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„Ich bin dann mal weg“ – Reisen ohne Geld, Ziel und Stress

Immer mehr Technik, mehr Arbeiten, mehr Sicherheit – es gibt viele Gründe, warum Menschen im Urlaub das Gegenteil von Stress und durchorganisiertem Alltag suchen. Stattdessen heißt es: Einfach die Tasche packen und mal schauen, wohin der Wind uns trägt. Aber wie kommt man gut durch die Welt ohne Plan und Geld?
MAH

Daumen raus: Wer trampt kommt ohne viel Geld ans Ziel.

commons.wikimedia.org / Drozd / Gemeinfrei

Es ist nach einer Zeit von Pauschalreise und Cluburlaub wieder zum Trend geworden: Aufbrechen, Straßen, Berge und Meere bezwingen, planlos sein in einer durchgeplanten Gesellschaft und mal schauen, was die Welt sonst noch zu bieten hat – mit möglichst wenig Geld. Viele Abenteurer machen es vor, aber meistens lesen wir von ihnen lediglich auf Facebook, in Artikeln oder auf Blogs: Der Kanadier Jean Beliveau beispielsweise lief einmal um die ganze Welt. 75.000 Kilometer weit, durch 64 Länder, 11 Jahre lang.

Man muss aber nicht gleich zum Aussteiger werden. Die grundlegenden Fragen, die sich jeder stellen muss, bevor oder nachdem er aufbricht: Wo soll ich schlafen, wo und was kann ich essen, und vor allem: Wie komme ich zu diesem Ort? Die letzte Frage stellt sich wohl unmittelbar, sonst kommt man nur so weit, wie einen die eigenen Beine tragen. Und das ist nun mal bei den meisten Menschen nicht sonderlich weit.

„Richtung Meer“

Die einfachste Methode heißt: Daumen raus und mitnehmen lassen. Sie sind auf den Straßen selten geworden, die Tramper. Früher war auch das anders, üblich eben. Dann galt es lange Zeit als viel zu gefährlich und war fast ausgestorben. Inzwischen erlebt „per Anhalter“ aber ein Revival. Die Vorteile liegen auf der Hand: Kein lästiges Buchen, kein Abmessen und Wiegen des Handgepäcks, kein Stress. Einfach los. Der Weg? Den bestimmt die Himmelsrichtung – und der Zufall.  

Eigentlich kann man das schon so machen: Auf und los. Risiken gibt es nämlich entgegen vieler Vorstellungen kaum. Natürlich sollte man sich an einige Regeln halten und lieber vorsichtig als nachsichtig sein. Dazu gehört etwa, dass man möglichst nicht nachts reisen sollte. Wer ein ungutes Gefühl hat, wartet lieber auf das nächste Auto. Alle Tipps und Tricks kann man auf Seiten wie hitchwiki.org nachlesen. Nicht vergessen darf man, dass beispielsweise in Italien Trampen verboten ist oder in Israel „Daumen raus“ bedeutet, dass man im horizontalen Gewerbe tätig ist. Ansonsten ist es eine wunderbare Art zu Reisen, Menschen kennenzulernen und vielleicht findet man so auch direkt einen Schlafplatz für die Nacht. Und wegkommen tut man immer, früher oder später.

Kostenloses Essen gleich ums Eck

Wer reist, wird hungrig. Und gerade beim Trampen sitzt man oft lange Zeit auf dem Asphalt und dreht Däumchen. Wer noch auf Deutschlands Straßen hockt, hat gute Chancen, kostenlos an einige Snacks zu kommen. Walnüsse, Kastanien, Äpfel, Kirschen, Holunder - sie alle wachsen im Herbst an Bäumen und die Städte sind voll davon. Mundraub.org zeigt jedem tausende von Stellen, wo es einen kleinen Snack umsonst gibt- das gilt natürlich auch fürs Land. Die Schwierigkeit liegt dann nur noch darin, die Kostbarkeiten ohne Leiter zu erreichen.

Eine Alternative, an Essen zu kommen, sind die Plattformen foodsharing.de oder mealsharing.com. Beim Foodsharing geben Mitmenschen Nahrungsmittel ab, die sie über haben. Gerade beim Reisen, wenn die Taschen mal nicht so voll gefüllt sind, ist es eine super Gelegenheit, sich zwischendurch etwas zu Essen zu besorgen. Auf der Internetseite wird angezeigt, wo es was zu holen gibt. Mealsharing ist eine Nummer aufwendiger, aber auch internationaler. Fremde öffnen ihre Türen und laden für kleines Geld zum Essen ein. Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert - einfach mal reinzuschauen.

Grauzone Wildcampen

Naht der Abend, braucht man wohl oder übel eine Unterkunft. Am liebsten würde man gleich sein Zelt am Wegesrand aufschlagen, den Campingkocher rausholen und mit einem Bier den Sonnenuntergang genießen. Aber so einfach ist das meistens nicht. Wildcampen ist in den meisten Ländern Europas nicht erlaubt, auch in Deutschland ist es verboten. Den Bauern zu fragen, ob man auf seinem Land kampieren kann, ist aber erlaubt und viele Landwirte haben auch nichts dagegen.

Ob das Wildcampen anderswo erlaubt ist oder nicht, kann man leicht in Erfahrung bringen. Etwa auf den Internetseiten nature-x.com oder wild-campen.de. Hier findet man auch weitere Tipps und Verhaltensnormen. Immer gilt jedoch: Wir sind Gast in der Natur. Also hinterlässt man den Ort genauso, wie man ihn vorgefunden hat. Wer kein Zelt dabei hat, aber kurzfristig ein Dach über dem Kopf braucht, kann es auf Portalen wie Couchsurfing oder Staydu versuchen.

Eine Hand wäscht die andere

Wenn man gerade mal einige Tage mehr Zeit hat, oder auch spontan eine Bleibe sucht, kann man über die Alternative Arbeit-gegen-Schlafplatz nachdenken. Hier gibt es tausende von Angebote, die einem helfen ein Dach über dem Kopf zu ergattern. Gerade in großen Städten könnte das eine willkommene Möglichkeit sein, da sowohl Arbeit als auch ein günstiger Schlafplatz hier schwer zu bekommen sind.

Vielleicht möchte man aber auch ein paar Tage in der Natur genießen und beispielsweise auf einem ökologischen Bauernhof mit anpacken. Die Arbeiten reichen von Farmarbeit bis zum Housekeeping, die Anbieter vom Privathaushalt bis zum Hostel. Mögliche Internetseiten für die Recherche sind wwoof, helpx, Workaway oder Housecarers.

Dem Ehrgeiz der oder des Reisenden sind keine Grenzen gesteckt.

mithiander / thinkstock

Trampen über Meer und Ozeane

Hat man die ersehnte Küste erreicht, erstreckt sich das Meer bis zum Horizont. Und jetzt? Endstation? Nicht unbedingt. Denn auch hier gibt es die Möglichkeit, Handarbeit gegen Koje zu tauschen. Auf verschiedenen Booten kann man als Skipper anheuern: Über die Ostsee, das Mittelmeer oder gar über die Ozeane und um den Globus.

Meist muss es wahrscheinlich spontan passieren: Vor Ort sein, Zeit haben, ablegen. Und auch Wetter und Meere richten sich nach keinem Plan und keinen Regeln. Wer hier von A nach B kommen möchte, muss sich darauf einstellen, dass es schnell gehen muss oder man mal einige Tage im Hafen liegen bleibt. Eine Koje findet man etwa auf handgegenkoje.de der hand-gegen-koje.net.

Einfach los.

Also, mit einer Handvoll Tipps und Hilfen muss es gar nicht so schwer sein, auf der Reise ohne ein ganzes Bündel Geldscheine und einen konkreten Plan auszukommen. Auf jeden Fall ist man hinterher um eine Menge Erfahrungen und Geschichten reicher. Denn oft lernt man beim Trampen oder Couchsurfing die interessantesten Menschen kennen, erlebt die seltsamsten Geschichten auf Autobahnraststätten und fern ab von der Zivilisation und ab und an knüpft man auch Kontakte fürs Leben – zu Land und Leuten.

Und nicht selten lernt man sich selbst ganz neu kennen. Das einzige was man wirklich braucht für eine Reise, ist eine Portion Mut und Lust. Ansonsten heißt es: Einfach los.

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