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René Descartes: Ein Zweifler aus Berufung

Welche Welt findet René Descartes vor?

Den Dreißigjährigen Krieg: Europa ist von Religionsstreitigkeiten zerrissen, die Scholastik in Begriffsgefechten erstarrt. Descartes will ein zuverlässiges Fundament des Wissens und der Wissenschaft finden.

Unser Wissen besteht aus Meinungen und Vorstellungen, von denen wir die wenigsten selbst geprüft, die meisten gutgläubig übernommen haben. Der 1596 in La Haye in der Touraine geborene und in einer Jesuitenschule erzogene Descartes hat es selbst auf seinen Reisen erfahren – jedes Land hat eigene Sitten und Ansichten. Kann sich ein Kannibale nicht ebenso auf eine Tradition berufen wie wir? Und wie steht es mit der Philosophie, der Metaphysik? »Ich sah, dass sie von den ausgezeichnetsten Köpfen einer Reihe von Jahrhunderten gepflegt worden ist, und dass es gleichwohl noch nichts in ihr gibt, worüber nicht gestritten würde.« Wer Sicherheit will, der kann nicht auf unsicherem Grund bauen. Alles Brüchige muss zunächst eingerissen werden.

Wo beginnt Philosophie?

Am Anfang der Gewissheit steht der radikale Zweifel. Schon in der antiken Philosophie gab es die Skepsis. Doch Descartes ist der Erste, der den Weg des Zweifels in dieser Konsequenz zu Ende geht.

In seinen »Meditationen über die Grundlagen der Philosophie« macht er genau das, was ihn seit seiner Jugend bewegt: »Einmal im Leben alles von Grund auf umstoßen und von den ersten Grundlagen an neu beginnen.«

Was ist die grundlegende Erkenntnis?

Wo finden wir Gewissheit? In unserer Sinneserfahrung? Die Sinne können uns täuschen, und wenn wir glauben, etwas sicher wahrzunehmen, so können wir doch träumen. Aber die Wahrheiten der Logik, der Mathematik? Dass zwei und drei fünf ergibt, dass das Quadrat vier Seiten hat, müsste das nicht selbst im Traum sicher sein? Doch wie, wenn selbst diese Überzeugungen uns nur von Gott oder von einem böswilligen Geist eingegeben worden sind? Descartes zieht dies nicht wirklich in Erwägung. Es geht ihm um ein Gedankenexperiment, um die Frage: Könnte unser Denken manipuliert sein? Wenn diese Möglichkeit besteht – und wie wollen wir sie ausschließen –, dann bleibt keine einzige Gewissheit, auf die wir bauen können. Und doch: Es gibt einen archimedischen Punkt in unserem Denken. Dieser Punkt ist das Ich. Was feststeht, ist, »dass dieser Satz: —Ich bin, ich existiere‹, sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist«. Diese berühmte Einsicht »cogito, ergo sum« (Ich denke, also bin ich) ist kein logischer Schluss, somit auch nicht irrtumsanfällig. Es ist eine Gewissheit, die wir in jedem Denkakt miterfassen. Dieses geistige Selbstbewusstsein wird nun zum Fundament der Erkenntnis.

Existiert Gott?

Descartes meint, es beweisen zu können. Was die Gewissheit des »cogito, ergo sum« ausmacht, ist, dass es sich um eine »klare und deutliche« Einsicht handelt. Descartes leitet daraus das allgemeine Kriterium ab, »dass alles das wahr ist, was ich ganz klar und deutlich einsehe.« Solche klaren und deutlichen Einsichten sind die »eingeborenen Ideen«, und das sind in erster Linie Gott, Geist und Materie. In komplexen Argumentationsgängen erbringt Descartes zunächst den Beweis für die Existenz eines allmächtigen, guten Gottes. Unter anderem führt er an, dass jede Idee in uns eine Ursache von mindestens ebenso großem Sachgehalt haben muss. Das bedeutet, dass die Gottesidee nicht durch uns selbst, sondern nur durch ein vollkommenes Wesen verursacht sein kann. Der Vollkommenheit dieses Wesens widerspräche es aber, wenn es uns betrügen wollte.

Gibt es Materie?

Wenn aber Gott uns nicht täuscht und wir eine klare und deutliche Vorstellung von einer materiellen Welt besitzen, muss diese auch existieren. Descartes bestimmt nun Geist als Denken, Materie als Ausdehnung. Er versteht beide als voneinander unabhängige Substanzen. Dadurch ist die Unsterblichkeit der Seele gewährleistet. Allerdings geht er in dieser Trennung so weit, dass er die Natur rein mechanisch begreift und Tiere, da sie nicht denken können, nur als perfekte Automaten sieht. Damit begründet er eine Naturauffassung, die lange Gültigkeit haben soll.

Was beschäftigte den Philosophen?

Alles andere als ein »Stubenphilosoph«, verbringt er Jahre auf Reisen durch Europa und in Kriegsdiensten des Statthalters Moritz von Nassau und des Kurfürsten von Bayern. Er ist ein guter Fechter und Tennisspieler. Als Mathematiker steht er am Beginn der modernen analytischen Geometrie. Er beeinflusst Physik und Medizin seiner Zeit. In der Philosophie tritt durch ihn eine Wende ein. Die Frage nach den Grenzen unserer Erkenntnis dominiert von nun an. Das Subjekt wird Ausgangspunkt der Gewissheit. Dieser Weg führt konsequent zu Kants Trennung von Ich und Ding-an-sich und zum deutschen Idealismus. Mit René Descartes beginnt die Neuzeit.

Wussten Sie, dass …

der Philosoph nach dem frühen Tod seines Vaters und der Wiederverheiratung der Mutter bei seiner Großmutter und einer Amme aufwuchs?

Descartes, der 1629 für 18 Jahre nach Holland übersiedelt war, dort mit seiner Dienstmagd ein Kind zeugte, das aber fünfjährig bereits starb?

der Philosoph 1649 auf Aufforderung Königin Christines von Schweden nach Stockholm zog, wo er täglich um 5 Uhr bei ihrem Frühstück zugegen sein musste? Auf dem Weg dorthin soll er sich eine Lungenentzündung zugezogen haben, an der er 1650 starb.

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