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Booster-Impfung: Was sie bringt und warum sie nötig ist

Lange galt die Corona-Impfung als der Weg aus der Pandemie: Zweimal pieksen und alles wird wieder gut – so jedenfalls stellten es manche dar. Doch inzwischen ist klar, dass es leider nicht so einfach ist: Die Impfquote ist zu niedrig und diejenigen, die geimpft sind, sollen sich nun noch eine dritte Dosis verpassen lassen. Aber warum? Bedeutet dies, dass die Impfstoffe doch nicht richtig wirken? Und warum wirken mache Impfstoffe ein Leben lang, aber nicht die gegen SARS-CoV-2?

Eigentlich schien die Strategie klar: Wenn wir möglichst viele Menschen gegen Covid-19 impfen, schützen wir nicht nur jeden Einzelnen vor einem schweren Verlauf der Infektion – wir beenden auch die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen. Noch bis in den Sommer 2021 hinein war dies die vorherrschende Ansicht.

Doch das SARS-CoV-2, unser Immunsystem und auch die mangelnde Impfbereitschaft vieler Menschen haben diesem so schönen Plan einen Strich durch die Rechnung gemacht. Was aber ist schief gegangen? Und war diese Entwicklung absehbar? Die Antwort hierauf lautet wohl Ja und Nein.

Warum reicht die aktuelle Impfquote nicht (mehr)?

Ein Aspekt war von Anfang an klar: Wir benötigen eine bestimmte Quote Geimpfter, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Denn wenn ein infizierter Menschen möglichst keinem empfänglichen, ungeimpften anderen mehr begegnet, kann das Virus auch nicht auf einen neuen Wirt überspringen – die Infektionskette ist gestoppt.  Im Sommer 2020 hielten Virologen und Epidemiologen für diese Herdenimmunität noch eine Impfquote rund 75 Prozent für ausreichend. Damals grassierten noch Varianten des Coronavirus, die in ihrer Übertragbarkeit dem ursprünglichen Virustyp entsprachen.

Doch dann entwickelte sich erst in England die Alphavariante und später in Indien die Deltavariante von SARS-CoV-2, die inzwischen weltweit dominant ist. Beide Mutanten sind deutlich ansteckender als die noch 2020 verbreitete Virusvarianten. Das aber bedeutet auch, dass die Modelle zur Herdenimmunität nicht mehr stimmen – im Sommer 2020 war dies noch nicht voraussehbar.

Je ansteckender ein Virus ist, desto höher muss die Rate der Unempfänglichen, Geschützten liegen, um eine weitere Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern.  Dass Epidemiologen inzwischen eine Herdenimmunität erst bei mindestens 85 Prozent Geimpften oder Genesenen sehen, ist daher keine willkürliche Schikane oder ein Eingeständnis früherer Falschberechnungen. Stattdessen liegt es schlicht an der dynamischen Weiterentwicklung des Erregers, denn auch das Virus passt sich immer weiter an und optimiert sich. In gewisser Weise ist die Pandemiebekämpfung daher immer auch eine Art Wettrüsten zwischen Medizin und Erreger.

Wie lange hält eine Impfung?

Ein zweiter Punkt ist ein Faktor, der unser Immunsystem und seine Reaktion auf die Impfstoffe und das Coronavirus betrifft. Es gibt Infektionskrankheiten, gegen die eine Impfung jahrelang, manchmal sogar so gut wie lebenslang hält. Denn das Immunsystem behält die nötigen Informationen in Form von Gedächtniszellen dauerhaft. Selbst wenn nach Jahren keine passenden Antikörper oder Killerzellen mehr im Blut patrouillieren, reicht die Präsenz weniger dieser Zellen aus, um eine ausreichende Abwehrreaktion anzustoßen – wenn auch mit leichter Verzögerung.

Einen solchen langanhaltenden Schutz bieten beispielsweise für die im Kleinkindalter verabreichten Vakzinen gegen Masern, Mumps und Röteln: Nach zwei in kurzem Abstand erhaltenen Impfdosen hält die damit erworbene Immunisierung in den meisten Fällen ein Leben lang. Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Polio oder Keuchhusten halten immerhin rund zehn Jahre.

Und warum lässt der Immunschutz nach?

Doch es gibt auch Erreger und Infektionen, gegen die die Impfung weniger lange hilft. Auch in diesen Fällen besitzt unser Immunsystem durchaus noch Gedächtniszellen mit dem nötigen "Steckbrief" des Erreger besitzt. Einige Viren weichen dieser Abwehr aber aus, in dem sie sich relativ schnell durch Mutationen verändern, wie beispielsweise die Grippe. Dadurch kursieren in fast jeder Grippesaison andere Varianten der Influenzaviren. Wenn sie auch die Erkennungsmerkmale verändert haben, die in den Gedächtniszellen gespeichert sind, können sie trotz früherer Erkrankung oder Impfung unerkannt in den Körper eindringen und sich vermehren. Um dies zu verhindern, werden die Grippeimpfstoffe jedes Jahr neu an die gerade umgehenden Virusvarianten angepasst.

Wie aber ist dies bei SARSCoV-2? Zwar hat sich auch dieses Coronavirus seit Anfang 2020 durch Mutationen verändert. Doch die meisten Merkmale, die in den Vakzinen enthalten sind oder die sich unser Immunsystem bei einer Infektion mit dem Erreger gemerkt hat, stimmen noch überein. Deshalb ist die Schutzwirkung der Impfstoffe zwar leicht ehrabgesetzt, vor allem die mRNA-Vakzinen bieten aber auch gegen die Deltavariante noch einen rund 90-prozentigen Schutz gegen einen schweren Verlauf von Covid-19.

Allerdings: Dieser volle Impfschutz gilt nur, sofern die Impfung relativ frisch ist und noch Antikörper und T-Zellen gegen das Virus im Körper kursieren. Nach vier bis sechs Monaten sinkt der Titer der Antikörper und Abwehrzellen im Blut aber deutlich ab, wie man inzwischen weiß. Zwar sind die Gedächtniszellen nach wie vor präsent. Weil es aber eine leichte Verzögerung gibt, bis sie Alarm geschlagen und die geballte Abwehrreaktion mitsamt neuen Antikörpern und T-Killerzellen in Gang gebracht haben, können sich manche Viren schon in unseren Geweben vermehren, bevor das Immunsystem richtig aktiv wird – auch SARS-Cov-2. Wir können dann krank werden, obwohl wir geimpft sind – wenn auch meistens nicht so schwer.

Warum hat man das nicht vorausgesehen?

Das Coronavirus SARS-CoV-2 ist ein völlig neues, noch zuvor in der Menschheit aufgetretener Erreger. Daher war vieles an seinem Verhalten und auch an der Immunreaktion auf dieses Virus zu Beginn der Pandemie völlig unbekannt. Virologen und Epidemiologen konnten daher einige Effekte anfangs nicht absehen. Dazu gehört auch, wie lange der Impfschutz voraussichtlich anhalten wird. Allerdings hatten bereits gegen Ende 2020 erste Studien mit Genesenen darauf hingedeutet, dass es nach rund einem halben Jahr zu einer erneuten Infektion kommen kann.

Wie schnell der Immunschutz nach der Covid-19-Impfung aber konkret nachlässt und wie stark, ist erst klar, seitdem die Impfungen laufen und es Fälle von Impfdurchbrüchen gibt. Vor allem Studien in Israel, die uns in der Impfkampagne im Frühjahr 2021 weit voraus waren, haben dann unter anderem gezeigt, dass die Zahl der Impfdurchbrüche etwa vier bis sechs Monate nach der Impfung mit einem mRNA-Impfstoff ansteigt. Weil die Einmalimpfung mit Johnson & Johnson zudem weniger gut gegen die Deltavariante schützt, lässt bei ihr der Impfschutz schon deutlich früher nach.

Was bewirkt die Booster-Impfung?

Die Auffrischungsimpfung bringt das Immunsystem erneut in Kontakt mit den Erkennungsmerkmalen des Virus, in diesem Fall mit dem Spike-Protein von SARS-CoV-2. Dadurch werden zum einen die schon vorhandenen Gedächtniszellen aktiviert und produzieren große Mengen neuer Antikörper und T-Zellen. Zum anderen werden aber auch zusätzliche Gedächtniszellen angelegt, die dann vor allem in den sensiblen "Einfallstoren der Nase und Atemwege sitzen. Das führt dazu, dass der Immunschutz nun stark verbessert wird - und möglicherweise dann auch länger anhält.

NPO, 22.11.2021
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