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Reif für die Ausbildung?!

Immer wieder wird in der Öffentlichkeit diskutiert, welche Voraussetzungen Jugendliche erfüllen müssen, um eine Berufsausbildung aufnehmen zu können. Die Bandbreite der von den ausbildenden Unternehmen gewünschten Merkmalen reicht dabei von schulischen Leistungen über Arbeitstugenden bis hin zu sozialen Kompetenzen. Doch häufig werden die jungen Bewerber diesen Anforderungen nicht vollends gerecht.

Sitzende Jugendliche
Viele Fähigkeiten und Kompetenzen der Bewerber lassen sich noch im Verlauf der Ausbildung weiterentwickeln. Für den Start reicht eine gute Basis aus.
Die Halbjahreszeugnisse sind für viele Schülerinnen und Schüler der Startschuss für die Suche nach einem freien Ausbildungsplatz. Erfahrungsgemäß werden kurz darauf die Klagen der Ausbildungsbetriebe lauter, keine geeigneten Bewerber für ihre freien Lehrstellen zu gewinnen. Doch was heißt eigentlich „geeignet“? Eine allgemeingültige Definition hierfür gibt es nicht. Dennoch können generelle Aspekte benannt werden, die Personaler gerne betrachten, um Rückschlüsse über den jungen Bewerber zu ziehen.

Schulwissen

Dass Kandidaten rechnen, schreiben und lesen können, wird als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Je nach Ausbildungsberuf schauen die Personaler noch auf weitere Noten. Im gewerblich-technischen Bereich beispielsweise sind die Fächer Physik, Technik und Werken von Bedeutung; für viele kaufmännische Berufe brauchen die Bewerber neben Deutsch und Mathe auch Fremdsprachenkenntnisse.

Arbeitstugenden

Ordnung, Fleiß, Sorgfalt, Pünktlichkeit und Höflichkeit klingen in vielen Ohren antiquiert, doch Kandidaten, denen es an eben diesen Tugenden mangelt, werden es schwer haben, in der Berufswelt Fuß zu fassen. Ordentliche Bewerbungsunterlagen ohne Flecken und/oder Eselsohren, höfliches Verhalten am Telefon, pünktliches Erscheinen zum Vorstellungsgespräch – mit diesen Verhaltensweisen demonstrieren Schulabgänger, dass sie eine gute Kinderstube genossen und von ihren Eltern gewisse Umgangsformen mit auf den Weg bekommen haben.

Soziale Kompetenzen

Eigentlich aus dem Englischen, haben sich die sog. „Soft Skills“ soweit im deutschen Sprachgebrauch etabliert, dass sie sogar im Duden stehen. Die „Kompetenz im zwischenmenschlichen Bereich, Fähigkeit im Umgang mit anderen Menschen“ verwenden viele Praktiker als Sammelbegriff für Fähigkeiten wie bspw. Team-, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, über die Bewerber laut Stellenanzeigen zwingend verfügen sollten.

Ausbildungsreife definieren

Schulische Leistungen, Arbeitstugenden, soziale Kompetenzen – jeder versteht unter Ausbildungsreife also etwas Anderes. Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Bildung haben sich daher im „Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland“ zusammengeschlossen und einen Kriterienkatalog zur Ausbildungsreife erarbeitet. Dabei werden die unterschiedlichen Merkmale, anhand derer die Ausbildungsreife eines Jugendlichen beurteilt werden kann, definiert und in fünf Bereiche eingeteilt: schulische Grundkenntnisse, Denkvermögen, körperliche Verfassung, soziale Fähigkeiten und Berufswahlreife.

Herrscht bei den ersten vier genannten Bereichen noch Konsens, so scheiden sich beim fünften Bereich, der Berufswahlreife, die Geister. Für die einen Experten ist sie ganz klar ein Merkmal der Ausbildungsreife, für die anderen ist sie dieser chronologisch vorgelagert. Nach letztgenannten Verfechtern ergibt sich demnach die Abfolge Berufswahlreife – Ausbildungsreife – Berufseignung.

Inhaltlich geht es bei dem Merkmal Berufswahlreife darum, dass Jugendliche sich selber einschätzen können, d. h. dass sie ihre eigenen Stärken und Schwächen sowie Interessen und Neigungen kennen und in der Lage sind, diese mit verschiedenen Berufen in Zusammenhang zu bringen. Dieses kann natürlich nur gelingen, wenn die Jugendlichen wissen, wie sie sich Informationen zu verschiedenen Berufen und ihren jeweiligen Voraussetzungen und Anforderungen beschaffen können. Das zweite Kriterium neben der Selbstkenntnis ist also das Berufswissen. Erst wenn beide Kriterien erfüllt sind, vermag es der Jugendliche, plausible Gründe für seine Berufswahl anzuführen – eine wichtige Eigenschaft, die er braucht, um bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz in seinem Wunschberuf zu überzeugen.

ausbildungsreif = geeignet?

Nehmen wir an, ein Jugendlicher kann sowohl als berufswahl- als auch als ausbildungsreif angesehen werden; er verfügt also über Selbsteinschätzungs- und Informationskompetenz und erfüllt außerdem die allgemeinen Voraussetzungen, die für die Aufnahme einer Ausbildung grundsätzlich relevant sind. Für den Beruf geeignet ist er damit noch lange nicht. Die Berufseignung bezieht sich, wie schon die Bezeichnung vermuten lässt, auf die Eignung für einen bestimmten Beruf bzw. für ein bestimmtes Berufsfeld. So sollten die individuellen Neigungen, Interessen und Fähigkeiten des Jugendlichen mit den berufsspezifischen Anforderungen übereinstimmen; ebenso die beruflichen Ziele des Jugendlichen mit den Zukunftschancen in dem gewählten Beruf. In einfachen Worten: Jugendlicher und Ausbildungsberuf passen einfach zueinander.

Ob dies der Fall ist und „es einfach passt“, lässt sich beispielsweise im Rahmen eines Praktikums feststellen. Prof. Dr. Ernst Deuer, Mitherausgeber des Buches „Berufsorientierung aus Unternehmenssicht: Fachkräfterekrutierung am Übergang Schule-Beruf“, appelliert: „Ausbildungsbetriebe müssen sich stärker um die Berufswahl junger Menschen kümmern. Wir brauchen dringend eine bessere Berufsorientierung, die die Betriebe mitgestalten sollten.“ Auch hält er es für geboten, ein neues Verständnis von Ausbildungsreife zu entwickeln, um die Nachwuchsprobleme in der dualen Ausbildung perspektivisch zu lösen.

Praxisbeispiel Phoenix Contact: Wie Hauptschüler zur Ausbildungsreife gebracht werden

Insbesondere Hauptschüler haben es häufig schwer, nach der Schule einen Ausbildungsplatz zu finden. Dies will Phoenix Contact mit seinem Projekt „Aubikom“ ändern, in das jedes Jahr bis zu 15 Schülerinnen und Schüler der örtlichen Hauptschule Blomberg aufgenommen werden. Das Projekt, dessen Name auf den Begriff „Ausbildungs-Kompetenz“ zurückgeht, läuft über zweieinhalb Jahre: Während der ersten zwölf Monate besuchen die Jugendlichen die 10. Klasse, mit vier zusätzlichen Unterrichtsstunden pro Woche. Danach folgen 18 Monate Ausbildungs- und Fördermaßnahmen im Betrieb.

Die Unterrichtsmethoden beinhalten Frontalunterricht, Selbstlernphasen, Einzel- und Gruppenarbeiten. Klar spielt dabei die Vermittlung von Grundwissen in Deutsch, Mathe, Physik und Technik eine Rolle. Das besondere Augenmerk von Ausbildern und Lehrern liegt jedoch auf der Förderung der sog. Soft Skills wie Team- und Kommunikationsfähigkeit, Engagement, Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Ein wichtiges Element ist die individuelle Förderung eines jeden Schützlings. In regelmäßigen Einzelgesprächen wird die persönliche Entwicklung beurteilt, der Lernfortschritt kontrolliert und individuelle Fördermaßnahmen abgestimmt.

Bei erfolgreichem Abschluss des Projekts winkt fünf Teilnehmern die Übernahme in ein Ausbildungsverhältnis bei Phoenix Contact. Alle Teilnehmer bekommen außerdem ein Zertifikat, welches sie ihren Bewerbungsunterlagen beilegen können. Mit Erfolg: Von den Teilnehmern, die nicht übernommen werden, finden anschließend über 80 Prozent einen Ausbildungsplatz in einem anderen Unternehmen.

„Einige der Jugendlichen starten mit Vieren oder Fünfen in Mathe und Physik - wahrlich keine guten Voraussetzungen“, sagt Angela Josephs, Head of Corporate Communications bei Phoenix Contact. „Wenn solche vermeintlich schweren Fälle dann aber ihre Facharbeiterprüfung bestehen oder sogar einen Techniker- oder Meistertitel erwerben, macht uns das besonders stolz und bestätigt uns darin, das Projekt weiter fortzuführen.“

Ausbildende Unternehmen müssen also umdenken: Auch, wenn es die Personaler vielfach wünschen und erwarten, ist es nicht zwingend notwendig, dass jugendliche Bewerber sämtliche Kompetenzen von Anfang an im gewünschten Umfang mitbringen. Ein gewisses Grundmaß reicht aus. Viel wichtiger ist die Fähigkeit, die Fach-, Methoden- und Sozialkompetenz im Laufe der Ausbildung weiter auszubauen.

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