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LEXIKON

schweizerische Musik

Die heutige Schweiz stand seit dem 1. Jahrhundert unter ständig wechselnder Herrschaft (Römer, Burgunder, Alemannen, Franken, Deutsches Reich, Habsburger). Dadurch verlief die musikgeschichtliche Entwicklung des Landes über viele Jahrhunderte hinweg aus heutiger Sicht grenzüberschreitend, so dass die Schweiz sich nicht nur als ein multikulturelles Land präsentiert, das die verschiedensten Einflüsse assimilierte und auch in der Gegenwart pflegt, sondern dessen zentrale musikalische Errungenschaften und Gestalten ebenso in anderen Nationen bedeutende Spuren hinterlassen haben. Die schweizerische Musik zeichnet sich daher heute durch eine Vielfalt an Stilen und Klängen, Traditionen und Innovationen aus.

Volksmusik

Die musikalische Vielfalt in einer Synthese aus Fremdeinflüssen und eigenen Traditionen spiegelt sich vor allem in der Volksmusik wider. Zu den ältesten Gattungen gehören dabei die historischen Lieder, die seit dem 14. Jahrhundert zeitgenössische Ereignisse kommentierten wie in Werner Steiners „Liederchronik“ (15321536) oder im „Chronicon Helveticum“ von Aegidius von Tschudi. Die Ideale und Ereignisse der Französischen Revolution spiegeln sich in den „Chants révolutionnaires et patriotiques“ wider und in den im 18. Jahrhundert aufkommenden Schweizerliedern von J. K. Lavater, die z. B. von Hans Georg Nägeli vertont wurden. Die Traditionen der Alpenbewohner brachten den seit 1545 belegten Kuhreihen hervor, der das Zusammentreiben und Melken der Kühe begleitete und auch Komponisten wie Ludwig van Beethoven, Gioacchino Rossini oder Hector Berlioz inspirierte. Heute erklingt der Kuhreihen vor allem auf dem Alphorn oder in der Bearbeitung als mehrstimmiges Chorlied. Fest mit der Alpenwelt verbunden ist auch der Betruf oder „Alpsegen“ als Gebetsruf, mit dem der Senn um Schutz für die Alp bittet. Als charakteristische Schweizer Musik entwickelte sich im 19. Jahrhundert aus dem textlosen (Natur-)Jodeln das vom romantischen Kunstlied beeinflusste Jodellied, das heute meist vom Schwyzerörgeli, einer Akkordeonart, begleitet wird. Daneben existiert ein reichhaltiges Volksliedrepertoire in Hochsprache und Dialekten mit einer Vielfalt an Jahreszeiten-, Kult- und Brauchtumsliedern.
Die
instrumentale Volksmusik
geht auf die mittelalterlichen Spielleute, Trommler, Pfeifer u. a. zurück, die auf Schalmei, Drehleier, Dudelsack und Hackbrett spielten; bereits aus dem 16. Jahrhundert ist auch die Verwendung des Alphorns bezeugt, das seit den 1920er Jahren eine Renaissance erlebt hat. Aus dem umfangreichen Repertoire an Volkstänzen entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Ländlermusik, die sich später unter dem Einfluss des Jazz zum Ländler-Fox wandelte. Typische Tanzmusikinstrumente sind Klarinette, Trompete, (Bass-)Geige, Zither und Schwyzerörgeli. Regionale Besonderheiten sind die Appenzeller Streichmusik sowie die Mandolinen-Gitarren-Ensembles und die Bandellas (kleine Blaskapellen) im Tessin. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts hat sich die Volksmusik zu einer flächendeckenden Bewegung entwickelt, die zahlreiche neue Lieder im volkstümlichen Ton hervorbrachte und heute ein lebendiger Bestandteil der Schweizer Kultur ist (Unspunnenfest, Eidgenössisches Jodlerfest).

Kunstmusik

Auch die schweizerische Kunstmusik ist mit ihren vielfältigen Einflüssen ein Spiegelbild der wechselvollen Landesgeschichte. Ihre Wurzeln liegen in den Klöstern des Mittelalters, besonders in St. Gallen. Dort wurde Ende des 10. Jahrhunderts die Tradition des Osterspiels begründet. Im 12. Jahrhundert hielten über die Klöster von Einsiedeln und Engelberg (Engelberger Codices) germanische und romanische bzw. französische Stilelemente Einzug. Einen Aufschwung nahm die Kirchenmusik im 13. Jahrhundert durch die Verbreitung der geistlichen Spiele, die Einführung der Mehrstimmigkeit und das Wirken von Kantoren an den Kathedralen. Parallel dazu etablierte sich der weltliche Minnesang (Manessische Liederhandschrift).
In der
Renaissance
revolutionierte Henricus Glareanus mit dem „Dodekachordon“ die mittelalterliche Musiklehre. Die Vokalmusik des 15. und 16. Jahrhunderts wurde entscheidend von ausländischen Komponisten(schulen) geprägt und zeigt Einflüsse der franko-flämischen Musik sowie des deutschen Tenorliedes (Ludwig Senfl). Die Reformation bedeutete für die Schweizer Kirchenmusik einen tiefgreifenden Einschnitt mit einem reduzierten Gemeindegesang und Verbannung der Orgel(musik) aus den Gottesdiensten. Trotzdem fand die schlichte akkordische Version von Claude Goudimels Psalmvertonungen Eingang in den Genfer Psalter. Nach der Reformation blühte das kirchenmusikalische Leben nur langsam wieder auf, das auf katholischer Seite von einem kulturellen Dialog mit Süddeutschland lebte.
Die Gründung von Collegia musica führte im
17. Jahrhundert
zu einem lebendigen Musikleben, das neben (zeitgenössischen) europäischen auch die Werke einheimischer Komponisten präsentierte. Aus dem Schuldrama entwickelte sich eine Frühform der Operette. Mit der Gründung des schweizerischen Bundesstaates im Jahr 1848 erlebte das Kulturleben eine einzigartige Blüte, die jedoch außer im Amateurbereich immer noch hauptsächlich von ausländischen Künstlern getragen wurde. Die „Schweizerische Musikgesellschaft“ fungierte als Veranstalter großer Konzert- und Oratorienaufführungen, die u. a. zeitgenössische Komponisten aus dem Ausland wie Carl Maria von Weber oder Richard Wagner anzogen. Bedeutende Schweizer Musiker waren neben H. G. Nägeli, der den Chorgesang belebte, Friedrich Hegar (Gründung des Tonhalle-Orchesters Zürich; Oratorien und Männerchorwerke), der Sinfoniker Hans Huber und der u. a. mit Opern hervorgetretene Joseph Joachim Raff. Als besondere Schweizer Gattung entstand 1886 in Anlehnung an die Oper das Festspiel, in dem Amateurmusiker und darsteller zentrale Ereignisse der Schweizer Geschichte präsentieren.
Zu Beginn des
20. Jahrhunderts
suchten die Schweizer Komponisten Anschluss an die (zeitgenössischen) europäischen Musikstile. So orientiert sich Hermann Suter an Johannes Brahms, zeigen Friedrich Kloses (* 1862,  1942) Werke ebenso spätromantische Einflüsse wie diejenigen Volkmar Andreaes, während Heinrich Sutermeisters Opern von der italienischen Schule beeinflusst sind und Albert Moeschinger traditionelle und zeitgenössischen Elemente miteinander verband. Zu den führenden Schweizer Komponisten des 20. Jahrhunderts gehören Ernest Bloch mit seinen vom jüdischen Glauben inspirierten Werken, Arthur Honegger (besonders Opern und Oratorien), F. Martin (Zwölftontechnik) und der Liederkomponist Othmar Schoeck. Als Opernintendant und Komponist erfolgreich war Rolf Liebermann, der in seinen Werken Jazzmusik mit Zwölftontechnik verband. Eine wichtige Rolle als Dirigent und publizistischer Gegner der Dodekaphonie spielte Ernest Ansermet. In der zeitgenössischen schweizerischen Kirchenmusik sind besonders Adolf Brunner (* 1901,  1992) und Albert Jenny (* 1912,  1992) hervorgetreten.
Eigene Spuren in der zeitgenössischen Musik hinterließen u. a. auch der deutsche Dirigent Hermann Scherchen (elektroakustische Studien), der mit Sprechchören experimentierende Wladimir Vogel, der Oboist und kompositorische „Grenzgänger“ Heinz Holliger Jacques Wildberger (Zwölftontechnik und serielle Musik), und der Musikpädagoge Emile Jaques-Dalcroze (* 1865,  1950). Forschungen zur zeitgenössischen Musik betrieben Jacques Guyonnet (* 1933) und Pierre Mariétan (* 1935). Die Schweizer Musik der Gegenwart ist von einem Stilpluralismus gekennzeichnet, in dem sich volksmusikalische Elemente ebenso finden (Jean Hans August Daetwyler; * 1904,  1994) wie elektroakustische (Geneviève Calame; * 1946,  1993) und Klang-Experimente (Beat Furrer) oder improvisierte Musik (Alfred Zimmerlin, * 1955).
Darüber hinaus sind Filmkomponisten wie Robert Blum (* 1900,  1994) oder Paul Burkhard mit seinen Operetten hervorgetreten. Der Jazz etablierte sich in den 1920er Jahren und wird heute in renommierten Festivals wie dem Montreux Jazz Festival gepflegt. In einer Auseinandersetzung mit dem traditionellen Volksliedgut und geprägt von Georges Brassens etablierte sich in den 1960er Jahren das schweizerische Chanson durch Mani Matter (* 1936,  1972). Als politische Liedermacher treten u. a. Aernschd (Ernst) Born (* 1949) und Walter Lietha in Erscheinung, und Polo Hofer (* 1945) begründete in den 1970er Jahren den Berner Mundartrock.
Musikalisches Zentrum der Schweiz ist Zürich mit einem Opernhaus, dem Tonhalle-Orchester, Kammerorchestern, Festivals (u. a. mit Country Music und Jazz) sowie einer seit 1992 stattfindenden Street Parade. Basel avancierte seit den 1950er Jahren u. a. durch die Paul Sacher Stiftung zu einem Zentrum zeitgenössischer Musik, während Genf die Heimat des Orchestre de la Suisse Romande ist. Daneben bereichert eine Vielzahl weiterer Festivals wie das Verbier Festival in Vevey, das Opernfestival in Avenches und das Lucerne Festival die kulturelle Landschaft.
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