Lexikon
germạnische Dichtung
die mündlich weitergegebene Dichtung der germanischen Stämme. Unsere Kenntnisse von der germanischen Dichtung sind nachträglich erschlossen und nicht mit Sicherheit auf alle germanischen Stämme zu beziehen. Erst mit und nach der Bekehrung lernten die Germanen die christliche Schriftkultur kennen und damit den Gebrauch des lateinischen Alphabets. Quellen sind deshalb in der Hauptsache spätantike und mittelalterliche lateinische Schriftsteller, vereinzelte Aufzeichnungen nach der Bekehrung und insbesondere die altnordische Überlieferung auf Island seit dem 12. Jahrhundert. Bei allen genannten Quellen muss grundsätzlich mit christlichem Einfluss gerechnet werden. Die germanische Dichtung bediente sich des Stabreims und bevorzugte zumindest in der Spätzeit eine umschreibungsreiche Sprache. Seit der späteren Zeit weiß man von Dichtern, die im Westgermanischen als Skop und im Altnordischen als Skalde bezeichnet wurden.
Als Gattungen kannten die Germanen wahrscheinlich Ritualdichtungen bei Opferfeiern, Totenklagen, Schlachtgesang, Zauberdichtung, Spruchweisheiten und Merkdichtung, Rätsel, Sagen über die Stammesursprünge, Lyrik wie Tanz-, Liebes- und Spottstrophen sowie Preislieder. Mit der Völkerwanderungszeit kamen höhere Gattungen auf, insbesondere das längere Erzähllied. Als Lied und Prosaerzählung wurden seitdem Heldensagen überliefert. Zu den nach der Bekehrung schriftlich überlieferten Texten, die zumindest teilweise den Traditionen german. Dichtung folgen, gehören das altenglische Epos Beowulf, das althochdeutsche Hildebrandslied und die Merseburger Zaubersprüche, die altnordischen Götter- u. Heldenlieder der Älteren Edda.
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