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Heuschreckenschwärme – eine biblische Plage aus Einzelgängern

Heuschreckenschwärme sind eine echte Katastrophe. Denn die hunderte Millionen Individuen umfassenden Schwärme können ganze Landstriche kahlfressen. Paradoxerweise sind Heuschrecken eigentlich Einzelgänger. Wenn sie sich am Ende der Regenzeit jedoch explosionsartig vermehren, ändert sich ihr Verhalten hormonbedingt und sie bilden riesige Schwärme.

Mann läuft durch eine Heuschreckenschwarm
Wüstenheuschrecken schwärmen in Äthiopien, Kenia und Somalia.

Eine neue Epidemie breitet sich in China aus, Australien steht in Flammen und Heuschrecken fallen über Afrika her. Man könnte meinen, das Ende der Welt ist diesmal wirklich nahe. Zumindest die Heuschreckenplagen im Nahen Osten sind aber nicht wirklich neu, sondern schon seit tausenden von Jahren Geißel der Menschheit.

Katastrophe in Ostafrika

Berühmt wurden Heuschreckenplagen schon durch die Erwähnung in der Bibel. Aber auch heute schaffen sie es alle paar Jahre wieder in die Medien. Seit Anfang 2020 leidet nun Ostafrika unter den gefräßigen Schwärmen der Wüstenheuschrecken – so schlimm wie seit 70 Jahren nicht mehr. Vor allem Kenia, Äthiopien und Somalia sind betroffen. Für die afrikanischen Länder ist dies eine Katastrophe, denn schon ein kleiner Teil eines solchen Heuschreckenschwarms kann an einem Tag Nahrung von bis zu 2.500 Menschen vernichten. Die Insekten fressen fast alles: Hirse, Reis, Getreide und Zuckerohr.

Heuschrecken nehmen am Tag etwa ihr eigenes Körpergewicht an Nahrung zu sich. Das sind zwar nur etwa zwei Gramm pro Tier, doch diese Schwärme bestehen aus hunderten Millionen von Individuen. Die Ausdehnung der Schwärme beträgt hunderte von Quadratkilometern. In Kenia wurden Schwärme beobachtet, die größer als das komplette Saarland waren.

Heuschreckenschwarm breim Fressen, Samburu County, Ololokwe, Kenya (2020)
Das große Fressen

Wenn die Umgebung einmal kahlgefressen ist, zieht das Heuschrecken-Kollektiv auf der Suche nach neuen Futterstellen weiter. In der Vergangenheit haben Schwärme dabei sogar schon den Atlantik von Nordafrika bis in die Karibik überquert. Unterwegs legten sie mehrmals Rast auf Schiffen ein. Oder auch direkt auf der Wasseroberfläche. Die ersten Schichte der Heuschrecken ertranken zwar, die Leichen bildeten aber eine Art schwimmenden Teppich, auf dem sich die nachfolgenden Insekten ausruhen konnten.

Verbreitungsgebiet der Wüstenheuschrecke
Verbereitungsgebiet der Wüstenheuschrecke

Normalerweise führen Wüstenheuschrecken ein einzelgängerisches Leben in den auf der Karte grün gekennzeichneten Regionen. Wenn die Zahl der Heuschrecken explosionsartig wächst und sich riesige Schwärme bilden, fallen sie auf ihren zerstörerischen Streifzügen auch in die umliegenden, auf der Karte gelb gefärbten Regionen ein.

Glücklich im Kollektiv

Besonders paradox daran: Heuschrecken sind eigentlich Einzelgänger. Erst wenn die Bedingungen für sie günstig sind – etwa durch ein reichhaltiges Nahrungsangebot und Regen – sammeln sie sich in Gruppen und vermehren sich schlagartig. Wenn die Zahl der Heuschrecken explosionsartig wächst und sie dicht aufeinander gedrängt leben müssen, findet eine Verwandlung der Insekten statt. Sie wechseln ihre Farbe von grün zu braungelb und werden unruhig. Schließlich bilden sie riesige Schwärme, bis zu 150 Kilometer am Tag zurücklegen und alles in der Umgebung kahlfressen.

Verantwortlich für diese zerstörerischen Streifzüge der Heuschreckenschwärme soll ausgerechnet das Glückshormon Serotonin sein. Wenn die Wanderheuschrecken den Duft ihrer Artgenossen riechen und ihre Berührungen an den Beinen spüren, schütten sie verstärkt Serotonin aus. Durch die Hormonänderung kommt es auch zu Verhaltensänderung der gefräßigen Grashüpfer, die nun kein Problem mehr damit haben, im riesigen Kollektiv zu leben und sich gegenseitig zu tolerieren. Bisher weiß man allerdings erstaunlich wenig darüber, was genau bei dieser Verwandlung passiert.

L5-Nymphen der Wüstenheuschrecke Schistocerca gregaria, Sudan
Nicht erst die geflügelten Tiere, sondern bereits die Nymphen zeigen Schwarmverhalten.Nymphenform zeigt das Schwarmverhalten.

Gewinner des Klimawandels

In der Zukunft werden die Bauern in Ostafrika noch öfter mit solchen Katastrophen rechnen müssen, den Heuschrecken  gehören zu den Gewinnern des Klimawandels. Wüstenheuschrecken legen ihre Eier in die feuchte Erde, damit sie nicht austrocknen. In Ostafrika vermehren sich Wüstenheuschrecken vor allem am Ende der Regenzeit oder nach tropischen Wirbelstürmen mit darauffolgendem Regen.

Durch den Klimawandel und die Erwärmung des Indischen Ozeans treten nicht nur Wirbelstürme in der Region häufiger auf. Auch die  Regenzeiten werden länger und  intensiver und bilden ideale Lebensbedingungen für die rapide Vermehrung der Wüstenheuschrecken. Entsprechend groß ist die Angst vor weiteren Insektenplagen in Ostafrika.

Wüstenheuschrecken (Schistocerca gregaria)
Die Wüstenheuschrecke ist eine sehr große Feldheuschreckenart. Weibchen erreichen 70 bis 90 Millimeter Körperlänge, die Männchen sind etwa kleiner.

Gegenmaßnahmen selten erfolgreich

Mit althergebrachten Methoden lässt sich die Plage kaum bekämpfen, dazu ist die Masse an Heuschrecken einfach zu groß. Feuer und Fallen sind nutzlos gegen sie. Man könnte die proteinreichen Heuschrecken zwar theoretisch auch als Nahrungsquelle zu nutzen, aber gegen die schieren Massen kommt  das bloße Einfangen und Verarbeiten nicht an.

Es gibt aber einige biologische und biochemische Methoden, um der Plage Herr zu werden. Dazu zählen bestimmte Pilze, die Heuschrecken befallen, sich durch ihren Chitinpanzer bohren und sie dadurch umbringen. Allerdings dauert es bis zu zwei Wochen, bis 90 Prozent der Heuschrecken mit dieser Methode getötet sind. Deshalb sollte das Mittel möglichst im frühen Stadium eingesetzt werden.

Reizvoll wäre natürlich die Idee, dass gefräßige Kollektiv wieder in harmlose Einzelgänger "umzuerziehen". Vor ein paar Jahren fanden Forscher heraus, dass dies mit dem Wirkstoff Phenylacetonitril möglich ist, der den Serotoninspiegel reguliert. Unter dem Einfluss der Substanz verwandelten sich Heuschrecken im Labortest wieder in harmlose Einzelgänger. Leider ist diese Substanz giftig für die Umwelt – und damit wohl keine Option.

Damit bleibt den Bauern in Ostafrika nur die Möglichkeit, mit herkömmlichen Insektiziden gegen die Heuschrecken vorzugehen. Diese töten aber nicht nur Heuschrecken, sondern auch zahlreiche andere Lebewesen – auch die potenziellen Fressfeinde der Wüstenheuschrecke.

SRE, 14.02.2020
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