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Silvester-Klassiker: Die Tradition des Bleigießens

Bleigießen ist der Klassiker zu Silvester: Man schmilzt Blei- beziehungsweise seit ein paar Jahren Zinn- und Wachsklümpchen über einer Kerzenflamme und gießt die Flüssigkeit in kaltes Wasser. Die Form, in der sie erstarrt, soll uns dann etwas über das kommende Jahr verraten. Doch woher stammt die Tradition? Und wieso ist Bleigießen seit 2018 verboten?
AMA, 30.12.2022
Schmelzen eines Bleiklümpchens über einer Kerzenflamme

© hydrangea100, GettyImages

Die Blume steht für neue Freundschaften, das Dreieck für unerwarteten Geldsegen und das Kreuz für eine bevorstehende Krankheit. Angeblich sagen die Formen, die man an Silvester beim Bleigießen erschafft, persönliche Erfahrungen im Verlauf des nächsten Jahres voraus. Auch wenn dieser Silvesterbrauch heute nicht mehr allzu ernst genommen wird und eher als Party-Gag gilt, hat die Tradition doch die Jahrhunderte überdauert.

Wie funktioniert Bleigießen?

Zum Bleigießen benötigt man Bleiklümpchen, einen Löffel, eine Kerze, eine Schüssel mit kaltem Wasser und eine Interpretationshilfe. Das Blei wird auf dem Löffel platziert und über die Kerzenflamme gehalten, bis es geschmolzen ist. Danach schüttet man es in die Schüssel mit kaltem Wasser, wodurch die Flüssigkeit abgeschreckt wird und erstarrt. Die dabei entstandene Form und deren Schatten im Kerzenlicht werden dann mithilfe der Interpretationshilfe gedeutet und voilá: Das nächste Jahr steht fest, wenn auch eher mit einem Augenzwinkern.

Woher kommt Bleigießen?

Mithilfe eines Orakels in das anstehende Jahr zu blicken, ist ein uralter Brauch. Doch wer zuerst auf die Idee kam, dies mithilfe von geschmolzenem Blei zu tun, ist nicht eindeutig überliefert. Manche historische Überlieferungen nennen Babylonien oder Griechenland als Wiege des Bleigießens, doch die meisten gehen von Rom als Herkunftsort aus. Das hängt damit zusammen, dass die Römer einst große Mengen an Blei verarbeiteten und es deshalb naheliegt, dass sie das Material auch zu anderen Zwecken nutzten. 

Ob jemand im nächsten Jahr die große Liebe finden oder reich werden würde, stand damals allerdings nicht im Zentrum des Interesses. Vielmehr ging es darum, mittels Bleigießen vorauszusagen, ob beispielsweise ein Feldzug Erfolg haben würde. Im Mittelalter sollte dann häufig der Verlauf einer Krankheit vorhergesehen werden.

Warum ist Bleigießen heute verboten?

Bleigießen im klassischen Sinne gehört mittlerweile allerdings der Vergangenheit an. Seit 2018 dürfen in Drogerien und Supermärkten keine Gießsets mit echtem Blei mehr verkauft werden. Der Grund dafür war ein neues EU-Gesetz, das den Grenzwert für den Bleigehalt in Produkten auf maximal 0,3 Prozent festgelegt hat. In den Bleifiguren der frei verkäuflichen Sets steckten allerdings über 70 Prozent Blei.

Blei ist ein Schwermetall und bereits in niedriger Dosis giftig für unseren Körper. Es schädigt Nervensystem und Hirnfunktion. Wenn Kinder kleinste Mengen davon aufnehmen, kann das ihre Intelligenz, ihre Aufmerksamkeit und ihr Verhalten negativ beeinflussen. Gerade beim Bleigießen kommen Kinder sehr leicht mit dem giftigen Schwermetall in Kontakt. Sie atmen es zum Beispiel ein, wenn das Blei über der Kerzenflamme erhitzt wird, oder könnten es mit einem Spielzeug verwechseln und in den Mund nehmen.

Welche Alternativen gibt es?

Alternativ zum traditionellen Bleigießen sind mittlerweile verschiedene andere Optionen auf dem Markt, darunter Zinn- oder Wachsgießsets, die vom Prinzip her genauso funktionieren wie das Original. Ebenfalls geeignet ist Orakeln mit Figuren aus Brot- oder Keksteig. Dazu schüttet man rohen Teig vorsichtig in siedendes Öl, lässt ihn kurz ausbacken und fischt ihn dann wieder zum Formdeuten heraus. Kartenlegen oder Kaffeesatzlesen kommen auch als alternative Orakelformen in Frage. Wer das Original nicht missen will, kann mittlerweile per App virtuell Bleigießen.

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