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Können Haustiere mit uns sprechen?

Die meisten Haustierbesitzer haben sich beim Anblick des Lieblings wahrscheinlich schon einmal vorgestellt, wie es wohl wäre, sich mit ihm unterhalten zu können. Würde die Katze sich über das Baden beschweren? Der Hund nach Leckerlis fragen? Eine neue Technologie verspricht, genau das möglich zu machen. Über Knöpfe auf dem Boden sollen Haustiere lernen, mit ihren Besitzern zu sprechen. Funktioniert das wirklich?
AMA, 27.10.2022
Symbolbild sprechende tiere

Kerkez, GettyImages

Wenn der Hund uns die Leine vor die Füße legt, fordert er uns zum Gassigehen auf. Sitzt er beim Abendessen neben dem Tisch und schaut uns mit dem berühmt-berüchtigten Hundeblick an, möchte er einen Leckerbissen abhaben. Unsere Haustiere kommunizieren bereits mit uns und wir haben gelernt, sie auch ohne Worte zu verstehen. Das ist auch der amerikanischen Logopädin Christina Hunger aufgefallen. Daraufhin erfand sie ein System, mit dem Hunde ihre Wünsche und Gedanken noch genauer ausdrücken können – in Menschensprache.

Auch "normale" Hunde können eine ganze Reihe von Verhaltensweisen an den Tag legen, um bei Herrchen oder Frauchen die gewünschte Reaktion hervorzurufen.

Chalabala, GettyImages

Sprechen per Knopfdruck

Die Internet-Berühmtheit Stella steht vor einem großen Brett mit bunten Buzzer-Knöpfen. Der schokobraune Hund mit spitz abstehenden Ohren drückt einen davon und der Buzzer sagt „Spielen“. Stellas Besitzerin Christina erwidert: „Zeit zu spielen? Möchtest du drinnen oder draußen spielen?“ Stella überlegt ein paar Sekunden, wirft einen nachdenklichen Blick auf die Knöpfe und drückt mit der Pfote schließlich jenen Buzzer, der auf das Wort „Draußen“ programmiert ist.

Mehrere hundert Beiträge dieser Art hat Christina Hunger bereits auf ihrem Instagram-Profil hunger4words gepostet. Die Gespräche, die sie mit Stella führt, gehen weit über das hinaus, was man einem Hund auf den ersten Blick zutrauen würde. Stella sagt nämlich nicht nur, wenn sie hungrig ist, spielen oder Gassigehen möchte. Sie erzählt ihren Besitzern auch, wenn ihr etwas besonders gut gefallen hat, sie glücklich ist, Schmerzen hat oder draußen vor dem Fenster etwas bemerkt hat. Sie sagt, dass sie lieber am Strand statt im Park spazieren gehen möchte. Oder dass nicht Frauchen Christina, sondern Herrchen Jake mit ihr spielen soll.

Wie ein Kleinkind kurz vor seinem ersten Wort

Doch auch Stella hat klein angefangen. Logopädin Christina Hunger ist schnell aufgefallen, wie viel der Welpe eigentlich von dem versteht, was im Haus geschieht. Bei Kleinkindern, die kurz vor ihren ersten Worten stehen, lassen sich verschiedene Zeichen deuten, die diesen großen Schritt ankündigen. So nutzen Kleinkinder zum Beispiel Gesten, um die Erwachsenen auf ihre Wünsche aufmerksam zu machen – genau wie Stella. Sie rollte sich auf den Rücken, wenn Christina ihren Bauch kraulen sollte, legte die Pfote auf die Wasserschüssel, wenn sie leer war, oder jaulte, wenn sie Aufmerksamkeit wollte.

Diese Verhaltensweisen sind für Hunde zwar nicht ungewöhnlich, doch mit ihrer sprachtherapeutischen Ausbildung im Hintergrund überlegte Christina Hunger, ob sie es Stella nicht irgendwie ermöglichen könnte, sich noch besser mitzuteilen. In der Arbeit mit Patienten, die sich durch Worte kaum ausdrücken können, verwendet sie häufig iPads mit verschiedenen Symbolen, die die Betroffenen anklicken und so durch die Sprachausgabe des Geräts kommunizieren können.

Sprechende Tiere auf der ganzen Welt

Christina grübelte über einem ähnlichen Gerät für Stella und kam schließlich auf die Idee, Buzzer zu kaufen, die sie mit ihrer eigenen Stimme besprechen konnte. Ein Buzzer mit der Aufschrift „Wasser“ kam neben die Wasserschüssel, „draußen“ neben die Haustür und „spielen“ neben den Korb mit Spielzeug. Stella brauchte eine Weile und viel Unterstützung von Frauchen, um zu verstehen, wie die Buzzer funktionieren, und sich schließlich durch sie mitzuteilen. Doch über die Jahre hat sie große Fortschritte gemacht und kommuniziert jetzt mit einem Brett mit über 50 Buzzern. Sie kann bis zu fünf Wörter miteinander kombinieren, „um einzigartige Sätze zu bilden, Fragen zu stellen und zu beantworten, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken, Beobachtungen zu machen, an kurzen Gesprächen teilzunehmen und jeden Tag mit uns in Verbindung zu treten“, erklärt Christina auf ihrer Internetseite.

Stellas Beispiel sind seitdem Tausende gefolgt. Instagram und TikTok wimmeln vor sprechenden Hunden, Katzen und sogar Pferden. Und die Videos sind beliebt: Stella folgen auf Instagram knapp 800.000 Menschen, ihrer „Kollegin“ Bunny sogar 1,2 Millionen.

Können Hunde wirklich sprechen?

Christina hat für ihre Idee viel Begeisterung, aber auch Kritik geerntet. Die Hundeforscher Clive Wynne von der Arizona State University und Juliane Kaminski von der University of Portsmouth gehen zum Beispiel davon aus, dass Stella und ihre Kollegen nicht wirklich sprechen können, sondern einfach konditioniert sind. Das hieße, dass sie gelernt haben, welche Konsequenzen das Drücken eines Buzzers hat. Sie verstehen wahrscheinlich, dass „draußen“ zur Folge hat, dass jemand mit ihnen Gassi geht oder dass „Wasser“ ihren Wassernapf wieder auffüllt.

Hinzu kommt laut Zoologe Jules Howard, dass die Tierbesitzer womöglich zu viel in die Buzzer-Sprache hineininterpretieren. Dass sie sich vielleicht über einen korrekt formulierten Wunsch so sehr freuen, dass neun zusammenhangslose Buzzer-Kombinationen untergehen. Howard merkt außerdem an, dass auf den sozialen Medien nicht alles so sein muss, wie es scheint. Dass Hundebesitzer vielleicht nur die gelungenen Kommunikationsversuche ihrer Vierbeiner hochladen und andere für sich behalten. Er appelliert: Menschen sollten sich lieber mehr Mühe geben, die (Körper-)Sprache der Hunde zu lernen, statt andersherum.

Dennoch: Abschließend wissenschaftlich geklärt ist die Buzzer-Kommunikation noch lange nicht. Aktuell befindet sich eine Studie der UC San Diego unter dem Titel „They Can Talk“ in den letzten Zügen. Sie untersucht, ob Hunde, die sich mit den Knöpfen Gehör verschaffen, wirklich sprechen oder ob andere Mechanismen zugrunde liegen. Sobald die Studie abgeschlossen ist, wissen wir vermutlich mehr darüber, was unsere geliebten Vierbeiner uns zu erzählen haben. Bis dahin sollten wir uns Mühe geben, das zu verstehen, was sie uns auch heute schon mit Bellen, Schwanz wedeln und anderen Gesten mitteilen wollen.

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