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Eschenbachs Parzival: Vom tumben Toren zum edlen Ritter

Wer war Wolfram von Eschenbach?

Der im fränkischen Eschenbach in der Nähe von Ansbach geborene Wolfram (um 1170 bis 1220) lebte am Hof des kunstsinnigen Landgrafen Hermann von Thüringen, unter dem auch der berühmte »Sängerkrieg auf der Wartburg« stattgefunden haben soll. Neben höfischen Epen (»Willehalm«, um 1215, und »Titurel«, nach 1215, der die Familiengeschichte Parzivals um die Vorgeschichte erweitert) ist Wolfram für seine Tagelieder bekannt, in denen die Liebenden nach einer gemeinsam verbrachten Nacht ihren Abschiedsschmerz kundtun. Unter den Dichtern seiner Zeit ist er formal wie inhaltlich einer der interessantesten; sein Werk zeugt ebenso von vielfältiger Bildung wie von Eigenwilligkeit und Menschenkenntnis.

Welche Bedeutung hat der »Parzival«?

Der »Parzival« (um 1200/1210), Wolframs wichtigstes und einziges vollständig erhaltenes Werk, ist ein 25 000-Verse-Epos in 16 Büchern nach dem Vorbild von »Perceval oder Die Erzählung vom Gral« von Chrétien de Troyes. Es wurde mehrmals umgearbeitet und auf diese Weise zu einem nahezu unentwirrbaren, anspielungsreichen Geflecht von Einzelhandlungen verdichtet, an dem bislang fast alle strukturanalytischen, stoff-, religions- oder ideengeschichtlichen Deutungsversuche scheiterten.

Worum geht es in dem Vers-Epos?

Thema ist das Heranreifen Parzivals zum vorbildlichen Ritter und Gralskönig, wobei der wie ein Leitmotiv erscheinende »zwîvel« (auch in religiöser Hinsicht) sich nach und nach zur »staete« (Beständigkeit) wandelt. Schon zu Beginn klingt das religiöse Thema an: Parzivals Vater Gahmuret, der dem Artusgeschlecht entstammte, stürzte zwei Frauen ins Unglück, indem er sie verließ und auf einem Kreuzzug das Leben verlor: die »Mohren«-Königin Belcane mit dem gemeinsamen Sohn Feirefiz und Parzivals Mutter Herzeloyde aus dem Geschlecht der Gralskönige. Herzeloyde, die dem Sohn das Schicksal seines Vaters ersparen will, zieht ihn in der Wildnis groß und stattet ihn mit einer Mähre und einem Narrengewand aus, als sie nicht verhindern kann, dass er nach einer Begegnung mit Rittern ebenfalls nach »aventiure« dürstet.

Welche Entwicklung durchläuft Parzival?

Analog zur Heilsgeschichte vollzieht sich Parzivals Wandlung vom »tumben toren« zum Gralskönig, vom naiven Paradieszustand des Nicht-Wissens über den Sündenfall zur Erlösung. Durch naive Befolgung der Ratschläge, die man ihm gegeben hat, wird er mehrfach schuldig: an seiner Mutter Herzeloyde, die aus Schmerz über seinen Weggang stirbt, an der schlafenden Jeschute, der er Kuss und Brosche raubt, und an seinem Verwandten Ither, den er erschlägt, ohne zu wissen, wen er vor sich hat.

Bei seinem Onkel Gurnemanz durchläuft er die formale Ritterschule, wobei er dessen Ermahnung »ir sult niht vil gefragen« falsch interpretiert: Nachdem er Condwiramurs als Gattin gewonnen und wieder verlassen hat, vermeidet er auf der Burg Munsalvaesche die durch die christliche caritas gebotene Frage nach der tödlichen Wunde seines Onkels, des Gralskönigs Anfortas.

Wie kommt es zur Läuterung?

Zunächst folgt der doppelten Verfluchung (durch seine Cousine Sigune und die Gralsbotin Cundrie) ein trotziger Versuch, den Gral zu gewinnen – ohne Einsicht in seine Schuld. Erst nach der Begegnung mit dem idealen Ritter Gawan weist ihm sein Onkel, der Einsiedler Trevrizent, den Weg zu Reue und Gnade, und er erhält Gelegenheit, seine ritterliche Reife unter Beweis zu stellen. Ein Zusammentreffen mit seinem heidnischen Halbbruder Feirefiz, der sich als Muster an Ritterlichkeit erweist, führt zu seiner Aufnahme in die Artusrunde. Als die Gralsbotin Parzival noch einmal nach Munsalvaesche ruft, stellt er seinem Onkel die erlösende Frage. Er gewinnt Gral und »saelde« (irdisches und transzendentes Glück) und findet Condwiramurs wieder, die ihm inzwischen Zwillinge geboren hat.

Welchen Widerhall fand der »Parzival« in der Nachwelt?

Die breite Rezeption der Gralsthematik schlug sich in Bearbeitungen und Neudichtungen nieder (Wolframs »Titurel«, nach 1215; Heinrich von dem Türlin, »Krone«, 1220; Albrecht von Scharfenberg, »Jüngerer Titurel«, 1280; Colin und Wisse, 14. Jahrhundert; Ulrich Füetrer, 15. Jahrhundert). Ihre heutige Bekanntheit ist Richard Wagner zu verdanken, der unter dem Eindruck von Arthur Schopenhauers Willensmetaphysik sein 1882 uraufgeführtes Bühnenweihfestspiel »Parsifal« schuf. Im Zuge der Esoterikwelle trieb sie manch skurrile Blüte, etwa im Film »Indiana Jones und der letzte Kreuzzug« (1989).

Was ist der heilige Gral?

Im Mythos vom Gral (altfranzösisch graal), überliefert durch die Gralsromane von Chrétien de Troyes und Robert de Boron, verdichten sich jüdisch-christliche und keltische Symbolik, mystisch-alchemistische Vorstellungen (Kabbala, »Stein der Weisen«) und Motive der Artusepik in einem geheimnisvollen, heiligen Gegenstand, der seinem Besitzer himmlisches und irdisches Glück vermittelt. In der französischen Überlieferung wird er als christlich-eucharistisches Kultgefäß interpretiert, in dem Joseph von Arimathia das Blut Jesu auffing, bei Wolfram ist der Gral ein »stein« (Edelstein) mit mystischen Qualitäten. Er wird auf der Gralsburg Munsalvaesche von einem Ritterorden bewacht und ist nur Berufenen zugänglich.

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