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Funkstille in der Familie

Entfremdung zwischen erwachsenen Kindern und ihre Eltern

Selbst wenn es in der Familie immer mal zum Streit kommt: Oft hält die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern ein Leben lang. Doch es gibt Fälle, in denen sich die Generationen entzweien. Oft brechen dann die erwachsenen Kinder den Kontakt zu Mutter oder Vater ab und es herrscht Funkstille. Wie oft ein solcher Kontaktabbruch vorkommt und welches die häufigsten Gründe dafür sind, haben nun Wissenschaftler untersucht.

Symbolbild Entfremdung
Entfremdung ist ein häufiges Phänomen in der Eltern-Kind-Beziehungen.

Die Liebe zu Mutter oder Vater gilt in den meisten Kulturen als hohes Gut und der gegenseitige Kontakt und das Kümmern als selbstverständlich. Sich im Alter um die Altern zu kümmern, ist gängiger Ansicht nach Familiensache und quasi der Ausgleich für die Fürsorge, die die Kinder in ihrer Jugend von ihren Eltern erfahren haben. Selbst wenn es oft Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten gibt, rauft man sich zusammen und hält sich aus – meist jedenfalls.

Entfremdung zwischen Eltern und Kind

Doch es gibt auch andere Fälle:  In einigen Familien kommt es zur Entfremdung und zum Kontaktabbruch zwischen den erwachsenen Kindern und einem oder beiden Elternteilen. Gerade für ältere Eltern kann dies zu einer erheblichen psychischen und seelischen Belastung führen: In einem Alter, in dem ohnehin viele ältere Menschen mit Einsamkeit zu kämpfen haben, sind dann auch die Familienbande geschwächt oder sogar gerissen.

Wie aber kommt es zu einem solchen Bruch? Und wie oft kommt dies vor? Das haben nun Oliver Arránz Becker von der Universität Halle-Wittenberg und Karsten Hank von der Universität zu Köln untersucht. Dafür werteten sie die Daten von mehr als 10.000 Menschen aus einer seit 2008 in Deutschland laufenden Langzeitstudie zu Familien und Beziehungen aus. Im Speziellen interessierten die Forscher dabei, ob und warum Männer und Frauen im Alter von 18 bis 45 Jahren von ihren Eltern entfremdet sind. "Wenn Kind und Elternteil weniger als einmal im Monat Kontakt haben und sich dann auch noch emotional nicht nahestehen, bezeichnen wir das als Entfremdung", erklärt Becker.

Häufiger man denkt

Es zeigte sich: Funkstille in der Familie kommt deutlich häufiger vor als man glaubt: In Deutschland betrifft dies jede fünfte Vater-Kind-Beziehung und knapp jede zehnte Beziehung zwischen Kindern und ihren Müttern. Das bedeutet, dass immerhin rund 20 Prozent der Erwachsenen im jungen und mittleren Alter eine zumindest zeitweise gestörte Beziehung zu ihrem Vater haben. Mit der Mutter ist eine solche "Funkstille" dagegen nicht einmal halb so häufig.

"Dies lässt sich damit erklären, dass die Bindung zur Mutter oft enger ist als zum Vater", erklärt Hank. Auch in der heutigen Zeit sind es häufiger die Mütter, die sich verstärkt um die Familie und ihren emotionalen Zusammenhalt kümmern und die bei Konflikten als Schlichterinnen auftreten. Dadurch kommen auch später Entfremdungen zu den Kindern seltener vor. Allerdings: Umgekehrt spielt das Geschlecht keine Rolle: Ob es sich beim Kind um einen Sohn oder eine Tochter handelt, macht in puncto Entfremdung keinen Unterschied, wie die Studie ergab.

Mutter und Tochter
Lichtblick: In vielen Fällen kommt es nach Entfremdung und Kontaktabbruch irgendwann wieder zu einer Versöhnung oder zumindest einer Annäherung.

Was sind die Ursachen?

Aber warum kommt es überhaupt zu einer solchen Entfremdung? Und welche Familienkonstellationen sind besonders anfällig? Wie die Wissenschaftler erklären, tritt eine Entfremdung besonders dann ein, wenn die Familienstruktur ohnehin schon geschwächt ist - beispielsweise, weil sich die Eltern in der Jugendzeit der jetzt erwachsenen Kinder getrennt haben oder weil ein Elternteil gestorben ist.

"Das ist durchaus überraschend. Man würde eigentlich vermuten, dass die Bindung nach einem solchen Ereignis enger wird, aber tatsächlich wird sie eher schlechter", sagt Arránz Becker. Wie er und sein Kollege erklären, führt ein solcher Verlust eines Elternteils oft dazu, dass die Kinder dies durch eine verstärkte Selbstständigkeit und ein schnelles Erwachsenwerden kompensieren: Aus der Erfahrung heraus, dass sie sich selbst auf die Präsenz des Vaters oder Mutter nicht verlassen können, entwickeln die Kinder eine größere Distanz auch zum verbleibenden Elternteil.

Wenn die Eltern nach einer Scheidung jeweils neue Partner finden, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Wenn die Beziehung zu einem Stiefelternteil schlecht ist, geht das häufig auch mit einer Entfremdung vom leiblichen Elternteil einher.  Ebenfalls eine Rolle spielt jedoch, wie stark die erwachsenen Kinder sich den traditionellen Normen zur Mutter- beziehungsweise Vaterliebe verpflichtet fühlen.

Immerhin: In vielen Fällen kommt es selbst nach Entfremdung und Kontaktabbruch irgendwann wieder zu einer Versöhnung oder zumindest einer Annäherung: In der Studie war dies bei 62 Prozent der gestörten Beziehungen zur Mutter das Fall und bei 44 Prozent der Entfremdungen vom Vater.

NPO / Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 29.10.2021
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