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Einsamkeit – Wenn uns die Bindung zu anderen fehlt

Kontaktbeschränkungen, Abstand halten und viel Zeit zu Hause – die Maßnahmen zum Schutz vor neuen Corona-Infektionen dauern weiter an. Sich von Freunden und Verwandten zu isolieren, fällt uns besonders in der Vorweihnachtszeit schwer. Und das macht sich bei vielen bemerkbar: Wir sind oft trauriger und fühlen uns auch körperlich unwohl. Aber was steckt dahinter und was kann man dagegen machen?

Symbolbild Feier
Weihnachten wird 2020 für viele Menschen anders aussehen. Eine Regel gilt allerdings auch dieses Jahr: keine zu hohen Erwartungen!

Freunde zu treffen, Familienfeiern halten und mit den Nachbarn auf der Straße plaudern: Wir Menschen sind bekanntlich soziale Wesen. Und das von Geburt an, denn Neugeborene können ohne den Kontakt zu anderen Menschen nicht überleben. Die Bindung zur Mutter und anderen Bezugspersonen ist auch danach für eine gesunde Entwicklung eines Kindes von enormer Bedeutung. Sie gibt uns Sicherheit und Geborgenheit und wir lernen wichtige Verhaltensweisen und Fertigkeiten, um uns in der Gesellschaft zurechtzufinden.

Gemeinschaft als Bedürfnis

Ohne Sozialkontakte geht’s nicht: Ab dem Kindergartenalter entwickeln sich in allen menschlichen Kulturen Freundschaften und Beziehungen. Auch für die meisten Jugendlichen sind solche Kontakte ein grundlegendes Bedürfnis. Und das hält bis ins Erwachsenenalter an, denn Ältere fühlen sich in der Gruppe mit Bekannten und Freunden häufig ebenso wohler als alleine.

Bindungen zu anderen einzugehen, ist laut Experten eine ganz typische Eigenschaft des Mensch-Seins. Soziale Zusammenarbeit, die Fähigkeit zur Empathie oder den uneigennützigen Einsatz für andere sind zentrale Kennzeichen der menschlichen Kultur. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass wir einander helfen, anderen Beistand leisten und uns beschenken. Im Kreise der Familie, einer Gruppe oder der Gesellschaft entsteht dadurch das besondere Wir-Gefühl.

Krankmacher Einsamkeit

Fehlt uns die soziale Bindung oder fühlen wir uns einsam, macht sich das schnell bemerkbar. Denn wir leiden psychisch darunter, indem wir beispielsweise trauriger sind, uns entfremdet oder zurückgelassen fühlen und kein Selbstvertrauen haben. Manche Betroffene entwickeln sogar Depressionen oder Angstzustände.

Aber Einsamkeit hat auch körperliche Effekte: Die Studie eines Forscherteams um Lianne Kurina von der University of Chicago belegt, dass einsame Menschen zum Beispiel schlechter schlafen. Einige Experten konnten zudem nachweisen, dass man auch mehr Stress spürt und Schmerzen als schlimmer empfindet. Zudem hemmt die Einsamkeit das Immunsystem und fördert Entzündungen, so dass Betroffene leichter krank werden. Vermutungen zufolge könnte die soziale Isolation sogar dazu führen, dass wir schneller altern.

Symbolbild Isolation
Für immer mehr Menschen aller Altersgruppen sind die Zumutungen der Corona-Pandemie nicht nur eine Geduldsprobe, sondern auch eine Zeit großer psychischer Belastungen.

Hochphasen der Einsamkeit

Besonders betroffen von Einsamkeit sind ältere Menschen, die zum Beispiel ihren Partner und Freunde verloren haben, nicht mehr alleine unterwegs sein können oder sich etwa im Altenheim fremd und isoliert fühlen.

Untersuchungen zufolge gibt es aber auch in jungen Jahren besonders einsame Lebensphasen. Demnach leiden Menschen mit Ende 20 offenbar häufig unter Einsamkeit. In dieser Phase des Lebens kommt es oftmals zu bedeutenden Umbrüchen in den sozialen Beziehungen, wenn man zum Beispiel seinen Heimatort fürs Studium oder den Beruf verlässt oder die ersten Paare im Freundeskreis Kinder bekommen. Eine weitere sensible Lebensphase ist laut der Experte das Alter um Mitte 50 – dann, wenn beispielsweise die Kinder das elterliche Nest verlassen und man sich in keiner anderen Gruppe zugehörig fühlt.

Pandemie der Einsamkeit

In diesem Jahr allerdings betrifft das Problem der  sozialen Isolation weit größere Teile der Bevölkerung – unabhängig vom Alter. Denn aufgrund der Corona-Pandemie haben Millionen Menschen ihre sozialen Kontakt stark eingeschränkt. Erste Untersuchungen wie etwa die Studie des Bundes für öffentliche Verwaltung zeigen bereits, dass nach einer Quarantäne zum Beispiel die Häufigkeit von Angst- und Schlafstörungen sowie Depressionen bei Frauen und Männern jedes Alters höher ist.

Insbesondere Menschen, die alleine leben und nicht arbeiten können, trifft die Einsamkeit während eines Lockdowns am stärksten, so Experten. Außerdem werden Suchtkranke schneller wieder rückfällig: Eine Erhebung von Forsa - der Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen - ergab, dass etwa ein Viertel der Menschen mit ohnehin problematischem Alkoholkonsum seit Beginn der Corona-Pandemie noch mehr trinken. Und auch Suchtberatungsstellen werden häufiger aufgesucht, um gegen eine Abhängigkeit anzukämpfen.

Selbst die Jüngsten betrifft die Einsamkeit: Laut der internationalen Studie COVID KIDS von Forschern um Sachsa Neumann von der Universität Tübingen sind 53 Prozent der 3.000 befragten Kinder und Jugendlichen in der Pandemie unzufrieden. Am meisten fehlen den Kindern dabei Freunde und Personen aus dem familiären Umfeld.

Mann beim Sykpen
Was die Pflege sozialer Kontakte angeht, raten Wissenschaftler eher zum Telefonieren und Video-Chatting als zur Nutzung sozialer Medien.

Was kann man dagegen tun?

Experten empfehlen, sich seinen Alltag trotz der veränderten Umstände durchzuplanen, zu strukturieren und auch zu festen Zeiten aufzustehen und ins Bett zu gehen. Dabei hilft es, sich bestimmte Tätigkeiten, wie etwa einen Spaziergang, singen, kochen oder zeichnen, fest in den Tagesplan einbauen und sich damit ablenken. Wer nicht unter Quarantäne steht, sollte sich regelmäßig auch außerhalb der Wohnung bewegen. Neben Spaziergängen können auch Joggen oder Radfahren gute Ablenkungen sein, die zudem fit halten.

Was die sozialen Kontakte angeht, raten Wissenschaftler eher zum Telefonieren und Video-Chatting als nur der Nutzung von sozialen Medien  Denn letzteres macht viele oft eher unglücklicher, weil sie zum Beispiel nicht die Stimme der Freunde hören und es leichter zu Missverständnissen kommt. Beim Austausch mit den Freunden und der Familie ist es auch ratsam, nicht unbedingt über die Pandemie, sondern über andere Themen zu sprechen. Eine Möglichkeit ist es, beispielsweise gemeinsam einen Urlaub für die Zukunft nach dem Lockdown zu planen.

Fühlt man sich dennoch sehr einsam, kann auch die Telefonseelsorge eine Unterstützung sein. Hier kann man rund um die Uhr anonym anrufen, seine Probleme schildern und bekommt im Gespräch mit einem Experten Ratschläge. Auch Selbsthilfegruppen sind mancherorts unter bestimmten Maßnahmen während des Lockdowns möglich.

Frau beim Entspannen mit Lesegerät und Hauskatze
Wissenschaftler konnten in zahlreichen Studien belegen, dass Haustiere tatsächlich Einsamkeit lindern.

Haustiere gegen Einsamkeit

Und wer trotzdem nicht mit dem Alleinsein zurechtkommt, könnte auch darüber nachdenken, sich ein Haustier anzuschaffen: Wissenschaftler konnten in zahlreichen Studien belegen, dass Haustiere von ihren Haltern nicht nur als vollwertige Familienmitglieder wahrgenommen werden, sondern auch tatsächlich Einsamkeit lindern. „Haustiere erfüllen ganz wesentliche Bedürfnisse des Menschen, vor allem das wichtige Bedürfnis nach Nähe, Zuwendung, Geborgenheit und Trost", erklärt Sandra Wesenberg von der Technischen Universität Dresden.

Der Grund: Die Tiere sind einerseits geduldige Zuhörer und andererseits freuen sie sich zum Beispiel, einen zu sehen. Das Streicheln von Katze, Hund und Co. kann zudem entspannend wirken und Stress mindern, so die Forscherin. Allerdings sollte man sich vor der Neuanschaffung eines Haustiers gut überlegen, ob man ihm auch nach Ende der Pandemie-Maßnahmen genug Zeit und Aufmerksamkeit widmen kann.

Klar scheint: Emotionale Unterstützung – sei es durch Kommunikation mit Freunden und Verwandten oder durch ein Haustier – bleibt gerade in der Pandemie besonders wichtig.

ABO, 11.12.2020
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