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Mythos IQ – acht Klischees über Intelligenz auf dem Prüfstand

Schlausein ist angeboren und Hochbegabte sind Nerds? Und was verrät eigentlich der Intelligenz-Quotient (IQ)? Gerade um den IQ ranken sich zahlreiche Mythen - aber was ist dran an den gängigen Annahmen über Intelligenz und ihre Messung? Der Psychologe Markus Bühner von der Ludwig-Maximilians-Universität München hat sich acht gängige Klischees zum IQ einmal genauer vorgenommen.

Superhirn
Die Aussagekraft des IQ-Wertes ist zwar begrenzt, ein hoher Wert gilt aber trotzdem oft als Garant für Erfolg und Anerkennung.

Jeder möchte gerne als intelligent gelten, schließlich gilt ein hoher IQ meist als Garant für Erfolg und Anerkennung – oder doch nicht? Ein Gespräch mit dem Psychologen Markus Bühner von der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigt: Viele gängige Annahmen halten einer genaueren Nachprüfung nicht stand.

„Ob 112 oder 144 - jeder hat einen bestimmten IQ.“ – Stimmt das?

Sharon Stone hat angeblich einen IQ von 154, Bill Gates kommt auf 160 und Juri Kasparow sticht sie mit einem Wert von 190 alle  aus. Glaubt man Medienberichten, sind viele Prominente wahre Intelligenzbestien. Nur: „Es gibt nicht den IQ“, sagt Markus Bühner. „Der IQ ist nichts anderes als eine Art Norm, die einen Vergleich ermöglicht.“ Mit dem IQ-Wert werden die Ergebnisse, die jemand in einem Intelligenztest erreicht, mit denen einer Vergleichsgruppe abgeglichen. Er bezieht seine Aussagekraft nur aus dem Bezug zu den IQ-Werten von Personen, die denselben Test gemacht haben und derselben Bevölkerungsgruppe angehören.

„Die Frage ist also immer, in welchem Test und verglichen zu wem ein bestimmter IQ-Wert ermittelt wurde.“ Genaugenommen hat also jeder nicht nur einen, sondern viele IQs – je nachdem, wie viele verschiedene Tests mit welche Vergleichsgruppe man macht: Wer sich etwa als Normalbegabter mit Hochbegabten vergleicht, wird schlechter abschneiden als wenn er seinen IQ in Relation zum Bevölkerungsdurchschnitt ermittelt.

„Ein IQ-Test misst die Intelligenz wie ein Metermaß die Körpergröße.“ – Stimmt das?

IQ-Tests liegen bestimmte Modelle von Intelligenz zugrunde. Was in einem Test erfasst wird, spiegelt das Intelligenzmodell wider, auf dessen Basis der Test entwickelt wurde. In der Regel geht es um logisches Denken, Merkfähigkeit, die Schnelligkeit, mit der Aufgaben gelöst werden. Manchmal wird auch Einfallsreichtum gemessen. Doch nicht jeder IQ-Test misst alle kognitiven Fähigkeiten, oft werden nur einzelne Aspekte untersucht – je nachdem, für welchen Zweck der IQ erhoben wird. Bei beruflichen Auswahlverfahren wird bestenfalls ein IQ-Test mit anderen Personalauswahlverfahren kombiniert, sodass nicht alleine der IQ darüber entscheidet, welcher Bewerber den Job bekommt.

„Man darf sich den IQ nicht wie ein Metermaß vorstellen, in dem Sinne, dass eine Person mit einem IQ von 123 automatisch für eine Position besser geeignet ist als der Mitbewerber, der einen IQ von 119 hat. Im Berufen mit komplexen Aufgaben kann man davon ausgehen, dass alle Kollegen im oberen Durchschnittsbereich liegen, aber natürlich gibt es trotzdem Unterschiede. Ob und wie aussagekräftig die sind, ist eine andere Frage“, sagt Markus Bühner. Übrigens: Je länger man testet, desto genauere Aussagen lassen sich über den IQ einer Person treffen. Beim weltweit führenden IQ-Test, der auf dem Cattell-Horn-Carroll-Modell basiert, dauert das viele Stunden.

„Intelligenz ist angeboren.“ – Stimmt das?

Mal heißt es, jedes Kind könne hochintelligent werden, dann wieder wird behauptet, gegen die Gene könne man nichts ausrichten. In der Debatte, ob Intelligenz angeboren ist, positioniert sich Markus Bühner deutlich: „Die Evidenz zeigt klar, dass ein Teil der Intelligenz angeboren ist. Ob das nun 50 oder 70 Prozent ist, halte ich für unerheblich. Das heißt aber nicht, dass man seine kognitiven Fähigkeiten nicht verändern kann. Man kann aus der Grundausstattung, die man mitbekommen hat, viel oder wenig machen. Zu wissen, dass es bei Intelligenz einen genetischen Anteil gibt, kann also kein Ruhekissen sein, sondern sollte ein Ansporn sein.“ Auch Hochintelligente müssen etwas tun – es fällt ihnen in der Regel nur leichter als ihren Mitmenschen. Das heißt, egal wie hoch der IQ sein sollte: lernen hilft.

„Hochbegabte sind Nerds.“ – Stimmt das?

Was ist dran am „Drama des hochbegabten Kindes“, dem intellektuellen Überflieger, der (oder die) mit dem Alltag und seinen Mitmenschen nicht zurecht kommt? Die schlichte Antwort lautet: nichts. Studien, in denen Kinder über viele Jahre begleitet wurden, zeigen, dass hochintelligente Kinder sich weder in ihrer emotionalen noch sozialen Entwicklung von ihren Altersgenossen unterscheiden. Im Gegenteil, aufs Leben gesehen, scheint eine hohe Intelligenz ein wertvolles Geschenk zu sein: „Studien zeigen, dass intelligente Menschen im Durchschnitt in allen Lebensbereichen erfolgreicher sind.“ Was aber nicht heißt, dass Menschen mit einem durchschnittlichen Intelligenzquotienten weniger erreichen können. Es handelt sich um in Studien ermittelte Durchschnittswerte, für die viele Personen über lange Zeiträume begleitet wurden.

„IQ-Tests kann man nicht üben.“ – Stimmt das?

Zahlenreihen vervollständigen, Figuren merken, Wörter finden: Aufgaben in IQ-Tests wirken sehr systematisch. Dennoch besteht in der Intelligenzforschung Einigkeit darüber, dass man keinen großen Übungseffekt von einem Test auf den anderen Test erzielen kann, nur im Test selbst. Mit den Aufgaben vertraut zu sein oder die Testsituation zu kennen – das sei natürlich von Vorteil, meint Markus Bühner. Dadurch wird man aber seinen IQ nicht nennenswert steigern können.

„Intellektuelle Überflieger machen Karriere.“ – Stimmt das?

In der beruflichen Eignungsdiagnostik gelten IQ-Tests als Erfolgsmodell. „Intelligenz ist ein wesentlicher Faktor, um beruflichen Erfolg vorherzusagen“, sagt Bühner. Das liegt daran, wie Intelligenz in den Tests gemessen wird: Schlussfolgerndes Denken dürfte schließlich in jedem Arbeitsalltag hilfreich sein. Im Idealfall werden die IQ-Tests jedoch mit anderen Personalauswahlverfahren kombiniert. Schließlich spielen auch Persönlichkeitsmerkmale eine wesentliche Rolle im Beruf und die haben mit Intelligenz wenig zu tun. Bei der Bewerberauswahl werden IQ-Tests in Deutschland vor allem bei Azubis eingesetzt. „Intelligenz sagt den Erfolg in Berufen mit komplexen Aufgaben gut vorher. Sie müssten also eigentlich etwa für die Auswahl im Management angewendet werden“, sagt Markus Bühner. Das aber ist bislang selten der Fall.

„Einen hohen IQ müsste man haben.“ – Stimmt das?

Wer nicht hochbegabt ist, ist in guter Gesellschaft: Die meisten Menschen haben einen IQ-Wert zwischen 85 und 115. Nur etwa zwei Prozent liegen mit ihrem IQ über 130. „Für ein Individuum ist der eigene IQ nicht sonderlich relevant“, sagt Markus Bühner. Zudem ist es schwer, die eigenen kognitiven Fähigkeiten selbst einzuschätzen. Und zu meinen, man könne bei Verwandten, Freunden oder Kollegen erkennen, wie schlau sie sind (oder nicht), ist ebenfalls ein Trugschluss: „Schnell und logisch denken zu können ist das, was Hochbegabung ausmacht. Sehr intelligente Menschen können schnell verstehen, Anforderungen schnell umsetzen und auch schnell antworten. Aber jeder Mensch hat auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und ist von seinen Gewohnheiten geprägt. Wer aus einem gemütlichen Umfeld kommt, spricht womöglich auch als Hochintelligenter langsam“, sagt Markus Bühner. „Menschen bestehen nicht nur aus ihrer Intelligenz.“

„Die Menschen werden immer intelligenter.“ – Stimmt das?

In den 1980er-Jahren fiel dem neuseeländischen Politikprofessor James Flynn auf, dass die gemessenen IQ-Werte über die Jahrzehnte in vielen Ländern zunahmen. Dieser sogenannte Flynn-Effekt wurde von anderen Forschern bestätigt, die Menschen schienen also im Laufe der Generationen tatsächlich klüger zu werden. Seit einigen Jahren ist damit aber offenbar Schluss. Im Gegenteil: Auf einmal zeigen Studien, dass die IQ-Werte stagnieren oder gar sinken.

„Die Effekte sind allerdings sehr uneinheitlich und nicht sehr groß. Die Variation der IQ-Werte innerhalb einer Kohorte ist viel größer als die Veränderung im Durchschnitt über die Kohorten hinweg. Es werden in der Literatur Umwelteinflüsse diskutiert wie Änderungen bei der Erziehung oder Bildung und andere Konsumgewohnheiten von Medien. „Die Ursachenklärung ist bis jetzt aus meiner Sicht noch nicht hinreichend erfolgt“, sagt Markus Bühner.

Nicola Holzapfel / LMU München, 12.07.2019
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