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LEXIKON

ägyptische Kunst

Architektur, Plastik, Malerei und Kunsthandwerk Altägyptens standen in engem Zusammenhang mit religiösen Vorstellungen und hatten besonders dem sehr komplizierten Totenkult zu dienen. Früheste Denkmäler (7.3. Jahrtausend v. Chr.) sind gemalte und gravierte Felsbilder zu beiden Seiten des Niltals mit Menschen- und Tierdarstellungen, Keramikgegenstände mit geometrischen Ritzmustern, weibliche Idolplastiken sowie Kupferarbeiten. Reliefverzierte Schminkpaletten und Steingefäße, Kleinplastiken aus Knochen und Elfenbein sowie rotpolierte Keramiken mit ornamentalen und figürlichen Darstellungen sind vom Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. bekannt.
ägyptische Kunst: Museen
Ägyptische Kunst: Museen und Sammlungen (Auswahl)
LandOrtMuseum
ÄgyptenKairoÄgyptisches Museum und Ägyptisches Geologisches Museum
DeutschlandBerlinStaatliche Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz Ägyptisches Museum und Papyrussammlung
LeipzigÄgyptisches Museum der Universität Leipzig
MünchenStaatliche Sammlung Ägyptischer Kunst
GroßbritannienLondonBritish Museum
OxfordAshmolean Museum of Art and Archaeology
FrankreichParisLouvre
ItalienTurinMuseo Egizio (Ägyptisches Museum)
NiederlandeLeidenRijksmuseum van Oudheden
Österreich WienKunsthistorisches Museum/Ägyptische und orientalische Sammlung
USABostonMuseum of Fine Arts
New YorkBrooklyn Museum
Metropolitan Museum of Art
Die frühgeschichtliche Kunst Ägyptens beginnt um 3000 v. Chr. und umfasst etwa 300 Jahre (Thinitenzeit, 1. u. 2. Dynastie). Hauptwerke dieser Periode sind Schminkpaletten aus Schiefer, ferner Kalksteinstatuen des Gottes Min aus Koptos, die Keule des Königs Narmer, auf altorientalische Stileinflüsse deutende Wandmalereien in einem Grab in Nechen-Hierakonpolis (Oberägypten) und die Königsgräber von Abydos vom Ende der 1. Dynastie.
Gewisse Stileigentümlichkeiten der ägyptischen Kunst, z. B. das Fehlen der Perspektive, gehen auf traditionsgebundene Gedankengänge und magische Vorstellungen zurück, die eine andere als die durch Überlieferung geheiligte Gestaltung unmöglich machten. Wichtigste, fast ausschließliche Aufgabe der Kunst war die Veranschaulichung religiöser Vorstellungen.
Ihre erste Blüte erlebte die ägyptische Kunst im Alten Reich (um 26822191 v. Chr.), der nach einer Epoche des Niedergangs infolge von politischen Revolutionen und Bürgerkriegen (7.10. Dynastie) im Mittleren Reich (ca. 20251794 v. Chr.) eine neue Hochblüte folgte. Bildwerke dieser Zeit zeigen oft Menschen, in deren Gesichtern sich Schmerz und Leid ergreifend spiegeln. Einen dritten Höhepunkt erreichte das altägyptische Kunstschaffen im Neuen Reich (ca. 15501070 v. Chr.). Verglichen mit der in sich gefestigten Stärke des Alten Reichs, war es eine Epoche betont äußerlicher Machtentfaltung, die in gigantischen Tempelbauten zum Ausdruck kam. In Menschendarstellungen dieser Zeit erscheint vielfach, im Gegensatz zu früher, der Ausdruck heiterer Gelöstheit. Neue Wege ging die Kunst von Amarna; sie mündeten in einen naturalistischen Figurenstil mit sanften Linienschwüngen.
Während der 26. Dynastie, um 600 v. Chr., kam es nach Jahrhunderten des künstlerischen Niedergangs zu einer Renaissance mit bedeutenden Kunstleistungen. Auch in der Zeit der Ptolemäer- und Römerherrschaft sind noch beachtliche Werke (Tempelbauten und Statuen) entstanden.

Architektur

Die ägyptische Architektur erreichte sowohl im Holz- wie im Steinbau schon im Alten Reich einen erstaunlichen Grad der Vollendung. Ein bedeutendes Werk der Frühzeit ist die Grabanlage (Stufenpyramide mit umgebendem heiligem Bezirk und Umfassungsmauer) des Königs Djoser in Saqqara, um 2650 v. Chr., die vorbildlich wurde für die monumentalen Pyramidenbauten der 4. u. 5. Dynastie in Medum, Dahschur und Gizeh. Der im Alten Reich vorgebildete Typus des Felskammergrabs verband sich im Grabbezirk des Mentu-hotep (11. Dynastie) bei Theben mit der Grabform der Pyramide, die bis zur 17. Dynastie die bevorzugte Form des Königsgrabs blieb.
Hauptdenkmäler der Architektur des Mittleren Reichs sind die Felsgräber von Beni Hasan und die Pyramiden bei Lischt, Illahun und Haware (El Faiyum). Aus dem Neuen Reich (18.20. Dynastie) sind vor allem bedeutende Tempelbauten erhalten. Dem Kult der verstorbenen Könige dienten Totentempel auf dem linken Nilufer bei der Reichshauptstadt Theben (z. B. für Hatschepsut, Sethos I., Ramses II., Ramses III.), während die Mumien der Herrscher in reich geschmückten Felsengräbern im abgelegenen Tal der Könige beigesetzt wurden. Die größten Sakralbauten jener Zeit sind jedoch die Tempel des Reichsgottes Amun in Theben (Karnak und Luxor). Ein Zug zum Gigantischen, der sich schon unter Amenophis III. ankündigte, fand seine stärkste Ausprägung unter Ramses II. (Felsentempel von Abu Simbel). Ihre letzte Blüte erlebte die ägyptische Architektur in der Spätzeit (Hathortempel von Dendera, Tempel auf Philae), die trotz der Fremdherrschaft durch ein starkes Traditionsbewusstsein gekennzeichnet ist.

Abu Simbel: Großer Tempel

Der Große Tempel von Abu Simbel
Vier jeweils 20 Meter hohe Kolossalstatuen bewachen den Eingang zum Großen Tempel von Abu Simbel. Die Anlage entstand unter Ramses II.

Plastik

In der ägyptischen Plastik gelangten die gleichen Ewigkeitsvorstellungen zum Ausdruck wie in der Architektur. Dazu gehören in der Flachbildnerei der Verzicht auf Perspektive, die vom Rang der Dargestellten abhängige Verteilung der Größenmaße, die Verbindung von Profil- und Frontansichten innerhalb einer Figur und die friesartige Gliederung der Bildfläche in Streifen. Für die Rundbildnerei ist ein seit der Thinitenzeit auftretendes Streben nach monumentaler, blockhafter Geschlossenheit der meist steinernen Statuen typisch. Die Reliefs und Rundplastiken des Alten Reichs tragen meist vielfarbige Bemalungen. Eines der eindrucksvollsten plastischen Hauptwerke des Alten Reichs ist die Sphinx neben dem Chephren-Tempel von Gizeh. Während der 5. Dynastie tritt eine allmähliche Auflockerung der archaisch strengen Formgebung mit z. T. realistischen Zügen ein. Hauptwerke der Rundplastik des Mittleren Reichs sind die Sitzstatuen Mentu-hoteps, Sesostris I. und dessen Gemahlin (12. Dynastie), die stilistisch überleiten zu den durch formale Vereinheitlichung und seelische Ausdruckskraft gekennzeichneten Bildnissen von Sesostris III. und Amenemhet III. In der gleichzeitigen Flachbildnerei verstärkt sich die Neigung zu der bereits in der Chephrenzeit gebräuchlichen Technik des versenkten Reliefs mit betont klarer Umrissführung und wachsender Körperhaftigkeit.
Im Neuen Reich trat der Denkmalcharakter der Plastik zurück zugunsten dekorativer Wirkungen und gesteigerter psychologischer Lebendigkeit. Die Annäherung des Denkbilds an das Erscheinungsbild wird besonders deutlich zur Zeit Amenophis III. und in den Bildnisplastiken der Amarnakunst (Kalksteinbüsten u. a. der Königin Nofretete), während die Herrscherbildnisse der Ramessidenzeit (Felsbilder von Abu Simbel, Sitzstatue Ramses II., Turin) eine Rückkehr zur monumental-blockhaften Gestaltungsform erkennen lassen. Hauptwerke der Flachbildnerei dieser Zeit (18.20. Dynastie) sind Reliefs im Totentempel der Königin Hatschepsut, an den Außenwänden der Säulenhalle von Karnak, in den Gräbern von Amarna und im Tempel von Abydos.

Malerei

Die mit der Reliefkunst in engem Form- und Stilzusammenhang stehende Malerei Altägyptens legt mit zahlreichen Darstellungen auf Leinwand, Holz, Stein, Stuck, Papyrus (Totenbuchillustrationen) u. a. Zeugnis vom Ausmaß der Funktion ab, die sie im Totenkult hatte. Bevorzugt wurden leuchtende, ungebrochene Erdfarben. Die Größenordnung des Dargestellten richtet sich nach dessen Bedeutung, die Geschlechter werden durch unterschiedliche Körperfarben bezeichnet.
Besonders zahlreich erhalten sind Grabmalereien mit kulturgeschichtlich bedeutenden Szenen aus dem Volksleben, die häufig durch Beischriften erläutert sind (Gräber des Nacht, Rechmire, Mencheporreseneb u. a. in Theben). Gegen Ende des Mittleren Reichs vollzog sich ein spürbarer Wechsel von der anfänglichen Vielfarbigkeit zu einer mehr koloristischen, mit feinen Farbabstufungen arbeitenden Darstellungsweise, wobei das landschaftliche Element zunehmend an Bedeutung gewann (Wand- und Deckenmalereien in Amarna, die dekorative Elemente wie Sumpfbilder mit Wasservögeln und -pflanzen bevorzugen). Die Aufnahme hellenistischen Formenguts seit der Ptolemäerzeit spiegelt sich in den zahlreichen mit Wachs- oder Temperafarben auf Holz ausgeführten Mumienbildnissen aus Faiyum wider.

Kunsthandwerk

Erzeugnisse des ägyptischen Kunsthandwerks (Möbel, Salbenlöffel, Gold- und Halbedelsteinschmuck, Keramik) sind vielfach von hohem künstlerischem Niveau. Der Wandel ihrer Schmuckformen folgte der allgemeinen Stilentwicklung.
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