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Internetwahlen & Co. – Alternativen zum klassischen Urnengang

Sonntag, der 22. September 2002: Millionen von Deutschen machen sich auf den Weg in Grundschulen und Turnhallen, um ihre Stimmen zur Bundestagswahl abzugeben. Könnte das nicht auch ganz anders aussehen? Immerhin gibt es in Deutschland über 30 Millionen Internetnutzer, Tendenz steigend. Insbesondere angesichts der zunehmenden Mobilität der Wahlbevölkerung haben sich Forscher auf die Suche nach flexibleren Möglichkeiten zur Stimmabgabe gemacht.

eVoting

“Schulen ans Netz und “Internet für alle unterstützt von staatlicher Seite setzt das Internet auch in Deutschland seinen Siegeszug fort. Wie wäre es also mit “eVoting, der bequemen Stimmabgabe per Internet? Selbst diejenigen, die keinen eigenen PC besitzen, sind heutzutage größtenteils mit der Benutzung von Computern vertraut sei es am Arbeitsplatz, am Geldautomaten oder an der Zapfsäule, wo mit einer Bankkarte bargeldlos bezahlt werden kann.

Und so könnte das ganze aussehen: Alle wahlberechtigten Bürger erhalten eine Chipkarte mit einer individuellen digitalen Signatur, ein Lesegerät und Wahlsoftware, die auf jedem Computer installierbar ist. Und schon kann es losgehen. Nach Eingabe der Chipkarte und der Identifikation des Wählers wird gewählt, die Stimme fließt in eine virtuelle Wahlurne und kann nach Schließen der (virtuellen) Wahllokale in Sekundenschnelle ausgewertet werden. Gewählt werden kann von zu Hause aus oder in öffentlichen Wahlkabinen.

So oder ähnlich die Vision von Professor Dieter Otten, dem Leiter der seit Oktober 1998 an der Universität Osnabrück bestehenden “Forschungsgruppe Internetwahlen. Dabei handelt es sich keineswegs um graue Theorie oder visionäres Spinnen. Im Februar 2000 konnte Otten sein System “i-vote, das unter anderem in Zusammenarbeit mit dem TrustCenter in Hamburg erstellt wurde, unter Beweis stellen. Bei den Wahlen zum Studierendenparlament an der Universität Osnabrück wurde den Wahlberechtigten die Online-Wahloption geboten. Knapp 500 Studenten nahmen das Angebot an, wurden mit Chipkarte inklusive Signatur, Lesegerät und Software ausgestattet und gaben ihre Stimme ab mit Erfolg: Komplikationen, Betrugsversuche oder fehlerhafte Stimmauszählungen gab es anscheinend nicht.

In solchen Pilotprojekten soll die vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung unterstützte Forschungsgruppe die tatsächliche Umsetzbarkeit von Internetwahlen prüfen. Technische Belange stellen dabei nur einen Teilaspekt dar; wichtig sind auch juristische und politische Voraussetzungen, die vor einer potenziellen bundesweiten Internetwahl zu klären sind.

 

Pro Internetwahlen

Die Vorteile von Internetwahlen liegen auf der Hand: Die Stimmabgabe ist bequemer, das Ergebnis kann schneller festgestellt werden, die Wählermotivation könnte einen großen Schub erhalten, das Interesse an demokratischen Prozessen könnte ansteigen und auf Dauer, so hofft man, könnten Kosten gespart werden. Ungültige Stimmen wären ein Ding der Vergangenheit, da der Computer auf falsche Eingaben hinweist. Am Ende des Wahlvorgangs, so geschieht es jetzt bereits in Teilen der Niederlande und Brasiliens, wo an Touchscreens abgestimmt werden kann, erhält man eine Übersicht über die Wahlentscheidung und kann auf Wunsch nochmals korrigieren.

Dass das ganze wirklich funktionieren kann, haben Pilotprojekte weltweit belegt. So wurden in den USA im Januar 2000 in Alaska Probewahlen erfolgreich durchgeführt. In Arizona konnten die Mitglieder der Demokratischen Partei ihre Vorwahlen online erledigen. Die Teilnehmerzahl steigerte sich im Vergleich zur letzten Wahl um beeindruckende 676 Prozent. Auch in England wurde bei den diesjährigen Kommunalwahlen Online-Voting erfolgreich durchgeführt.

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