt? Ja, das geht, und das Beste, Sie können dabei sogar Geld gewinnen.“ Irgendwie verblüffend und unerwartet, dass gerade ein Fernsehsender, dessen Zuschauergruppe in der Regel 60 Jahre alt ist, ein Vorreiter der neuen Technologie wird.

Zwischen willkommener Werbung und Shitstorm

Wo aber ist der Mehrwert dieser Verschmelzung von TV und sozialen Medien für die Fernsehsender? Der Verbreitungseffekt: "Wer twittert und postet, wird zur unbezahlten Arbeitskraft für die Werbeabteilung der Sender", sagt Christoph Neuberger, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Und dabei mischen schon lange nicht mehr nur die Zuschauer mit, sondern auch große Online-Redaktionen. Diese fassen etwa die provokantesten und polarisierendsten Posts zum Tatort zusammen und machen daraus noch einmal einen Artikel. 

Was für die Zuschauer Spaß und für die Sender Werbung ist, kann für die Schauspieler und Teilnehmer von Shows dann schnell zum sogenannten „shitstorm“ werden: Es regnet Beleidigungen. Dass die extremsten Meinungen sich im Netz besonders gut verbreiten, ist klar, trotzdem bekommt man schnell das Gefühl, hier würde von einem einheitlichen deutschen Meinungsbild gesprochen werden. Dabei liegt oft eine ziemlich große Spanne zwischen den Nutzern von sozialen Netzwerken und der gesamten Zielgruppe einer Fernsehshow.

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