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Urlaub in Griechenland?

Mit seinem blauen Meer und seinen antiken Sehenswürdigkeiten gehörte Griechenland viele Jahre lang zu den beliebtesten Ferienzielen der Deutschen. Aber im dritten Jahr der Eurokrise haben sich viele deutsche Touristen von dem kleinen Land mit den vielen Inseln abgewandt. Dabei braucht Griechenland gerade jetzt die Einnahmen aus dem Tourismus dringender denn je.
Von wissen.de-Redakteurin Alexandra Mankarios

Insel Santorin, Griechenland
Kessler Medien, Saarbrücken
Türkis glitzert das Meer in Strandnähe. Weiter draußen färbt es sich etwas dunkler, in perfektem Kontrast zu dem leuchtenden Blau des wolkenlosen Himmels. Als schmaler weißer Streifen umsäumt der feinsandige Strand die Küste der beschaulichen Ferienregion Kassandra, gelegentlich unterbrechen Steilküsten die feine weiße Linie.

Die nur etwa zehn Kilometer breite und 50 Kilometer lange Landzunge ist einer von drei „Fingern“, mit denen sich die nordgriechische Halbinsel Chalkidiki ins Mittelmeer reckt. In Kassandras Pinienwäldern zirpen Scharen von Grillen, eine sanfte Brise sorgt in der griechisch-heißen Sonne für ein wenig Abkühlung.

Es fällt schwer zu glauben, dass es den Menschen, die dieses paradiesische Szenario täglich vor Augen haben, schlecht gehen kann. Aber die Schuldenkrise, in der Griechenland seit drei Jahren steckt, hat auch die malerischen Küstendörfer und Ferienorte erfasst.

 

Tourismus in Griechenland

Badebucht auf Kassandra, Chalkidiki
Alexandra Mankarios, Hamburg
„Zum Glück sind wir ausgebucht“, freut sich Kostas Filipidis. Zusammen mit seiner Schwester Evgenia betreibt der 31-jährige eine kleine Pension in Afitos, einem malerischen, bei Touristen für seine traditionelle Architektur beliebten Dorf auf Kassandra. „Uns geht es gut, weil wir viele ausländische Gäste haben. Von unseren griechischen Stammgästen sind in diesem Jahr allerdings viele nicht gekommen“, beschreibt Kostas. "Vielen Pensionen, die in den vergangenen Jahren vor allem griechische Gäste hatten, geht es aber weniger gut."

Tatsächlich hört man in den Straßen von Afitos in diesem Sommer vor allem Russisch, Bulgarisch oder Englisch. Viele der Griechen, die sonst in Scharen aus der nahegelegenen Großstadt Thessaloniki angereist sind, bleiben im dritten Sommer seit Beginn der Krise lieber zu Hause: Nicht nur die Zimmerpreise, sondern auch die Benzinkosten für die 80 Kilometer lange Anfahrt sprengen die zurzeit knappen Budgets vieler Griechen.

 

Weniger deutsche Touristen

Und noch eine Sprache hört man in Griechenlands Ferienorten seltener als in den Vorjahren: Deutsch. Die allgemeine Finanzkrise in Griechenland hat viele Deutsche in diesem Jahr bewogen, ihren Urlaub lieber in einem anderen Land zu verbringen. Die Angst, durch einen Fluglotsenstreik im Land festzusitzen, vor leeren Geldautomaten zu stehen oder gar zu erleben, dass das gebuchte Hotel pleite macht, treibt die Deutschen in krisensichere Feriengebiete in Spanien, Italien oder der Türkei.

Warnungen von Reiseexperten und Juristen schürten vor allem im Frühjahr diese Ängste. Der Touristik-Konzern TUI riet im Mai – als die Proteste gegen die Sparmaßnahmen in Griechenland besonders heftig kochten ­– dazu, für alle Fälle genügend Bargeld nach Griechenland mitzunehmen, falls der Euro-Austritt während der Urlaubszeit erfolge und Engpässe bei der Versorgung mit Drachmen entstünden. Reiseexperten warnten vor der frühen Buchung von Fähr- oder Flugtickets bei griechischen Gesellschaften – auch diese Unternehmen könnten in der Zwischenzeit den Geschäftsbetrieb einstellen. Und das Auswärtige Amt empfiehlt Griechenland-Urlaubern, sich für alle Fälle von Menschenansammlungen und Demonstrationen fernzuhalten.

Aber die Furcht vor Störungen ihrer verdienten Urlaubsruhe ist nicht der einzige Grund, warum mancher Deutsche bei der Buchung eines Griechenlandurlaubs zögert. Durch Medienberichte aufgeschreckt befürchten sie, dass sie nach den rigiden Sparvorgaben Angela Merkels in Griechenland nicht mehr willkommen sind. Brennende Deutschlandfahnen auf griechischen Demonstrationen, Fotomontagen in griechischen Zeitungen, die Angela Merkel in Nazi-Uniform zeigen – die Bilder, die uns in den vergangenen Monaten aus Griechenland erreicht haben, erwecken den Anschein, dass deutsche Urlauber zurzeit nicht gerade Spitzenplätze in der Gunst der Griechen belegen.

„Das ist Unsinn“, stellt Kostas Filipidis klar. „Wir können sehr gut zwischen der Politik und dem persönlichen Kontakt unterscheiden.“ Ressentiments gegenüber deutschen Touristen hält er für unwahrscheinlich. „Wir hatten immer gute Beziehungen mit den Deutschen, die in Griechenland Urlaub gemacht haben. Daran ändert auch die Krise nichts.“

 

Griechenland braucht den Tourismus

Gerade jetzt könnte Griechenland ausländische Touristen besonders gut gebrauchen. 16,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet das Land mit dem Tourismus. Laut dem griechischen Verband der Touristik-Unternehmen SETE ist das Reisegeschäft der größte Industriezweig des Landes, 768.000 Griechen hängen direkt oder indirekt vom Tourismus ab, 6,8 Prozent der gesamten Bevölkerung. Deshalb sind die geringen Reisebuchungen ein schwerer Schlag für Griechenland.

Vor allem die Urlaubsdomizile auf den Kykladen, auf dem Peloponnes und in Zentralgriechenland verzeichneten bis zu 40 Prozent weniger Buchungen aus dem Ausland, etwas besser kamen die Ferienregionen in Nordgriechenland, auf Kreta und den Dodekanes-Inseln davon – je weiter weg von der Hauptstadt Athen, desto geringer die Verluste. Eine Zunahme an Buchungen konnte allerdings in Griechenland keine Ferienregion verzeichnen.

 

Griechenland-Urlaub günstiger denn je

Um doch noch ein paar Reiselustige mehr von einem Urlaub in Griechenland zu überzeugen, reagierten die deutschen Reiseunternehmen mit erheblichen Preissenkungen: Mit Rabatten bis zu 30 Prozent versuchen die Veranstalter, Spätbucher an die griechischen Strände zu locken. Mit Erfolg: Mitte Juli verkündete etwa das Reiseunternehmen Thomas Cook, dass die Griechenland-Buchungen wieder angezogen hätten.

Auch das Wahlergebnis, mit dem sich die Griechen im Juni für einen Verbleib in der Eurozone ausgesprochen hatten, könnte zu dieser Entwicklung beigetragen haben. "Gibt es negative Schlagzeilen, sinken die Buchungen, ist einige Zeit Ruhe, steigen sie wieder", erklärte Thomas Cooks Deutschland-Chef Peter Fankhauser.

 

Das Orakel schweigt, aber das Meer ist noch immer blau

Tempelanlage Delphi
mev, Augsburg
Hoch an den Hängen des Parnass auf dem griechischen Festland erheben sich über Olivenhainen die Ruinen des Orakels von Delphi. Sicher spazieren auch heute ein paar griechische und ausländische Touristen an den antiken Säulen entlang und versuchen, ein Echo der Kraft aufzufangen, die vor 2.000 Jahren von dem Apollo-Heiligtum ausging. Wenn noch heute Priesterinnen in Trance mit ihren Weissagungen die dringenden Fragen Rat suchender Griechen beantworten würden, könnten sie wahrscheinlich auch nicht voraussagen, wann für Griechenland wieder bessere Zeiten anbrechen. Doch obwohl das Orakel heute schweigt – einen Besuch sind die Altertümer in Griechenland noch immer wert, jetzt vielleicht mehr denn je, um daran zu erinnern, dass das kleine, krisengeschüttelte Griechenland einmal ganz andere Zeiten erlebt hat.

Und das Meer ist noch immer blau, die Sonne scheint unbeeindruckt von der Schuldenkrise mit ihrer Wärme auf Griechenland hinunter, die Wassermelonen sind saftig und schmecken süß – es gibt trotz der Eurokrise unzählige gute Gründe, dem kleinen Land mit der großen Geschichte ein paar Urlaubswochen zu widmen.

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